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Die Wahrheit · 1926-03-22 · Heft 13 (22.3.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 13 (22.3.1926)
Date
1926-03-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIB WAHRHEIT Nr. 13 Festtage der Wiener Judenschaf t. Es waren denkwürdige Tage, die das Wiener Judentum verlebt hat, Tage der Erinnerung und des Gedenkens an die Leistungen unserer Vorfahren in schwerer Zeit. Für den glänzenden Verlauf dieser Tage gebührt vor allem dem Präsidium und Vorstande der Wiener Kültusgemeinde der Dank der österreichischen Judenschaft, aber auch allen, die durch ihre Leistungen das Fest zu dem gemacht haben, was es tatsächlich bedeutet hat. So wurde die Feier des hundertjährigen Jubiläums des Stadttempels nicht bloß ein Fest der Wiener Judenschaft, sondern durch die Beteiligung der Deputationen der österreichischen Kultusgemeinden auch ein Fest der gesamten Judenheit unserer Republik. Die Festlichkeiten nahmen ihren Anfang am 16. & JVL, 6 Uhr abends, mit einer feierlichen Festsitzung des Kultusvorstandes. Den Vorsitz führte Präsident Professor Dr. Alois Pick. Als Gäste waren Oberrabbiner Dr. C h a j e s sowie der Präsident des Bethausvorstandes, Herr Anton Beck, mit den Mitgliedern des Vorstandes erschienen. Der Vorsitzende ernannte zu Verifikatoren des Protokolles die Mitglieder des VertreteTkollegiums und gewesenen Vizepräsidenten der Kültusgemeinde Siegmund Kauders und Dr. Desider Friedmann. Er beauftragte mit der Protokollführung die Amtsdirektoren und ersten Sekretäre der Kultusgemeinde Dr. Emil Adler und Guido Fuchsgelb. Präsident Prof. Dr. A. Pick richtete sodann an die Anwesenden folgende Ansprache: „Am Vorabend jenes denkwürdigen Tages, an welchem hundert Jahre seit der Einweihung des israelitischen Bethauses der Inneren Stadt verflossen sein werden, haben wir uns In diesem Saale zu einer außerordentlichen Plenarsitzung zusammengefunden. Von den Wänden grüßen uns, erinnernd, mahnend und begeisternd, die Bilder jener Männer, deren Wirken für die Wiener Judenschaft von unvergänglicher Bedeutung war. Sie haben die Fundamente geschaffen und zum großen Teä auch jenen herrlichen Bau aufgeführt, den zu hüten und weiterzugestalten unsere ehrenvolle Pflicht war und ist Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, in dessen Funktionsperiode der hundertjährige Bestand des Stadttempels fällt, war sich im klaren darüber, daß diesem Gedenktage nicht nur die Bedeutung eines hundertjährigen Synagogeniubüäums zukommt, daß er vielmehr einen Meilenstein bedeutet in der Geschichte der Wiener Judenschaft, an dem Halt zu machen, Rückschau zu pflegen und Ausblicke auf die Zukunft zu eröffnen sich wohl ziemt. Der Kultusvorstand hat ein Komitee, bestehend aus den Mitgliedern des Präsidiums, dem Oberrabbiner Herrn Dr. H. P. Chajes, dem Obmann der Kommission für Kultus- und rituelle Angelegenheiten, Herrn David Dohan, und dem Vizepräsidenten des .Bethausvorstandes, Herrn Dr. Elias Münz, damit betraut, dem Vertreterkollegium geeignete Vorschläge zu erstatten, um die Hundertjahrfeier würdig und angemessen zu begehen. Ich habe die Ehre, Ihnen die vom Vertreterkollegium gebilligten und gemäß der Ermächtigung des Plenums zur Durchführung gelangenden Maßnahmen zur Kenntnis zu bringen: Im Anschluß an unsere heutige Plenarsitzung werden wir uns in das Gotteshaus begeben, um einem Festgottesdienst beizuwohnen, dessen Programm genau jenem entspricht, nach welchem vor hundert Jahren die Einweihung dfeser Synagoge stattgefunden hat. Morgen, am 17. März 1926, um 8 Uhr abends, werden wir in einer Festversammlung, welche im großen Sofiensaal stattfindet, vor den Vertretern der Regierung und der Behörden einem größeren Teil unserer Geiiieindemitglieder die Bedeutung unserer Jubfiaumsfeier durch den Mund unseres Vizepräsidenten Dr. Jakob Ornstein verdolmetschen. Die Erinnerung an diesen Fest- und JttbeUag unserer