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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 22 DIE WAHRHEIT Nr. 11/12 Nun «alt es,- die Bewilligung zur Abhaltung des Gottesdienstes zu erwirken. Die zuständige Behörde war die Polizei. Bei dieser hatte schon die Trennung der Deutschen von den Polen Mißfallen erregt; sie erblickte darin eine unstatthafte „Selctiererei" oind war deshalb bestrebt, die Wiedervereinigung herbeizuführen. Es gab Vorladungen und Verhandlungen mit beiden Teilen; die Polizei stellte sogar „geeignete Zwangsmaßregeln" in Aussicht — ganz vergebens, denn beide Parteien waren darüber einig, daß eine Vereinigung nicht wünschenswert sei — so ließ denn die Polizei schließlich die Verhandlungen einschlafen. Dagegen machte die Gemeindevertretung unerwartete Schwierigkeiten. Josef Wertheimer machte aus seiner Gegner- Schaft; kein Hehl: ihn schien das Vorhaben der Orthodoxen der erste Schritt zur Loslösung von der Gemeinde zu sein, wodurch das Ansehen derselben erschüttert und in der Folge die Finanzen geschädigt werden könnten. Diese Bedenken wurden durch eine, wie G. Wojf in seiner Geschichte der Kultusgemeinde hervorhebt, ..loyale" Erklärung behoben, in welcher die Vertreter der Orthodoxen betonten, daß sie nur die Errichtung einer Andachtsstätte .für den Gottesdienst nach altem Ritus beabsichtigen, daß sie nach wie vor Mitglieder der Gemeinde bleiben und an die.se ihre Beiträge abstatten wollen, Nunmehr erteilte die Polizei den Xiesuchstellern „provisorisch" die Bewilligung, in dem von ihnen gekauften Hause Gottesdienst ab- -zuhalten. Inzwischen war die Adaptierung des ersten Stockes durchgeführt und durch Abtragung einiger Mauern ein Betraum für 200 Personen hergestellt worden, überdies ein Beth- Hamidrasch, ohne welches die Benennung „Schul" nicht gerechtfertigt gewesen wäre. Die feierliche Eröffnung konnte :roch vor Neujahr 5614 erfolgen. Als erster Rabbiner fungierte der Gemeinderabbiner Lazar Horwitz. der sich bei Auflösung der Schul im Lazzenhof xien Deutschen angeschlossen hatte: er gründete im Beth-Haimidrasch eine Schass Chewra und eine Chewra Machasike Thora, welche dem Bethaus angegliedert wurden. Zur Erhaltung des Andenkens an diesen hervorragenden Gelehrten hat dessen Familie sein Porträt für das Beth-;Hamidrasch gespendet. In den ersten Jahrzehnten war der Besuch der Schönlatern-Schul so gut, daß der Vorstand aus den Einnahmen die sogenannten Schui-Aktien, die Einlagen der Stifter, verzinsen konnte. Der Zudrang veranlaßte den Vorstand zu wiederholten Malen, an den Kultusvorstand mit der dringlichen Bitte heranzutreten, ein den religiösen Bedürfnissen der orthodoxen Israeliten entsprechendes großes Bethaus in der Inneren Stadt zu erbauen, zu welchem die nötigen Mittel durch eine Anleihe aufgebracht werden sollten; zu dieser Anleihe würden die Besucher des Schönlatern-Bethauses nach Kräften beitragen. Der erste derartige Vorschlag wurde dem Vorsteher Sichrowsky gemacht — später, im Jahre 1874 dem Präsidenten Dr. Kurända .— immer waren diese Schritte vergebens. In der Folge wurde der Besuch der Schönlatern-Schul schwächer, zumal die jüdische Bevölkerung sich immer mehr in die übrigen Bezirke verteilte und dadurch die Schönlaterngasse entlegen wurde. Starker Andrang war nur bei besonderen Anlässen zu bemerken, so, wenn der spätere Obcirabbiner Dr. Güdemann an Schabbos Haggodol eine regelrechte Deroschoh hielt: dies war regelmäßig der Fall, so lange Dr. Güdemann in der Leopoldstadt fungierte. Im Jahre 1887 hat sich die Schönlatern-Schul als Verein konstituiert, welcher den Namen Schönlatern-Bethaus-Verein führt: auf diesen wurde das Haus (nunmehr C-Nr. 1063) übertragen, nachdem det größte Teil der nominellen Eigentümer gestorben war. Einige Zeit drohte dem Hause der Untergang, als ein großer .Straßenzug durch diesen Stadtteil geplant war; diese Gefahr ist beseitigt; es ist beschlossen, dieses Stück Alt-Wien in seiner gegenwärtigen Gestaltung zu erhalten; dazu gehört die alte Schul, die in demselben Häuserblock steht, wie die alte Universität, deren Fundament die Steine der ältesten Schul am Judetiplatz tragen, ein bemerkenswertes Zusammentreffen. Durch den Bestand des Hauses ist auch jener der Schul gesichert. Der gegenwärtige Vorstand hat mit anerkennenswerter Tatkraft unter Aufwand großer Mittel die Räume gründlich renovieren lassen und dafür gesorgt, daß das pietätvolle Interesse der Nachkommen der Stifter sich dem