Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Sötte 26 DIE WAHRHEIT Mitglied des Kultusvorstands und Sohn des unvergessenen und unvergeßlichen Dr. Ignaz Kuranda. Im Vorstande wären die. Barone Moritz, Heinrich und Wilhelm Königswarter und deren Schwester Josefine Paul Schiff. Es waren darin die Damen Julie Schlesinger und Annica Benvenistä, welche die jüdische Wohltätigkeit auf allen Gebieten mit ebensoviel Energie als Geist vertraten- Ihnen gesellten sich zu Regine Friedländer-Delia, die Frau von Max Friedländer, dem Schöpfer der Ta£eszeitung „Neue Freie Presse". Minna Gorrtperz, Marie Schnapper, Fanny von Hofmannsthal, deren Namen der Traühimmel des jubilierenden Tempels ziert, Helene Mauthner und Aurelie Weiß, geborene Brandeis-Weikersheim, die kürzlich verschiedene Caroline Gomperz-Bettelheim, Camilla Cohn, die Gattin von Salo Cohn, der seinen Namen durch ungewöhnliche Wohltätigkeitsakte in unserer Gemeinde verewigt hat. Josephine v. Winter, geborene Auspitz. Hermine Kadisch, die Hüfsbereite, und Riva Fraenkel. die Nichte der Frau Annica Benvenisti und Gattin eines Urenkels von Hirsch Köllisch. Ein Bruder ihres Mannes, Herr Ludwig Fraenkel, der würdigste Nachkomme des großen Gründers, stand auch einige Zeit an der Spitze unseres Instituts. Der Vorstand zählte in seinen Reihen Dr. Alfred Stern, den langjährigen Präsidenten der Kultusgeaneinde, Max Theodor Schiff, dan finanziellen Vater des Instituts, der, wenn ich nicht irre, auch im Kultusvorstand war, Hofrat Professor Dr. Samuel Grünhut. den großen Rechtslehrer, Salomon von Mosenthal, den Dichter, Friedrich von Boschan, den Industriellen, Baurat Wilhelm Stiaßny, der Gemeinde- und auch, wie man jetzt sagt, Kultusrat war, Philipp Thersch, Max von Portheim. Dr. Benedikt Schulz, der Vater des viel genannten Präsidenten Dr. Paul Schulz, und Emil Horner, dem das Institut viel Dank schuldet. Die Frau in der Wohlfahrtspflege des Jahrhunderts. Von Frau Regine Ulmann. Zu allen Zeiten und auch heute noch ist das Ideal dei jüdischen Frau die Anteilnahme an dem Leben und Streben der Ihrigen, das ist die Betätigung milden, wohltätigen Sinnes, natürlich hieß es damals für sie, die Frau schweige in der „Gemeinde". Heute darf sie reden, aber stets, auch während des Jahrhunderts, das seit der Begründung des Wiener Tempels verflossen ist, hat sie gehandelt» Der Zweitälteste Frauenverein unserer Stadt ist der im Jahre'1816 gegründete Israelitische Wohltätigkeitsverein, der sich allen Agenden wohltätigen Wirkens widmet und bei seiner Jahrhundertfeier auch das 50jährige Jubiläum seiner verdienten Präsidentin, der Doyenne der Wiener Wohltätigkeit, begehen durfte. "Die Zeit nach 1826 war der Vereinsgründung nicht günstig. Noch im Jahre 1852 erklärte sich der Gemeinderat der Stadt Wien gegen die Schaffung eines allgemeinen Wohltätigkeitsvereines, weil er davon einen Ausfall der Gelder befürchtete, deren die kommunale Armenfürsorge bedurfte, und tatsächlich unterblieb auf seinen Antrag die Gründung dieses Vereines. "Ungeachtet dieses Mangels an Entgegenkommen seitens der dazu berufenen Behörden ist im Jahre 1843 die israelitische Kinderbewahranstalt gegründet worden- Sie war eine der ersten dieser Art. Die erste Krippen- und Kinderbewahranstalt wurde in Paris im Jahre 1844 gegründet, der Wiener Krippenverein entstand 1849.