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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 31

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 31)
Language
German
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kr. 11/12 Dffi WAHRHEIT Seite 29 vertreten waren, namens des Berliner Kultusvorstandes nahm sogar ein ZionJst an den Festveranstaltungen teil und hat auch dort gesprochen. Der nunmehrige Streitfall ist aus der angesichts des Anhängerschwunds leicht begreiflichen Sensationslust entstanden; dies beweist neben anderem der Fettdruck des Briefes, dessen „Verbrechen" darin bestand, daß er Informationen über das Verhalten der ausländischen Gemeinde gegenüber dem Keren Hajessod einholen sollt«. Was Wien anbelangt, so ist ein großer Teil der Wählerschaft, wie heute schon bewiesen, mit Gemeindespenden für den Keren Hajessod nicht einverstanden, was das Ausland anbelangt, so brachten die Briefe, wie nicht anders 'erwartet, nur Informationen und nichts anderes. Darnach verhalten sich z. B. die Berliner Gemeinde und der Landesverband der preußischen Gemeinden durchaus ablehnend, lediglich die tschechischen Gemeinden beteiligen sich am Keren Hajessod, was aber erst auf Grund der speziellen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in der Tschechoslowakei verständlich wird. Nun kommt aber bei Wien die furchtbare Situation unserer eigenen Anstalten hinzu, das Taubstummeninstitui steht mit einem Defizit von weit über 100 Millionen vor dem Ruin, die Tempelverejne» die übrigen sozialen und kulturellen Institutionen erheben ihre durch die Wirtschaftskrise nur zu berechtigten Wünsche, und wenn man gar das herzergreifende Schicksal der Einzelpersonen ins Auge faßt, da muß man sich fragen, ob man recht handelt, wenn man nicht zuerst an die eigene Not und dann erst an die doch fernerliegende denkt. Auch unsere Studenten leiden schwer und wir unterstützen sie aurch den jüdischen Hochschulausschuß in ihrem furchtbaren Daseinskampfe. Derselbe Hochschulausschuß aber findet es richtig, heute an ganz Wien Zirkulare zu versenden, worin für ein jüdisches Studentenheim in Jerusalem geworben wird, dessen Berechtigung man dann anzweifeln muß, wenn man bedenkt, daß diese Universität dn einem Lande steht, in dem der Boden noch nicht einmal reoht bebaut ist, wir aber uns in unserem Land in einer schweren Situation befindem Dr. Ornstein erwähnte schließlich in ergreifenden Worten die bevorstehende hundertjährige Jubiläumsfeier des Stadttempels, dessen Gründung das Zeichen für die heranbrechende Morgenröte war. Es war der Beginn jener Zeit, die uns die Gleichberechtigung brachte, an der wir, einmal nach langen, schweren Kämpfen errungen, ebenso festhalten wollen, wie an der Tradition unserer großen, altehrwürdigen Gemeinde. Was wir von unseren erlauchten Vorfahren übernommen, wollen wir weiterführen zum Stolz des Wiener Judentums, nicht aber durch Haß und Neid verkümmern lassen. Mit nochmaligen Worten des Dankes schloß Vizepräsident Karl Fröhlich die eindrucksvoll verlaufene Versammlung. Mitgliedschaft Graz. Die Wahlen in der Grazer Kulrusgemeinde. Wie in W i e n, so haben auch in G r a z de zwei größten jüdischen Parteien bei den letzten Wahlen in die Kultusgemeinde ein Kompromiß geschlossen, um einträchtig und unter Ausschaltung jeglicher Politik die gemeinsamen Interessen der Judenschaft zu vertreten und zu verteidigen. Doch ebenso, wie wir dies in Wien gesehen haben, gestaltete sich auch in Graz das Zusammenarbeiten mit den Jüdischnationalen immer unleidlicher, da diese entgegen dem Kompromisse immer mehr Parteipolitik in die Kultusstube zu tragen suchten. Dennoch aber versuchten auch diesmal die Führer der konservativen jüdischen Gruppe, die Herren Stern und Rendi, ein Kompromiß mit den Jüdischnationalen zu schließen, um nicht den Grazer Hakenkreuzlern und sonstigen Antisemiten das Schauspiel eines inneren Kampfes in der dortigen Judenschaft zu bieten. Allein das Kompromiß wurde durch die unerfüllbaren politischen Forderungen der Jüdischnationalen sowie durch deren sonstiges Verhalten