Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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■ «_£.*.'<raa(C9a»MM Nr. 11/12 DIE WAHRHEIT Seit« 25 Die feierliche Eröffnung der Anstalt fand in. Anwesenheit der höchsten Würdenträger und der Vertreter des geistigen und künstlerischen "Wien durch Frankl, dem ersten Präsidenten des Kuratoriums, statt. Nach einer sehr warm empfundenen Rede des Statthalters Frelhenrn von Eybesfeld wurde — wie der Bericht schildert — der Einweihungsakt von Oberkarttor Salomon Sulz er eingeleitet, den die Sänger und Chorknaben des Stadtbethauses der Kultusgemeinde begleiteten. Hierauf zündete der Rabbiner und Prediger Dr. G üdemann das ewige Licht vor der Bundeslade im Insütuts- Betsaale an und sprach zur Versammlung über die Worte „Es werde Licht!" und über den Ausspruch Jesaias: „Es werden sich auftun die Augen der Blinden ... ." Einem kurzen metrischen Gebete, von Dr. Adolf J e 11 i n e k verfaßt und von Oberkantor S u 1 z e r komponiert, folgte die Weiherede Dr. Jellineks. Die Absingung des 21. Psalmes schloß die Feier ab. Die hierauf unter dem üblichen Zeremoniell eingesenkte Stiftungsurkunde, welche die Namen der bei der Feier anwesenden Persönlichkeiten, darunter der folgenden: Statthalter Baron Eybesfeld, Baron Hye, Ig. von Plener, Bürgermeister Felder, Dr. Jg. Kur an da, Dr. Ig. v. Hofmannsthal, Dr. Lud- Aug. Frankl, Baron M. Königswarter, Dr. Phil. Mauthner, Baron Stephan Schey, Gustav Simon, Dr. B. Wölf Ier, Baron Sal. Rothschild, Baron Friedr. Schey, Ritter v. Welten, G. Ritter v. Epstein, Dr. Leopold Kompert enthält, schließt mit den Worten: „Und dieses Haus, mögees jahrhundertelang aufrecht stehen und seine Bestimmung: mit geistigem Lichte die Nacht des leiblichen Auges zu erhellen, im Sinne seiner Gründer und Gönner in weittragendem Ausmaße erfüllen!" Zur Geschichte des allgemeinen österreichischen israelitischen Taubstnmmeninstitntes in Wien. Von Direktor Dr. Salomon Krenberger. Zu den 'ersten Persönlichkeiten!, die in der Haskara unserer Gemeinde verzeichnet sind, für die also in immerwährenden Zeiten gebetet und deren Andenken in linserer Gemeinde stetig festgehalten wird, gehört Hirsch . K o 11 i s c h. der Gründer unseres Instituts. Dieses Ist das erste jüdische Taubstummeninstitut der Welt Nach ihm entstanden in London, Budapest und Berlin jüdische Taubstummenanstalten. Hirsch Kollisch war Kaufmann in Nikolsburg und hat dort im Sinne von Moses Mendelsohn für Aufklärung und Bildung unter den Juden gewirkt Er ist im Februar 1780 geboren. 64 Jahre war er alt als er im Sommer 1844 in Baden bei Wien zur Kur weilte und dort den Piaristenpriester Hermann Czech, der am kaiserlichen Taubstummeninstitut in Wien Religionsprofessor war, kennenlernte. Czech war am Tberesianum Professor der Philosophie gewesen, hatte aber aus Liebe zu den Gehörlosen diese Stelle niedergelegt und wirkte nun am Taubstummeninstitut. Auch schriftstellerisch war er tätig. Er war es, der Hirsch Kollisch für die Taubsrummenfürsorge begeisterte. Es stand bald bei Kollisch der Entschluß fest, für jüdische Taubstumme eine Anstalt ins Leben zu rufen. Vor dem Gebäude und den Zöglingen mußte dazu die geeignete Lehrkraft gesucht werden. Hierbei war Kollisch von besonderem Glück gesegnet Er berief aus Brünn den dort als Lehrer wirkenden Joel Deutsch _nach Baden und brachte ihn mit Czech zusammen. Dieser bezeichnete nach kurzem Verkehr Joei Deutsch „als einen von Gott zu diesem Lehrfache berufenen Mann". Kollisch erhob nun in den jüdischen Gemeinden durch eine Rundfrage, wieviel bildungsfähige Taubstumme im Alter von 7 bis 14 Jahren in jeder Gemeinde vorhanden sind. Das Resultat erwies die Notwendigkeit der Gründung 'einer Bildung- .und Erziehungsstätte für diese geschädigte Jugend. So konnte denn Kollisch nach Vollzug der notwendigen Anmeldung bei der Behörde am 4. November 1844 mit sechs Kindern aus Mähr eil und unter Leitung von Joel Deutsch die erste jüdische Taubstummenanstalt in Nikolsburg ins Leben rufen. Die Grundsätze, von denen sich Joel Deutsch leiten ließ, waren folgende: Das Handalphabet oder die Fingersprache, die künstliche Mimik und die Gebärdensprache wurden gänzlich ausgeschlossen. Die natürliche Gebärde wird bloß als erstes Verständigungsmittel gebraucht, um durch Andeutung einzelner Merkmale an die durch wirkliche Anschauung gewonnene Vorstellung zu erinnern, aber nicht, um mit ihr Begriffe und Vorstellungen zu erzeugen. Die Laut- und Schriftsprache wurde unabhängig von der Pantomime zum Träger und Vermittler der Gedanken gemacht. Die Lautsprache ist die Basis des Unterrichts und wird in einer planvoll