Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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ifa ii/iä tM WAlfoligif Seite 27 Mw«M«ast*«a Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" •■■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■•u j Wien IX. 1 Berggasse 4 ■ Postsparkassen - Konto : Nr. 9464; Telephon Nr. 19-2-77 Außerordentliche Union-Vollversammlung. Die berechtigte Empörung über die beschämenden, von den Jüdischnationalen heraufbeschworenen Vorfälle in der Wiener jüdischen Gemeinde beherrschen noch immer die Gemüter des weitaus überwiegenden Teiles der Wiener Judenschaft. Einen eklatanten Ausdruck fand diese Stimmung in einer trotz Regenwetters und ersten Messetages überaus gut besuchten außerordentlichen Vollversammlung der „Union deutschösterreichischer Juden" und ihrer zahlreichen Gesinnungsfreunde, die Montag, den 8. d. M., im großen Saale des Niederösterreichischen Gewerbevereines unter Vorsitz des Vizepräsidenten der „Union", Herrn Karl Fröhlich, stattfand. Unter den zahlreichen Anwesenden bemerkte man unter anderen den Präsidenten der Kultusgemeinde Prof. Dr. A. Pick und Gem., Vizepräsident Dr. J. Ornstein, die Kultusvorsteher Klubobmann Dr. J. Tic.ho, Baurat W. Kemp 1 e r, Kommerzialrat M. R e i f, Regierungsrat Dr. H. O pp e n h e i m, Kommerzialrat B. Buchwald, David Dohan, Bezirksrat E. H o f f m a h m, Kommierzialrat K a u d e r s, Wolf Pappenheini A. Breuer, M. Scharfstein, den gesamten Zentral vorstand der „Union", Hofrat J. L ö w n e r, die Bezirksräte J. B e r g e r und Gem. S. -W e i n e r und A. Neu mann, Medizinalrat Dr. H. Haase, M. 0 e s_t e r r e i c h e r, Direktor A. Stein und Carl Friedmann, Dr. E. Korn, Börserat I. Glück, die Bethausvorsteher S. Ernst, Franz Den es, Direktor A. Löfkovicz, viele Abordnungen, der verschiedenen Bezirke, so für den I. Bezirk: A. Hofbauer, Ing. Kritzler, II. Bezirk: Oskar T o n e41 o, Fr, Wechsler, III. Bezirk:-Adolf U n g e r, Hofrat Dr. E. Riesenfeld, IV. und V. Bezirk: Adolf Hoffmann, Dr. P e t ö, D. Wo 11 n e r, VI., VII. und VIII. Bezirk: A. B e c k. IX. Bezirk: Alexius Salz er, Baurat M eich er, S. Kornmehl, A. H. David, J. Walzer, X. Bezirk: Spitzer, XIII. Bezirk: Dr. H. Kuner, XIV. Bezirk: Alois Grub er, XX. Bezirk: A. Freund, XXI. Bezirk: Dr. J. Grünwald und viele andere führende Persönlichkeiten der einzelnen Bezirke, weiters eine Abordnung des Jüdischen Frauenbundes mit Präsidentin Frau H. Kadisch und Frau Direktor Ullmann und andere mehr. Herr Vizepräsident Karl Fröhlich eröffnete mit Worten der Begrüßung und des Dankes an die Erschienenen die Versammlung, betonte, daß der gute Besuch die Notwendigkeit einer Aussprache über die tiefbedauerlichen letzten Ereignisse dokumentiere, über die Herr Börserat Ignatz Glück als Referent des Abends sprechen werde. Dieser griff in seiner ausgezeichneten Rede auf die Zeit zurück, da er selbst als Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde verdienstvoll mit den anderen Herren der Vorstandsmajorität wirkte, und wies insbesondere auf den Umstand hin. daß von den Jüdischnationalen immer wieder, ja selbst zu jenen Zeiten, als .man gemeinsam einen Wahlkampf führte, betont wurde, daß die Vorstandsmehrheat in einer kritischen Periode die Flinte ins Korn geworfen hätte. Diese Darstellung, betonte dei Redner, ist vollkommen tendenziös, wahr ist vielmehr, daß die Mehrheit die Geschäftsführung aufgeben wollte, als ihr durch die parteipolitische Obstruktion der Jüdischnationalen die Weiterarbeit unmöglich geworden war. Damals waren es gerade die Jüdischnationalen, die flehentlich die Vorstandsmajorität baten, von einem solchen Vorhaben Abstand zu nehmen, ja sogar erklärten, daß sie gerne bereit seien, auf ihre nationalen Forderungen zu verzichten. Da ein gleiches auch bei den politischen Wahlen der Fair war, so erschien es plausibel, um nicht im Kampfe gegen fünf oder sechs Parteien die Stimmen zu zersplittern, bei den letzten Kultuswahlen eine Wahlgemeinschaft zu schließen, zu deren Mitverfechtern Börserat I. Glück selbst gehörte. Diese \Vahlgemeinschaft hat vom ersten Moment an unseren