Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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hungsgrundsätze uud Erziehungsmittel zur Anwendung; mit strenger Fernhaltung jedes schulmäßigen Getriebes werden die Kinder spielend für den Lernunterricht der Schule vorbereitet. Durch eigene Anstaltsärzte, als welcher derzeit in der Hauptanstalt Professor Dr. Julius Zappert, in der Zweiganstalt Dr. Ludwig Redlich wirken, wird die Aufsicht in gesundheitlicher Richtung streng und mit bestem Erfolge durchgeführt; die großen, ,lichten . Räume, insbesondere der Hauptanstalt, der Aufenthalt im Freien während der warmen Jahreszeit, tragen dazu bei, den Anforderungen auch in hygienischer Richtung gerecht zu werden. Die Kriegsverhältnisse brachten es mit sich, daß zunächst die Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen nicht weiter bestehen konnte. Im Jahre 1919 wurde der letzte 49. Jahreskurs abgehalten und sodann die Auflösung dieser Bildungsstätte für Kindergärtnerinnen, aus der 1020 Kindergärtnerinnen und Bonnen hervorgegangen waren, vollzogen, wodurch allerdings auch der Nachwuchs an jüdischen Kindergärtnerinnen ein Ende fand. Aber auch die zur Erziehung, Pflege und Bewahrung der Kinder bestimmten Anstalten mußten eine Einschränkung erfahren. Die Zahl der aufzunehmenden Kinder mußte verringert die Zahl der zur Erziehung bestimmten Lehrpersonen herabgesetzt werden. Wiederholt stand der Verein vor dem Znsammenbruch. Die herrschende Teuerung brachte es mit sich, daß die Vereinsausgaben die ordentlichen Einnahmen, die aus den Zinsen eines kleinen Vermögens sowie aus Mitgliedsbeiträgen bestanden, weitaus überstiegen und da eine Kombination mit einer Verwaltung durch die „Hakoah" mißglückte, sah sich das Kuratorium gezwungen, die Anstalt zu sperren. Nach sechzehnmonatlicher Sperre des Anstaltsbetriebes übernahm der Verein „Wohlfahrt" auf Betreiben des Herrn Moritz Oesterreicher, der ein ehemaliger Zögling der Anstalt ist, diese älteste jüdische Wohltätigkeitsanstalt in Wien. Anfangs Oktober 1925 wurde der Beschluß gefaßt, die Anstalt zu übernehmen und diese bereits am 15. November nach erfolgter Renovierung wieder in Betrieb gesetzt. Diese großherzige Tat vollbrachte eine kleine Anzahl Männer unter Führung Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. Max Q r u n w a 1 d, der auch an der Spitze des Vorstandes steht. Ihnen zur Seite arbeiten die Vorstandmitglieder David Qoldmann, Bezirksrat Simon Weiner, Moritz Oesterreicher.- E. Juskovicz, Bezirksrat Julius Berg er, I. Müller und eine Anzahl der jüdischen Wohltätigkeit sich widmenden Herren, deren stille, segensreiche Arbeit ein Ruhmesblatt bilden. Auf der Stirnseite des Anstaltsgebäudes steht der alte Satz geschrieben .»Der Kinderund der Säuglinge Lallen befestigt Dein Reich!" Mögen sich stets edle Menschenfreunde finden, die sich eingedenk dieses Spruches der armen jüdischen Kinder annehmen, möge sich das Wiener Judentum immerdar bewußt sein, was es seiner eigenen Zukunft schuldig ist. * * * Zur Geschichte des israelitischen Blinden-Institutes Hohe Warte. Von Dir. Siegfried A11 m a n n. Seinen Freunden gegenüber hat Ludwig August F r a n k 1 das Israelitische Blinden-Institut Hohe Warte als seine liebste Schöpfung bezeichnet. Ein eigenstes Erlebnis, die nahe Gefahr, sein Augenlicht zu verlieren, brachte den Dichter auf den Gedanken, dieses Werk, für dessen Ausführung Baron Jonas K önigswarter die kräftigste Unterstützung zusagte, ins Leben zu rufen. Bei der Erwägung des Planes wurde Frankl auch von der Tatsache geleitet, daß für die vom schwersten Schicksale betroffenen jüdischen Kinder eine erbarmungsvolle Zufluchtsstätte in ganz Europa nicht bestand. Die sogenannten allgemeinen Anstalten waren ihnen nicht geöffnet; die meisten — darunter auch das k. k. Blindenerziehungs-Institut in Wien — schlössen, für die Juden fromm bedacht, sie „der Speisegesetze wegen" von der Aufnahme statutengemäß aus. Der Umstand noch, daß an den ersten Sekretär der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien — Frankl bekleidete nahezu vier Jahrzehnte dieses Amt — wiederholt Anfragen wegen der Unterbringung jüdischer blinder Kinder gelangten, wurde zu einem weiteren Grund, die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, rasch in Angriff zu nehmen. Aus der Blinden-Statistik wollte Frankl das Bedürfnis nach einem Asyle für die jüdischen Blinden kennen lernen. Alle Großstaaten Europas hatten eine, Oesterreich noch nicht. Seiner Bitte, die Aufnahme einer allgemeinen Blindenstatistik anzuordnen, wurde von den Ministern Schmerling und Giskra mit wohlwollender Zuvorkommenheit Erfüllung versprochen, yon letzterem mit dem eine Sachkenntnis verratenden