- In das Jahr 1848 fällt die Gründung des Theresien-Kreuzervereines, der sich der die Schule besuchenden Kinder annahm und namentlich für den damals noch sehr vernachlässigten Handarbeitsunterricht der Mädchen wirkte.? Da sehen wir, wie bei der jüdischen Frau sich zu der Sorge um das Gedeihen des Kleinkindes schon die lim den Unterricht gesellen." Es ist für die Jüdin typisch, daß ihr Sinnen und Trachten der Höherbildung ihrer Kinder gilt, HSäld aber drängt die Not der Zeit' noch eine Sorge, die der Er-" werbsfähigkeit der Töchter, in den Vordergrund. Im Jahre 1866 wfrd gleichzeitig mit dem Frauenerwerbsverein der „Mädchenunterstützungsverein" gegründet, dessen Schulen bis zum Jahre 1922 tausenden mittellosen israelitischen Mädchen den Weg zum Erwerbe bahnten und ihnen neue Berufe erscholssen^ Dieser Verein ist jetzt nach dieser Richtung hin weiter tätig. Eine Jüdin war es auch^die den ersten Kinderhort in Wien gründete, und als sich die Erkenntnis durchsetzte, daß die Schuljugend nicht nur Unterricht, Lehrmittel, Kost und Bekleidung, sondern auch der Aufsicht während der freien Zeit vor allem aber der Erholung während der Ferien bedarf, da trat 1892 das Ferienheim, wieder die Schöpfung einer jüdischen Frau, ins Leben,« dem sich bald der Verein Seehospiz unter derselben Leittffig anschloß. Schwer aufzuzählen sind die jüdischen Frauenvereine unserer Gemeinde. Nach allen Seiten hin erstrecken sich ihre Bestrebungen. fAuch in den von Männern geleiteten Institutionen finden wir die Frau an ihrer Seite tätig, es seien dies Volksküchen, Heime, Unterrichtsanstalten oder Tnstitute, die für die Aermsten der Armen, für die Nichtvollsinnigen geschaffen wurden. (Taubstummen-, Blindeninstitut)j Die Sorge um die Waisen, um den Schutz armer, verlassener' Kinder, liegt zum großen Teile in den Händen der Frau. (Waisenhaus, Verein züm Schutze armer, verlassener Kinder, Merores-Stiftung.) '"Xus der Wohltätigkeit, die sie einst geübt, .ist längst die Fürsorge geworden. :Und um diese wirksam zu gestalten war eine Spezialisierung notwendig. So sehen wir denn die Frau ihr Augenmerk dem Kleinkinde, der Jugendfürsorge zuwenden, hier den schulentwachsenen Knaben dem Berufe zuführen (Zukunft), dort Bildungsanstalten, rl Heime für Mädchen gründen (Elisäbethheim). Leider bedarf auch der Erwachsene, der in harten Kämpfen mit der Schwere der Zeit steht, der Beihilfe. Ausspeisungen und Bekleidungen können nur unter Mithilfe der Frau wirken. Der kranke Mensch ist der Gegenstand besonderer Obsorge, an der sich die Frau lebhaft beteiligt wie sie auch den Genesenden Erholung zu schaffen suchen. (Kurfürsorge, Kurverband, .Prjilantropia.) Niedergebrochehe Existenzen bedürfen der Aufrichtung, selbst auch auf diesem ernsten Gebiete strenger Arbeit smd .Frauenvereine tätig. (Zuflucht.) Jeder Bezirk Wiens hat seinen Frauenverein, der, wenn auch auf seinen Wirkungskreis beschränkt, sich innerhalb der Grenzen desselben keiner Not verschließt und oft auch über seine Grenzen hinausgreift. Der Sorge für die Kränken! und Nichtvollsinnigen ist bereits