Gemeinde dauernd zu erhalten, dienen die folgenden Beschlüsse des vorbereitenden Komitees und des Vertreterkollegiums: In unserer Gemeindebibliothek befindet sich das handschriftlich ausgefertigte erste Statut für das „Bethaus der Israeliten in Wien" vom Jahre 1829 mit den Qriginalunterschriften der damaligen Vertreter der Wiener Judenschaft und jenes großen Teiles der Tolerierten, die es gutgeheißen. Dieses Statut wurde faksimiliert und mit einem Anhang versehen, der eine Studie aus der Feder Dr. Bernhard Wachsteins, des gelehrten Vorstandes unserer Gemeindebibliothek, von hohem historischen Wert enthält. In umfassender Weise sind die Familiengeschichten der Urheber und Gutheißer dieses Statuts so dargestellt, daß ein Spiegelbild jener Zeit sich unserem geistigen Auge darbietet. Das Werk wird nur in dreihundert Exemplaren hergestellt und soll solchen Personen als Anerkennung unserer Gemeinde über Vorstandsbeschluß verliehen werden, die sich um die Judenschaft Wiens besondere Verdienste erworben haben. Es soll ferner jenen wissenschaftlichen Bibliotheken in der ganzen Welt, welche mit unserer Gemeindebibliothek in wissenschaftlichem Verkehr stehen, je ein Exemplar gewidmet werden. Eine weitere Denkschrift wird über Auftrag des Kultusvorstandes von Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d verfaßt und wird, in einer für die Jugend angemessenen Weise die Schicksale der Wiener Judenschaft, sowie das Entstehen und die Entwicklung unserer Gemeinde beleuchten. Noch vor Schluß dieses Schuljahres wollen wir die Festschrift an alle jüdischen Schüler und Studierenden der Wiener Schulen zur Verteilung bringen lassen. Das*Vorbereitende Komitee und da» Vertreterkollegium haben ferner beschlossen, die Historische Kommission der israelitischen Kultusgemeinde zu beauftragen, aus Anlaß des Jubiläums, das wir feiern, die Verfassung einer wissenschaftlich woMfundierten Geschichte der Juden in Wien zum Gegenstande der Beratung und Beschlußfassung zu machen und hierüber sowie über , die Frage einer Preisausschreibung zur Erlangung geeigneter Arbeiten dem Kultusvorstande Anträge zu stellen. Das Vertreterkollegium hat beschlossen, dem Plenum zu beantragen, daß das handschriftliche Protokoll der heutigen Plenarsitzung persönlich von den Mitgliedern des Kultus vor Standes, dem Oberrabbiner und dem Präsidium des B e tha u s v or s t.a.n d e s unterfertigt, und daß dieses Protokoll unter Anschluß des gegenwärtig in Geltung stehenden Statutes der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, gleich dem ersten Statut des „Bethauses der Israeliten in Wien", unserer Gemeindebibliothek einverleibt werde." Die Anträge des Präsidenten wurden einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Alle Teilnehmer verfügten sich sodann zu dem Festgottesdienst, der um 7 Uhr begann. Die Tempelfeier. Die Synagoge, deren hundertjähriger herrlicher Bau schon durch seine Architektur großartig wirkt, war mit Blumen und Blattpflanzen reich geschmückt, ebenso die Gedenktafeln für den ersten Prediger Isaak Noa Mannheimer und den ersten Oberkantor Professor Salomon Sulzer. Vor der Bundeslad'e befand sich der im Jahre 1826 in Verwendung gestellte, ein Kunstwerk damaliger Silberstickerei .darstellende Vorhang. Im Gotteshause hatten sich die Vorsteher der Kultusgemeinde und des Bethausvorstandes, Delegierte sämtlicher ^österreichischen Kultusgemeinden, die in Wien wirkenden Rabbiner und Kantoren, die Vertreter der Bezirkskommissionen, sowie der der Tempelvereine und Fürsorgeinstitutionen, die Lehrer und Beamten der Kultusgemeinde, ferner Zöglingsabordnungen der Waisenhäuser und Heimstätten eingefunden. Mit dem Vortrage des von weiland Professor Sulzer vertonten biblischen Textes „Wie schön sind Deine Zelte, Jakob" und des P s a 1 m s 84 in der Vertonung von Löwenstamm durch Oberkantor M. B. Kaufmann und den

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