unmöglich gemacht, so daß nunmehr die beiden großen jüdischen Parteien getrennt in den Wahlkampf ziehen. Die natürliche Folge dieser Spaltung war es, daß sich auch eine dritte Partei, die sogenannte „W i r t s c h a f t s- Partei" gebildet hat und, wie berichtet wird, sogar eine vierte Gruppe im Entstehen begriffen ist, die sich an der bevorstehenden Wahl beteiligen will. Es dürfte sich daher der Wahlkampf ziemlich heftig gestalten. Die Grazer Judenschaft wird sich nun zu entscheiden haben, ob sie das Wohl ihrer Gemeinde den erprobten Händen der im Dienste der Gemeinde ergrauten Männer anvertrauen wird, oder jenen, die politischen Schlagworten zuliebe Zwietracht in der Gemeinde gesät haben, sie wird zu wählen haben zwischen gediegener Arbeit auf der einen und politischer Verhetzung auf der anderen Seite. Wir glauben schon heute mit Sicherheit voraussagen zu können, daß die überwiegende Mehrheit der Grazer Juden, die bisher einen so vernünftigen, jeglichem Radikalismus abholden Sinn gezeigt haben, ihre Stimme für jene bewährten Männer abgeben wird, die aus der Grazer Gemeinde das gemacht haben, was sie heute ist, und sie insbesonders über die schwersten Kriegs- und Nachkriegszeiten hinwee^ebracht haben. Diese Männer haben eine Energie, eine Arbeitsfreude und Selbstaufopferung an den Tag gelegt, die sie des Dankes und des Vertrauens der gesamten Grazer Judenschaft wert erscheinen läßt. Fällt die Wahl in diesem« Sinne aus, dann braucht uns auch um das Schicksal der Grazer Kultusgemeinde nicht bange zu sein, denn dann ist die sichere Gewähr dafür vorhanden, daß ihr eine Periode des Aufschwunges, eine Zeit der Erstarkung im Innern und des steigenden Ansehens nach außen beschieden ist. Dann aber wird es sich auch zeigen, daß die Tatsache, daß das Kompromiß durch das Verschulden der Jüdischnationalen gescheitert ist, so bedauerlich dies auch vom gesamtjüdischen Standpunkte sein mag, dennoch wohltätige Folgen hatte. Es wird sich, wenn die Grazer Juden die ParteiSter n—R e n d i wählen, endlich jener innere Reinigungsprozeß in der Gemeinde vollziehen können, ohne den ein weiteres erfolgreiches Arbeiten unmöglich geworden ist. Kipper und der Alldeutsche Verband. Der vom 3. bis 8. März 1. J. vor dem Bezirksgerichte in Strafsachen in Graz durchgeführte Monsterprozeß gegen den Herausgeber des Grazer „Michel" Johann* Kipper, der eigentlich für sieben Tage anberaumt gewesen ist — wir haben's ja, wir können es uns leisten — sollte eine Dauer haben, wie sie vor diesem Gericht seit Jahren nicht erreicht worden ist. Es war eben viel Jauche zu verspritzen und es war gar köstlich zu sehen, wie die „Teutonen" alle da aufmarschierten! Hofräte, Ingenieure und, was in Graz doch nicht fehlen darf, so es sich um alldeutsche Belange handelt, ein Universitätsprofessor, H e r 11 e genannt, und der sattsam bekannte Kanzleidirektor der Universität, Dr. Ernst Weidmann, weil ja solche Gesinnung noch immer die beste wissenschaftliche Empfehlung an der hiesigen Universität ist, bis herunter zum Herrn Dr. Jakobus Stein, in welchem ich einen getauften Juden vermute. Es war nun ergötzlich zu sehen, wie die „Recken" sjcn gegenüberstanden und für die Berechtigung ihrer niohtparlamentarischen Ausdrücke und gegenseitigen In* vektiven den germanischen Kampf ausfochten. ♦ Das Substrat dieses Prozesses liegt eigentlich weit zurück und geht auf das Jahr 1922 zurück, wo man Kipper — so berichtete ein Zeuge —. au& dem Alldeutschen Verbände ausgeschlossen, weil man vermutete^ daß er an gewissen Affären, die im Zusammenhange mit dem bekannten Fürstenfelder Raubmorde stehen, mitbeteiligt gewesen sei. Dieser Ausschluß war das Signal für die ersten Angriffe des „Michel" gegen die Grazer Alldeutschen. Später wurde der Zwist beigelegt,. Kipper suchte sich nun einen Schriftleiter und fand einen solchen in der Person eines gewissen Erich Kühn, der bisher ein reichsdeutsches, rechtsradikales Organ, „Deutschlands Erneuerung" geleitet hatte, aber damals gerade ohne Posten war, weil die Reichsregierung

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