Erwähnung geschehen. Was uns allen nahegeht, ist das hilflose. Alters Der Sorge hierfür widmen sich das Versorgungshaus, an dessen Gründung Frauen reichen Anteil nahmen, die Greisinnenfürsorge, der Jubiläumsfrauenverein. So gibt es in unserer Stadt keine Art schaffender Nächstenliebe, in der ►wir nicht «lie jüdische Frau an der Arbeit finden und wir dürfen ihr es zur Ehre anrechnen, daß sie'auch den interkonfessionellen Wohlfahrtsbestrebungen nie ihre Mithilfe verweigert \. ONicht-nur in der stülen Friedensarbeit, auch im lauten.Getümmel des Krieges; inmitten bitterer Bedrängnis, hat die Jüdin ihr redlich Teil an Arbeit geleistet) Unvergessen ist und wird die große Flüchtlingsfürsorge bleiben, welche Wien entfaltet hat. Säuglingsheime, Teestuben, Bekleidungsanstalten für die Bedauernswerten waren hierbei einer jüdischen Frau zu danken. Außer für die Lebenserhaltung der schwer Betroffenen wurde auch für die geistige Förderung ihrer Kinder, für die Beschäftigung der Erwachsenen Sorge getragen (Mädchenunterstützungsverein, soziale Hilfsgemeinschaft). rIns Feld hinaus wanderte die Handarbeit der jüdischen Frau an der Pflege der Verwundeten, an allen Mühen und Lasten hat sie teilgehabt.) In Wahrheit hat sie Gut und Blut dahingegeben. -J Mit der Beweglichkeit des Geistes, die der Wienerin, der Jüdin eigen ist, mit der Warmherzigkeit die sie, oft verstandesmäßiger Erwägung vorauseilend, das Richtige finden läßt, hat sie auch von allgemeiner Wohltätigkeit, die wohl lindert aber nicht heilt, den Weg zur aufbauenden Fürsorge gefunden. Längst ist ihr klar geworden, — eine Erkenntnis, vor der sich viele so lange verschlossen — daß auch auf dem Felde gemeinnütziger Arbeit das Einzelne wenig, ein geschlossenes Ganzes viel leisten kann. 'Als im Jahre 1908 die Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge ins Leben trat, da wurden auch die jüdischen Frauenvereine zur Mitarbeit berufen und sie haben sich sofort willig eingefunden.. Im Jahre 1913 schlössen sich die jüdischen FrauenvereThe Wiens und Niederösterreichs als „Weibliche Fürsorge, Verband von Wohlfahrtsvereinen" zusammen, in dem sie gemeinsam und ersprießlich wirken. Unter der Aegide der „weiblichen Fürsorge" wurde der „Jüdische Frauenverein Leopoldstadt" und der „Frauen-Wohltätigkeitsverein für den 10. Bezirk" gegründet, welche dichtbevölkerten Bezirke diese humanitäre Institution bis dahin schmerzlich entbehrten. Die „Weibliche Fürsorge" hat eine Krieger-Mutterkassa, eine Bekleidungszentrale, und, als die Verfolgungen jüdischer Studenten auch bei uns einsetzten, eine Studentenhflfe und, vorher schon in gemeinsamer Arbeit mit der Zentralstelle, den Verband für jüdische Altersfürsorge geschaffen. Auch im Bund jüdischer Frauenvereine sind die jüdischen Frauenvereine stark vertreten. Daß trotz der Spärlichkeit der Mittel, trotz der immer größeren Ausdehnung der Arbeit die Wienerin und die Jüdin im besonderen den Mut nicht vertiert, daß sie dem Ansturm immer wieder ihre Kraft entgegenstellt, das ist ein Ruhmestitel für unsere Frauen. Damit stellen sie sich würdig an die Seite derer, die da wirkten, als in der noch jungen Gemeinde Kornhäusels prächtige Schaffung, der stolze Tempel, erstand.