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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 30

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 30)
Language
German
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dem will, daß die Wiener Jüdische Gemeinde gut Jüdisch, also konservativ geführt wird. Von diesem mühsam aufgerichteten Bau der Wahlgemeinschaft ist nun ein Stein nach dem andern abgebröckelt oder vielmehr!, er wird von den Jüdischnationalen systematisch untergraben. Den ersten Stoß führten die Herren anläßlich des Budapester Jubiläums, bei dem sie sich nicht einmal als gut national, erwiesen, denn angeblich schlingt sich doch ein einigendes „nationales" Band um alle Juden der Welt, zu denen nun auch die Budapester gehören. Was den Keren Hajessod anbelangt, so unterstreiche diesbezüglich die Ausführungen des Vorredners, denn es bestehe tatsächlich ein großer Unterschied zwischen der SteUujßgnahme eines Privatmannes, dessen Anteilnahme am Palästinaaufbau nur lobenswert sei, und einer Gemeinde. di$ erwägen muß, ob das für diesen Zweck geopferte Geld nicht anderen Institutionen weggenommen wird, noch dazu als nach oben hin die Mittel dieser Gemeinde nicht unbegrenzt, seien und es den Steuerträgern nicht gleichgültig bleiben kann, daß man rücksichtslos für verschiedene Zwecke bedeutende Spenden leistet Auch besage der § 3 des rechtsverbindlichen Statuts der Gemeinde, daß nur «nach Maßgabe ihrer Mittel für den Bestand und die Erhaltung vorhandener Anstalten" zu sorgen sei, so daß auch im juristischen Sinne eine solche Forderung bestritten werden kann. Wenn nun der Vizepräsident der Gemeinde, dessen Fleiß, Genauigkeit und Verantwortungsgefühl allgemein bekannt ist, sich nach Stellung einei solchen Forderung um diesbezügliches Material umsieht« so ist es empörend, ihn deshalb in solcher Weise anzugreifen, denn es muß ihm doch das Recht frei bleiben, selbst den Keren Hajessod, der doch kein neuer Gott in Israel ist, zu erforschen. Richtet gegen ihn diese Angriffe Dr. Löwenherz, so sei als interessantes Detail angeführt, daß er dies wenige Stunden nach einem herzlichen Abschiede von Dr. Ornsteiti getan hat. Dieser Angriff von hinterrücks wird unterstützt durch einen Leit-, recte Leidartikel der „Morgen - Zeitung", dessen Behauptungen von A bis. Z unrichtig sind. Aber all dies geschieht nur, damit in der Menge (von einer großen Menge kann man bei der „Morgen-Zeitung" nicht sprechen) nach dem alten lateinischen Satze: „calumniareaudacter, semper aliquid höret," etwas „hängen" bleibt." „Die freie Willensentschließung soll also unmöglich gemacht, in dieser gehässigen Weise sollen Angriffe geführt werden. Das konnten wir nicht gestatten. Deshalb richtete ich als Klubobmann an den Obmann des zionistischen Klubs die Bitte, uns Vorschläge zur Erledigung der Angelegenheit zu machen. Diese Anfrage blieb lange Zeit .ohne Erledigung, bis auf Urgenz der Klub Erklärte, daß nicht er Dr. Urnstein und die anderen Herren beleidigt, sondern nur der zionistische Vizepräsident dies getan habe. Dex_ zionistische Klub stellte es Dr. Löwenherz frei, durch eine Erklärung in öffentlicher Sitzung die Angelegenheit nach seinem Ermessen zu applanieren, Dr. Löwenherz hat diese Erklärung nicht abgegeben, obwohl es nur an ihm, nicht an seinem Klub, der sich ordnungsgemäß nicht gegen eine Erklärung seinerseits stellte, lag, durch eine solche die leidige Affäre aus der Welt zu schaffen. Trotz allem werden wir um des Friedens willen Ihrer Aufforderung zur Weiterarbeit Folge leisten; Friede um jeden Preis aber ist unmöglich und dann wird es an Ihnen liegen, ob Sie mit dein btümnzettel in der Hand dokumentieren, daß die Wiener jüdische Ciemeinde nach althergebrachter Sitte und nicht mit Zank und btreit geführt werden soll." (Stürmischer Beifall.) Der näghste Redner, Herr Alexius Salz er, erregte allgemeine Bewunderung, nicht nur durch die hinreißende Art seiner Sprechkunst, sondern auch durch den gediegenen Inhalt seiner Worte, denn er bekannte sich wohl als Gegner der Wahlgemeinschafts, betonte aber, daß die Ereignisse selbsi seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen hätten. Denn die Methode, durch fortwährende Angriffe, Beleidigungen und Beschimpfungen unsere Vorstandsmajoriiät mürbe zji machen, .sei empörend und bezwecke nur, Geld für nationalpolhische Institution herauszubekommen, für die die Wiener jüdische Gemeinde rechtlich und auch nach dem klaren Willen des überwiegenden Teiles der Wiener jüdischen Bevölkerung keinen Heller hergeben jlarf. Wenn unter solchen Umständen unsere Freunde im Kultusvorstand erklären, daß sie trotzdem weiter zu arbeiten versuchen werden^ so gebührt ihnen Dank, Anerkennung und vollstes Vertrauen, insbesondere unserem verehrten Vizepräsidenten Herrn ßr. Jakob Ornstein, der uns ein geistiger Führer ist und dessen Verhöhnung wdr night dulden werdea (btürmische Jubelrufe.) Werden