geordneten Reihe von Uebtmgen vom einzelnen Wort angefangen durch einfache Sätze bis zur Erklärung des abstrakten Begriffes fortgeführt. Das muß heute besonders hervorgehoben werden, weil sich jetzt im Taubstummenunterricht Bestrebungen geltend machen, um diesen We? abzuändern. Aber unser Institut wandelt nach wie vor in den Bahnen von Joel Deutsch. Sie führten zu den schönsten Erfolgen, die auch darin ihren Ausdruck fanden, daß von unserem Institut Lehrer ausgingen, welche diese Methode nach Budapest, nach London, nach Amerika und vor allem durch Adalbert Lehfeld in Wien -verbreiteten, so daß alle Taubstummenlehrer, welche nachher in den städtischen Taubstummenschulen Wiens und in der Landes-Taubstummenanstalt in Wiener-Neustadt wirkten, als mittelbare Jünger unseres Joel Deutsch anzusehen sind. Die Aufbringung der Mittel zur Erhaltung der neuen Anstalt oblag vorerst Kollisch und Deutsch allein. Bald gewann die Anstalt großen Ruf. Oeffentliche Prüfungen in Budapest und.Wien gewannen ihr viele Freunde und Anhänger. Es mußte das Institut von der Kleinstadt in einen größeren Gesichts¬ und Wirkungskreis gebracht werden und so tibersiedelte es im Anril 1852 nach Unter-Meidling in ein Haus, das Herrn Leopold von Wertheimstein, dem Vater unserer edlen Frau Baronin Charlotte Könlgswarter, gehörte. Die Gasse, in der das Haus stand, heißt heute Wertheimsteingasse. Am 9. Mai d. J. wurde es durch 'eine ergreifende Rede von Isak Noe Mannheimer eingeweiht, dessen das Jubiläum des Seitenstettentempels gleich uns mft Lob und Dank gedenken wird. Das Ministerium für Kultus und Unterricht hatte mit Erlaß vom 21. Juli 1852 diese Uebersfcdlung genehmigt und zugleich gestattet, daß die Anstalt von nun an den Namen „Allgemeines österr. israel. Taubstummeninstitut" führe, worin ausgedrückt wurde, daß das Institut die Bildungsstätte der Gehörlosen der ganzen Monarchie sei. Zur selben Zeit bildete sioh das erste Vorstandskomitee, dem neben. Kollisch und Mannheimer Dr. Ignaz von Hofmannsthal, dieser vielseitige, große Philanthrop, M. L. Kanitz, H. Pollak, J. H. Politzer und Ernst Wertheim angehörten, durchwegs Männer von Bedeutung für das damalige, jüdische Wiea Die Zögüngsschar betrug 32. Mannheimer selbst .gab die Erklärung ab, sich der sorgfältigsten Ueberwachung des Religionsunterrichts im Institut zu widmen und zu Pessach 1853 richtete er an die Gläubigen in unserem heutigen Jubiläumstempel zündende Worte zur kräftigen Unterstützung des Instituts, Worte, die auch Erfolg hatten. In Unter-Meidling wurden die Räume zu eng und Kollisch sann auf Verlegung des Instituts nach Wien. Dazu gehörte aber damals eine kaiserliche Erlaubnis. Diese wurde am 11. Jänner 1856 gewährt Nun galt es die Mittel für den Kauf des Platzes und für dea Bau des Gebäudes zu beschaffen. Am 9. März 1856 fand eine Versammlung des Vorstandes mit den angesehensten Mitgliedern der israelitischen Kultusgemeinde, mit den Herren Leopold von Wertheimstein. M. GoWsohmidt S. Lippmann, S. Auspitz, Max Springer. Friedrich Schey, E. Wiener, Doktor Heinrich Jaques, Leopold Epstein, J. Brandeis und Wilhelm Figdor (letzterer der Großvater der Gemahlin unseres jetzigen Bundespräsidenten) statt Die Namen erzählen von der Größe des jüdischen Vorstands. Es wurde damals dem Vorstande ein dreigliedriges Komitee (Dr. Jaques, Max Springer und Friedrich Schey) beigegeben, welches am 19. März den Antrag stellte, das zum Bau des Institutsgebäudes nötige Kapital durch eine Subskription zu beschaffen. Die Versammelten zeichneten selbst sofort 23.000 Qulden! Am 11. Mai 1856 wurde der Baugrund gekauft und 1857 mit dem Bau begonnen. Der Unterrichtsminister Graf Leo Thun, der Schöpfer des österreichischen Gymnasiums, gab Joel Deutsch einen Empfehlungsbrief mit, der ihm die deutschen Anstalten zur Besichtigung öffnete. Im September 1858 übersiedelte unser Institut mit 52 Zöglingen in das neue Gebäude. Hier wirkte Joel Deutsch aufs ruhmvollste mit einer Schar hingebender und fleißiger Lehrkräfte bis 1888, durch 44 segens- und erfolgreiche Jahre. Ihm folgte der fleißige und gewissenhafte Dr. Moritz Brunner bis zu seinem Tode am 3. Dezember 1908. Verzeichnen wir heute, wo die Erinnerung an unser« großen jüdischen Männer und Frauen Wiens lebhaft wird, die Namen der Vorstände unseres Taubstummenmstituts, so sehen wir erstlich den innigen Zusammenhang desselben mit der Kultusgemeinde und ferner, daß Adel des Geistes und der Gesinnung in ihm vertreten war. 22 Jahre stand an der Spitze unseres Instituts Josef Hieldburghäußer, der auch Kultusvorstand war. Nach Ihm war Präsident des Vorstands bis 1920 Dr. Arthur Kuranda, auch