Bemerken, daß bei der Apathie und Gedankenlosigkeit des Amtsganges, an denen weitaus größere Absichten scheitern, mit einem begrenzten Termin hierfür kaum gerechnet werden 'dürfe. Da auch die Zahl der jüdischen Gemeinden und deren Adressen den zuständigen amtlichen Stellen nicht bekannt war, entschloß sich Frankl, die statistische Arbeit auf Privatwegen durchzuführen. Auf 1000 gedruckte Aufforderungen, in ein beigegebenes Blankett Name, Alter und Ursache des Nichtsehens der in den betreffenden jüdischen Gemeinden wohnenden Blinden einzutragen, erhielt er nicht eine Antwort. Er schrieb noch einmal unter Angabe des genauen humanitären Zweckes. Von 240 Gemeinden liefen Antworten ein; die Zahl der Blinden in diesen allein betrug etliche 400, darunter 60 Kinder. In der folgenden Zeit besuchte Frankl die Blindenanstalten Deutschlands und der Schweiz — die wertvollste Frucht dieser Reise war die Schöpfung der noch heute bedeutendsten Institution im gesamten Blindenwesen, des Blihdenlehrer-Kongresses, den er der Anstalt auf der Hohen Warte gleichsam als Wiegengeschenk ins Leben rief —, beschäftigte sich in stiller, beharrlicher Arbeit mit dem Studium der Publikationen über BHndenerziehung in Europa und Amerika, vor allem aber mit dem Gedanken, wie sein Plan am zweckmäßigsten lebendig gemacht werden könnte. „Zum ersten Male im Leben", erzählt er, „beklagte ich es, keine Glücksgüter zu besitzen . . . . Eines Morgens las ich in der Wiener Zeitung, daß der mir seit Jahren freundlich gesinnte Präsident der Handelsakademie, Herr Friedrich Ritter von Schey, in den Fireiherrnstand erhoben worden sei. Ich las dies um 8 Uhr früh, eine Stunde später war ich bei ihm, um ihn zu seiner Standeserhöhung zu begrüßen und ihn aufzufordern, den für seine Familie historischen Moment durch eine menschenfreundliche Tat zu feiern. Nachdem der Freiherr meine Auseinandersetzung vernommen hatte, fragte er: „Wie viel soll ich Ihnen zur Begründung Ihres Unternehmens geben?" Ich war natürlich verlegen und wagte es nicht, eine Summe auszusprechen. Als er aber freundlich die lakonische Frage wiederholte, meinte ich: „Stünde ich dem Baron Rothschild gegenüber und täte er. eine solche Frage an mich, so wüßte ich, da sein beiläufiger Vermögensstand in jedem Konversationslexikon zu lesen ist, eine Summe zu nennen. Ihre Bilanz, Herr Bairon, kenne ich nicht." Baron Schey lächelte ermutigend: „Sagen Sie mir ganz ungescheut, wie viel Sie von mir verlangen?" „Ich fürchte zu wenig für mein Unternehmen, zu viel für meine Bescheidenheit zu fordern. Weil Sie mich aber drängen, so bitte ich um 10.000 Guldn, wenn das nicht unbescheiden ist." „Es ist nicht zu viel. Sie haben 10.000 Gulden." Er drückte mir die Hand und die Sache war glücklich begonnen. Und sie war glücklich im Fortgang. Edle Menschenfreunde stellten ihm in der Folge größere Mittel zur Verfügung, die nach wiederholter Rücksprache von einem Manne in einer Weise übertroffen wurden, welche die sofortige Realisierung der humanen Idee ermöglichte. Am 12. März 1870 erhielt Frankl das folgende Schreiben: „Geehrter Herr Doktor Frankl! In unserer, an gemeinnützigen und humanen Instituten so reichen Gemeinde, hat eine von der Vorsehung schwer heimgesuchte Kategorie von Glaubensgenossen sich bisher noch nicht jenes Schutzes und jener Aufmerksamkeit erfreut, welche sie zu beanspruchen leider so berechtigt erscheint. Es sind dies die Blinden, welche für ihre ganze Lebensdauer das harte unverdiente Los trifft, in unabänderlicher Nacht zu vegetieren und denen bisher auch die Möglichkeit benommen ist, sich in einer für sie angemessenen Weise zu beschäftigen und sich eine Erwerbsquelle zu gründen. Diese empfindliche Lücke in unserem Armenwesen ist Ihrem klaren Blicke nicht entgangen und Sie haben, von echter Nächstenliebe beseelt, die dankenswerte Initiative ergriffen, einen Verein ins Leben zu rufen, welcher sich mit der Erziehung und Heranbildung der Blinden befassen soll. Ich begrüße diese Anregung mit der wärmsten Sympathie und habe beschlossen, diesen meinen Gefühlen einen bleibenden Ausdruck zu verleihen, indem ich zum Besten des von Ihnen projektierten Vereines ein Haus erbaue und zweckdienlich einrichte, welches 50 Zöglinge beherbergen soll. Ich hege hierbei die Hoffnung, daß das Institut durch diesen Bau sofort eine gesicherte Existenz habe und daß es Ihrem edlen Eifer recht bald gelingen möge, die menschenfreundliche Idee in eine segensreiche Tatsache zu verwandeln. Dazu gebe Gott seinen Beistand! Ich behalte mir vor, eine formelle Gründungsurkunde auszufertigen, sobald der Verein konzessioniert und sein Vorstand konstituiert sein wird. Mit gewohnter Hochachtung Jonas Freiherr v. Königs warter."