Werke ihrer Väter wieder zuwende. So ist denn zu erwarten, daß die verjüngte Schul ihre Jahrhundertfeier mit wiedergewonnenen Kräften erreichen werde. Ueber den öffentlichen Religionsunterricht in der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Von Moritz Äiitscherl. Beim Eintritt in die Vorhalle des ältesten, derzeit bestehenden Wiener israelischen Gotteshauses liest man in goldenen Buchstaben über der Tempelpforte den Dank der jüdischen Bewohnerschaft von 1826 an Kaiser Franz I. für .die Gnade, dieses Haus für die V e r e h r u n g Gottes und die religiöse Erziehung unserer Jugend errichten zu dürfen. Wir wollen in dieser Skizze über den Religionsunterricht im allgemeinen, wie er .in den geräumigen Schulzimmern dieses vier Stock hohen Gemeindehauses seinerzeit erteilt wurde, sprechen, J. N. Mannheimer, der erste Prediger im Stadttempel, war auch der erste Direktor der damaligen k. k. ganehmigten öffentlichen Religionsschule, an der er bus 1829 als Lehrer wirkte. Sein Vorgänger, Lehrer Herz, starb 1824. Volks- und Mittelschüler konnten damals auch privat lernen, harten sich aber über ihre Religionskenntnisse einer Prüfung zu unterziehen. 1822 gab es in Wien 255 schulpflichtige israelitische Kinder. Auch als 1867 das allgemeine Volksschulgesetz herauskam, hatte die Schule in der Seitenstettenigass'e noch eine starke Frequenz und noch bis 1877 sah man öffentliche Schüler nach dem „Profan-Unterricht" „zur Religion" in di'le Seiitenstettengasse eilen. Bald stellte sich das Bedürfnis heraus, in entfernteren Bezirken, wie in Fünfhaus usw., ■ Relfigionsschulen einzurichten, aber erst im Schuljahr 1877/78 wurde der Religionsunterricht dezentralisiert und >5n die öffentlichen städtischen Schulgebäude verlegt und an den allgemeinen Stundenplan eingefügt oder Sammelstationen errichtet, die! von den Kindern der benachbarten Schulen besuent wurden. Zu erwähnen ist noch, daß die Gymnasien und Realschulen schon viele Jahre vorher ihre eigenen israelitischen Rillgionslehrer mit internem Unterrichte besaßen, so war seinerzeit Dr. Güdemann einer der ersten Religionslehrer am Akademischen Gymnasium. Um dis Jugend für den öffentlichen Gottesdienst vorzubereiten, wurde im Herbst 1870 im Stadttempel allsabbatlich ein Mincha-Gottesdienst für die jüdischen Studenten eingeführt Beim ersten Jugendgottesdieiist, der besonders feierlich abgehalten wurde, sang Salamon S u 1 z e r, später fungierte der erstei Kantor Fischer. Die Exhorten hüelten abwechselnd Dr. Jeülinek und Dr. Güdemann, ersterer ließ auch Rabbinatskandidaten vortragen. So sprachen auch die verewigten Dr. Markus Spitzer, der nachmalige. Vertreter der Kultusgemeiaide und b"s zu seinem Tode Präses der Wiener „Chewra Kadischa", Dr. Frankl-Grün, Dr. K u r e i n und mehrere andere junge Gelehrte. Daß von der großen Zahl öffentlicher Schüler nur ein geringer Teil dem Schulgottesdienst im Stadttempel beiwohnen konnte, liegt auf der Hand. Mädchen kamen überhaupt in keine Synagoge, und so trug mani sich im Kuiltusvorstande mit dem Gedanken.« in allen Wiener Bezirken für beiderlei Geschlechter einen regelmäßigen Jugendgottesdienst einzurichten. Im Jahre 1881 fanden unter dem Vorsitze der damaligen Vertreter Emanuel Baumgarten und Dr. Kompert Beratungen statt, denen auoh Lehrpersonen zugezogen wurden und wurde besonders Gewicht darauf gelegt, daß nur der Sabbat zur Abhaltung der Jugendandacht in Betracht kommen dürfe. Die Vorbereitungen wurden bei Beginn des neuen Schuljahres getroffen, da brach der furchtbare Riiigtheaterbrand aus, der so viele Kinder zu Waisen machte. Die Gotteshäuser wurden mehr denn je besucht und die allgemeine Einführung des Gottesdienstes für die Jugend war zum dringenden. Postulat geworden. Am Schekel-Sabbat — es war am 18. Februar 1882 — öffneten sich in allen Wiener. Bez'tken die Tempelpforten für die Schuljugend beiderlei Geschlechtes,- es waren die Beträume fast zu klean und mußte, wie im großen Leopoldstädter Tempel, eine Trennung nach Geschlechtern vorgenommen werden. Die Prediger wurden vom Vorstände aus der Lehrerschaft gewählt und wurden der Schulbeginn und -Schluß, auch patriotische Feste, bei großer Teilnahme der Jugend sehr feierlich begangen. Rabbiner Dr. Adolf Schmi ed e 1 hatte bald nach seinem' Amtsantritt im Fiinfhauser. Tempel noch viele Jahre zuvor einen feierlichen Jugendgottesdienst für die westlichen Bezirke abgehalten.

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