die Herren diesen unreinen Kampf nicht einstellen, dann kommt es eben zur reinlichen Scheidung, bei der bewiesen werden wird, daß der Großteil der Wiener jüdischen Bevölkerung ^elne zionistische Nationalpolitik in der Gemeinde verabscheut. (Beifall.) Herr S. Oesterreich er (unterbreitete als Obmann der Mitgliedschaft IX der „Union" der Versammlung eine Resolution, betonend, daß gerade dieser Bezirk zu den entschiedensten Propagatoren der Wahlgemeinschaft gehörte, die, wenn auch heute mit Recht viel geschmäht, doch den einen Erfolg hatte, daß man über die Stimmung der Wiener jüdischen Bevölkerung klar urteilen kann. Denn in Bezirken, wo die Jüdischnationalen nach ihrer Aussage angeblich dominiertem, waren trotz der Stärke an jüdischer Bevölkerungszahl bei den letzten Kultuswahlen viel weniger Stimmen für die WahlÄemeinschaft aufzubringen, als in jenen, wo wir seit Jahren die Vorherrschaft besitzen. Der 9. Bezirk legt Wert darauf, daß <er, von dem der Ruf zur Einigung erging, nun auch die Initiative ergreift, um gerade im jetzigen Moment den Männern unseres Vertrauens zu beweisen, daß sie trotz aller Austreuungeni unentwegt unser Vertrauen genießen. In diesem Sinne legte er der Versammlung die folgende Resolution vor: Die am 8. März 1926 im großen Saale des Niederösterreichischen Gewerbevereines stattgehabte außerordentliche Vollversammlung der „Union deutschösterreichischer Juden" und ihrer Parteifreunde mißbilligt aufs schärfste die maßlosen, vollkommen ungerechtfertigten Angriffe der „Wiener Morgenzeitung", des jüdischnationalen Vizepräsidenten der Gemeinde Herrn Dr. Josef Löwenherz sowie seiner Gesinnungsgenossen gegen den Vizepräsidenten der Kultusgemeinde Herrn Dr. Jakob Ornstein und die von uns in den Gemeindevorstand entsendeten Herren Kuljusvorsteher. Sie versichert ihre Mandatare ihres uneingeschränkten Vertrauens und spricht ihnen den wärmsten Dank fibr ihre bisherige, hoch verdienstvolle Tätigkeit aus. Die Versammlung bittet unsere Vertrauensmänner im Kultusvorstand, auf dem Geschrittenen Wege weiter fortzufahren, auf dem sie stets die vollste Unterstützung der „Union deutschösterreichischer Juden" und ihrer Anhänger finden werden, die wie ein Mann hinter ihren Vertrauensmännern im Kultusvorstand stehen. Mit lebhafter Akklamation wurde die Resolution einstimmig angenommen; hierauf ergriff, mit nicht endenwollendem stürmischen Applaus begrüßt, Vizepräsident Doktor Ornstein das Wort, um zunächst für die Vertrauensresolution im Namen der beleidigten Herren, wie .im eigenen zu danken. Wiederholter Beifall unterbrach seine ausgezeichneten Ausführungen, deren Haupttedl der Budapestej Reise gewidmet war. Eine berechtigte Empörung sprach aus seinen eindrucks- . vollen Worten, als er immer wieder der OeffentiicJikeit das ins Gedächtnis zurückzutufen versprach, was in dieser Angelegenheit von Seiten der Jüdischnationalen an den lag gelegt wurde und so maßlos beschämend sei, daß es besser als alles andere die niedrige Gesinnung dieser Herren dokumentiere. Denn wde leicht ist es, Ehrenmänner zu beschimpfen, deren Kampf gegen den roten und weißen Terror sie zu Märtyrern unserer bache gemacht hat, wie leicht ist es, im binzungssaale der Kultusgememde von Würdelosigkeit zu sprecnen, wie leicht, nein, wie empörend ist es, einen Väszony durch den Kot zu schleifen, dessen Kampf gegen die Regierung Bethlen ein so mannhafter ist, daß es bescüamend erscheint, diesen unerschrockenen Streiter als einen v'eigling hinzustellen! Dr. Ornstein erwähnte nochmals sein Gesprach, mit Paul Sandor, in dem dieser ihm auseinandersetzte, warum die ungarischen Juden entsprechend der Mentalität ihres Landes sich gegen eine Einmischung des Auslandes verwahren. Damals sagte Paul Sandor: Wenn wir den Kampf gegeu den Numerus clausus nicht allein führen, dann werden sogar die 5 Prozent jüdischer Studenten glatt erschlagen. Die Richtigkeit dieser Befürchtung bestätigte sogar Lucien Wolf, der die Eingabe seitens der englischen Korporationen an den Völkerbund geleitet hatte, und der naeji dem offiziellen Berichte der „Morgenzeitung" nach der Entscheidung des Völkerbundes, die wie so oft keine Entscheidung war, erklären mußte, daß diese Entschließung das einzig ""mögliche Mittel war, um das Aufflammen der Volksleidenschaft zu verhüten, die in Ungarn anderes Temperament besitzt als anderswo. Nichts anderes erklärten von Anfang an die maßgebenden ungarischen Juden, die heute angeblich würdelos erscheinen und deren Einladung man selbst dann nicht Folge leisten soll, wenn die Erinnerung an jenen denkwürdigen Tag gefeiert wird, an dem dei Traum der Vorfahren in Erfüllung ging, daß die Juden mit den christlichen Mitbürgern gleichberechtigt und gleichverpflichtet geworden sind. Nein, an einem solchen Festtage daxf kein Jude fernbleiben, und <es wurde schon erwähnt, daß alle Großgemeinden

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