Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Seine herrliche Komposition „Der Segen" wurde vom ganzen Tempelchor, vom Meister selbst dirigiert, gesungen. Die Wirkung war außerordentlich. In dem von Josef v. Wert heimer 1840 begründeten israelitischen Handwerkerverein, zur Ausbildung jüdischer Handwerkszöglinge wurde auf eine allwöchentli-ch stattfindende religiöse Belehrung großes Gewicht gelegt. Bis 1918 fand allwöchentlich eine Mmcha-Anidlacht mit Exhorte erst im Städttempel, dann im Tempel der Tempelgasse und zuletzt im 9. Bezirk im Gotteshaus in der Grünentorgasse statt. Für die Zöglinge wurde alljährlich auch besonders feierlich der Seder gegeben, dem der jeweilige Präses der Gemeinde, die Vertreter und viele Honorationen auch beiwohnten. Was die von Josef v. Wertheimer errichtete erste israelitisch& Kinderbewahranstalt in den mehr als 80 Jahren ihres Bestehens, namentlich unter den Direktoren Fischer, Vater und Sohn, geleistet, wurde bei der 80jährigen Bestandesfeier durch unseren Bundespräsidenten Herrn Dr. H a i n i s c h besonders rühmlichst anerkannt. So wurde im unserer Groß gemeinde von den kleinsten Kindern bis zur erwachsenen Jugend — heute sind noch eine sehr große Anzahl solcher schöner jüdischer Anstalten hinzugekommen — auf die religiöse Belehrung immer ein großes Gewicht gelegt. Thora, Gottesdienst und Wohl-, tätigkeit bilden nach wie vor die Grundpfeiler der alten Wiener israelitischen Gemeinde. Aus der Geschichte der humanitären Einrichtungen des Wiener Judentums, Die Wohltätigkeit ist für die Juden gleichzeitig religiöses Gebot und soziale Pflicht, sie bedeutet einen integrierenden Bestandteil der jüdischen Religion, welche die Fürsorge für die Witwen und Waisen* für Kranke, Schwache und Arme zu ihren wichtigsten Geboten zählt. Es ist daher eines der erhabensten Momente in der Geschichte der Juden, daß sie trotz eigener schwerer Bedrückung niemals aufgehört haben, für diejenigen zu sorgen, die infolge Krankheit, Schwäche und Armut das traurige Los, das allen Juden beschieden war, noch schwerer ertragen mußten. Einen erhebenden Beweis für diese in der jüdischen Geschichte überall und zu jeder Zeit beobachtete Erscheinung bietet das Wiener Judentum, das kaum selbst in seiner Existenz und noch viel weniger in seinen Rechten gesichert, in erster Linie an den Schutz seiner wirtschaftlich schwachen und leidenden Glaubensbrüder vor Not, Elend und Hunger gedacht und unter den schwersten Opfern Instistutionen ins Leben gerufen hat, die, wir können es am heutigen Festtage ruhig aussprechen, ebenso zum Ruhme und zur Ehre der Wiener jüdischen Gemeinde beigetragen haben, wie das Gotteshaus, dessen hundertjährigen Bestand wir feiern. Darum wollen wir am heutigen Ehrentage auch dieser Anstalten gedenken und sind davon überzeugt, daß viele unserer Leser sich bei diesem Anlasse der jüdischen humanitären Einrichtungen erinnern werden. Möge ein Abglanz jener Freudien- und Festesstimmung, die uns heute beseelt, auch auf die arme jüdische Witwe, auf die elternlosen Kinder, auf die Erblindeten, Ertaubten und Verarmten fallen, die ja doch so arm an Freuden sind! * * Die israelitische kinderbewahranstalt. Josef Wertheimer, ein junger Kaufmann, der im Jahre 1826, während eines Aufenthaltes in London, die dortigen „Kleinkinderschulen" und deren Segen für die arme Bevölkerung der Großstadt kennengelernt hatte, gründete im Verein mit dem Pfarrer Johann Lindner im Jahre 1830 die erste Kinderbewahranstalt iii Oesterreich für vorschulpflichtige Kinder. Im Jahre 1843 schuf er für seine Glaubensgenossen die israelitische Kinderbewahranstalt in der