ehrlichen Erwartungen nicht entsprochen, sie wurde aber besonders schmählich verletzt, als die Vorstandsmajorität es für ihre selbstverständliche Pflicht hielt, der Budapester Gemeinde zu ihrem schönen Jubiläum, an dem sämtliche Gemeinden der europäischen Großstädte vertreten waren, ihre Sympathien zu bekunden. All dies durch das skandalöse Verhalten der Jüdischnationalen seitens der Gemeinde unmöglich wurde, hat die „Union deutschösterreichischer Juden" durch die Reise der Herren Dr. Ornstein und Dr. Ticho wenigstens die bodenständige Bevölkerung vor einer Schande bewahrt, die durch Schuld der Jüdischnationalen unvermeidlich gewesen wäre. Nicht minder kraß liegen die Dinge bei dem heute in Rede stellenden F.ill. der einen Mann betrifft, der Tai und Nacht nur eine Soree kennt, nämlich die um die Gemeinde, deren rührteer Vizepräsident er ist. Gegen diesen Mann richtet ein Präsidialkolie?c einen unerhörten Angriff, dessen Wucht nur dadurch gemildert ist. daß die betreffende Rede im trauten Kreis vor wenigen Zuhörern im Kasino Zögernitz gehalten wurde. Doch das Leiborgan der Jüdischnationalen ließ sich diese wohlfeile Gelegenheit nicht entstehen, reproduzierte die Rede Dr. Löwenherz', die dieser selbst später mit dem Ausdrucke des Bedauerns in ihren wichtigsten Teilen abschwächte, und veröffentlichte einen Leitartikel, dessen Schamlosigkeit vor allem darin besteht, daß keine sachliche, sondern persönliche Kritik geübt wird. Eine sachliche Kritik war aber auch vollkommen unmöglich, denn was war Furchtbares geschehen? Der Präsident der „Union deutschösterreichischer Juden" hatte in dieser Eigenschaft sich bei einigen seiner Freunde erkundigt, wie sich auswärtige Gemeinden zum Keren Haiessod verhalten, da die Wiener Gemeinde vor einem Antrag der Jüdischnationalen stand, den Keren Hajessod ins Budget aufzunehmen. Diese Wiener Gemeinde hatte bereits einmal anläßlich der Universitätseröffnung in Jerusalem den horrenden Betrag von 200 Millionen Kronen gespendet, der. damals in allen zionistischen Kreisen sympathisch aufgenommen, heute von den Nationalen ein Schundbetrajf genannt wird. Nun sollte die Gemeinde für den Keren Hajessod herhalten, und da war es nur eine selbstverständliche Pflicht des seiner Verantwortung bewußten Herrn Doktor Ornstein, sich zu informieren, wie es anderswo in diesen Dingen bestellt ist. Denn es ist ein großer Unterschied, üb . ein Privatmann — Redner selbst gehört zu diesen — für den Keren Hajessod etwas spendet, womit er keine Steuer, keine Verpflichtung auf sich nimmt, oder wenn eine Gemeinde wie die Wiener, deren Mittel begrenzt und vor allem für die eigenen Wohlfahrtsanstalten zu verwenden sind, eine Verpflichtung eingeht, deren Berechtigung auch im juristischen Sinn eventuell bestritten werden kann. Was nach diesen perfiden Angriffen sich ereignete, stand auf gleicher Tiefe. Wenn man insbesondere bedenkt, daß der jüdischnationale Vizepräsident gegen die Bewilligung des Budgetprovisoriums stimmt, das ihm als Mitglied des Präsidiums die einzige Möglichkeit gibt auf gesetzlicher Basis weiterzuarbeiten, so kann man an eine gedeihliche Weiterarbeit auch in anderen Belangen nicht recht glauben, und muß nur Anerkennung jenen Männern zollen, die sich trotzdem dieser schweren Aufgabe unterziehen. Um des Friedens willen, den wir trotz allem Vorgefallen aufrecht erhalten wollen, müssen wir sogar die schwer beleidigten Herren bitten, weiter in den bisher beschrittenen Bahnen fortzufahren; ist dies aber unmöglich, dann werden Neuwahlen beweisen, welche Gesinnung die Wiener jüdische Bevölkerung gutheißt, ob Parteipolitik oder friedliche Tätigkeit im Interesse der Gemeinde. (Lebhafter Beifall.) Auch der nächste Redner, Klubobmann Dr. Josef Ticho, ging von der trotz schwerer Bedenken geschlossenen Wahlgemeinschaft aus. Er betonte: Die Wahlgemeinschaft wurde unserseits nicht vereinbart aus Mandatshunger, denn wir wissen es ja, daß die erdrückende Mehrheit der Wiener jüdischen Bevölkerung aus Neigung, Bildung, Anhänglichkeit und vor allem infolge ihrer Erziehung in unserem Lager steht und keine Parteipolitik gutheißt, son-