Leopoldstadt, die im Jahre 1857 in der Schiffamtsgasse ein eigenes Heim erhielt Zur Ueberwachung der Haltung der Anstalt stellte sich Wertheimer ' ein Frauenkomitee zur Seite, dem die hervorragendsten jüdischen Frauen Wiens angehörten. Nach Wertheimers Tode (1887) trat an die Spitze des Komitees Julius Ritter von Goidschmidt, nach dessen bald im Ableben Baronin Sophie T o d e s k o bis 1895, als deren Nachfolgerin Frau Rosa Schiff bis 1905, worauf Frau Sara von Stern bis 1919 die Führung des Vereines innehatte; als ihre Nachfolgerin wirkte seither Baronin Charlotte Königs warter. Die Leitung der Anstalt führte zunächst das Ehepaar B r a n d e i s, dann das Ehepaar Leitersdorf, seit 1863 das Ehepaar Albert und Josefine Fischer, seit 1896 Max und Olga Fischer. Albert Fischer war es, der bald nach seiner Berufung als erster den Ideen des großen Kinderfreundes Friedrich F r ö b e 1 in die bis dahin nur als Bewahranstalt wirkende Anstalt Eingang verschaffte und in der Erkenntnis, daß auch die mit der Erziehung der kleinen Kinder betrauten Personen einer pädagogischen Ausbildung bedürfen, im Jahre 1868 die Vereinigüng eines Bildungskurses für Kindergärtnerinnen mit der nun als Volkskindergarten wirkenden Kinderbewahranstalt anregte und auch durchführte. Auch diese Anstalt, die durch die Verleihung des Oeffentiichkeitsrechtes das Recht erhielt, staatsgültige Zeugnisse auszustellen, war die erste derartige Anstalt in Oesterreich und Fischer war auch der erste, der die zum theoretischen Unterrichte aus der Kleinkinder Pädagogik erforderlichen Lehrbücher verfaßte. Bis zum Jahre 1905 war die Anstalt ausschließlich von dem Frauenkomitee geleitet, ohne daß formell ein Verein bestanden hätte. Im Jahre 1905 vollzog sich die Umwandlung dieses Komitees, dem zwei bis drei Herren als Beiräte zur Seite standen, in einen dem österreichischen Vereinsgesetze entsprechenden Verein und in demselben Jahre wurde der Anschluß eines unter der Leitung der Kindergärtnerin Frau Max bestehenden Privatkindergartens in der Brigittenau als Zweiganstalt an die alte Hauptanstalt durchgeführt Der Verein erhielt nunmehr drei Anstalten: die Hauptanstalt in der Schiffamtsgasse, die, obwohl ihrem Charakter nach und in Entsprechung der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen ein Volkskindergarten, ihren alten Namen „Israelitische Kinderbewahranstalt" beibehielt, die Zweiganstalt in der Brigittenau, die Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen, bis 1896 unter der Leitung von Albert Fischer, sodann unter der Leitung seines Sohnes Max Fischer. Die genannten Anstalten sind zur Aufnahme von Kindern des vorschulpflichtigen Alters, das ist von 3 bis 6 Jahren, bestimmt Aufnahme finden Kinder solcher jüdischer Eltern, die wegen Armut oder weil sie einem Erwerbe nachgehen, ihre Kinder nicht selbst betreuen können. Als in den ersten Kriegsiahren die Flüchtlinge aus dem Osten Oesterreichs nach Wien kamen, kamen 80 Prozent der Anstaltszöglinge aus diesen Kreisen und noch heute entstammen annähernd 30 Prozent aller die Anstalten besuchenden Kinder diesen zugewanderten Familien. Die Kinder kommen zwischen halb acht und neun Uhr morgens in die Anstalt und werden zwischen 4 bis 5 Uhr aus derselben entlassen. Sie erhalten in der Anstalt das Miitagmahl und die Jause. Zu Beginn der kalten Jahreszeit werden sie vollständig bekleidet, wofür bis vor zwei Jahren nicht die Vereinsmittel herangezogen wurden, sondern die Vorstandsmitglieder aus eigenen Mitteln aufkamen. Die Kinder werden In den Anstalten in religiöser, sittlicher, geistiger Hinsicht erzogen, und zwar gelangen die Fröbelschen Erzie-