Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063984--14418-3081975
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. U/12 DIE WAHRHEIT Seite 21 Was kommt heran mit kühnem Gange? Die Waffe blinkt, die Fahne weht, Es naht mit hellem Trommelklange Die Universität. Die Stunde ist des Licht's gekommen; Was war ei sehnt, umsonst erfleht. Im jungen Herzen ist's erglommen Die Universität! Das freie Wort, das sie gefangen, Seit Josef, arg verhöhnt, geschmäht. Vorkämpfend sprengte seine Spangen Die Universität. Zugleich erwacht's mit LerchenMedern, Horcht, wie es dithyrambisch geht! Und wie di3 Herzen sich erwidern: Die Universität. Und wendet ihr euch zu den bleichen Gefall'nen F relhtdtsopf ern, seht: Bezahlt hat mit den ersten Leichen Die Universität. Doch wird dereinst die Nachwelt blättern, Im Buche der Geschichte steht Die lichte Tat mit gold'nen Lettern: Die Universität. Was würden alle diese Männer, die unermüdlich bestrebt waren, dem Volke und Land all die gehegten Wünsche in Erfüllung zu bringen, zu der heute herrschenden Lieblosigkeit und Unduldsamkeit sagen, wie sie gegenüber den jüdischen Hörem an der Universität, Technik und Exportakademie in Wien und Budapest geübt wird? Hatten doch die Eltern dieser jüdischen Hörer für die Erringung der Freiheit gleiche Opfer an Blut gebracht, wie die Eltern der nachtjüdischen Studierenden. Und heute, im Zeitalter der Demokratie, bekämpfen sich die Söhne dieser wahrhaft freiheitlich gesinnten Eltern! Der als Opfer gefallene Heinrich Spitzer hat. wie die Geschichte lehrt, armen Kollegen seine Sparpfennige als Honorar für erteilte Lektionen gegeben. Einer armen Familie in Lerchenfeld, bestehend aus MiutteT und sieben Kindern, die vor Hunger siech darniederlagen, drohte der unbarmherzige Hausherr mit dem Hinauswurf, weil sie den Mietzins nicht zahlen konnten. Heinrich Spitzer appellierte an seine Kollegen und bat sie, da sie doch Humanitätsschüler sind, sich ein Vergnügen .entgehen zu lassen und den Betrag diesen Hilfsbedürftigen zu widmen. Wieviel Wohltätigkeit fließt von Wiener und Budapester Juden für die Universität und die anderen Hochschulen! Ueberall findet sich das anerkannte jüdische Herz, um Wohltaten zu erweisen. „Drei Tugenden charakterisieren vorzüglich cfen jüdischen Stamm: Bescheidenheit, Barmherzigkeit und die Uebung wohltätiger Werke. Heil unserer Jugend, so sie unser Alter nicht beschämt. Leider beschämt die heutige lieblose Generation die im Grabe ruhenden Freiheitskämpfer, die ihr Herzblut geopfert für Gleichheit, Freiheit und Gleichstellung der verschiedenen Glaubensgenossen in staatsbürgerlichen Rechten. Ul Die älteste Wiener Schul. Von Dr. A. B e r g e r. Die ältesten Betstätten, Schulen genannt, welche sich auf Wiener Boden befanden, sind — bis auf eine — spurlos verschwunden. Jene große Schul des ältesten Judenviertels in der Inneren Stadt, welche auf dem früher Schulhof genannten Judenplatz in der Ecke, welche heute von den Häusern Nr. 7 und Nr. 8 gebildet wird, gestanden hat (Tg. Schwarz, „Das Wiener Ghetto", S. 45), wurde demoliert, die Steine der Universität für ihren Neubau geschenkt, dieselben dürften für das Fundament der alten Universität, Sonnenfelsgasse, Ecke Jesuifengasse, verwendet worden sein. Nach Ausweisung der Juden aus dem unteren Werd verblieben daselbst zwei Synagogen: die alte Synagoge in der Oberen Straße, heute Große Pfarrgasse, welche noch vor 20 Jahren als Wohnhaus bestand und seither demoliert wurde (Grundriß und Aufnahmen von Baurat Stiassny befinden sich im jüdischen Museum) und die große Synagoge, welche zur Kirche, umgebaut wurde (Ig. Schwarz, S. 252). Die älteste Laut Attest Sr. Ehrwürden des Herrn S Oberrabbiners * SIMON SCHREIBER aus Erlau f Verläßlich Koscher in Friedensqualität erzeugt von ■ i HEINRICH FRANCK SÖHNE 5 Kaffeesurrogatfabrik, Linz a. d. D. g ■ bei jedem Kaulmann zu haben! m i j Wiener Schul — nur 25 Jahre jünger als der Tempel in der Inneren Stadt — ist die Schördatern-Schul, von deren Gründung und Schicksal berichtet werden so!!. Bis zum Jahre 1850 hatten die orthodoxen Israeliten, sowohl Wiener als auch zugereiste Fremde, ihre Andachtsstätte im sogenannten polnischen Bethause im Lazzenhm. Nach.Berichten von Zeitgenossen befand sich dasselbe im 3. Stock dieses alten winkeligen Gebäudes. In mehreren finsteren, durch qualmende Unschlittkerzen beleuchteten Räumen standen die Beter aus Galizien, Mähren und Ungarn in peinvoll fürchterlicher Enge und verrichteten ihre Andacht, wie sie es von ihren Killes her gewohnt waren. Die Verschiedenheit der Minhagim wie auch die Forderungen in bezug auf die Verwaltung des Bethauses gaben Anlaß zu Differenzen zwischen Polen und Deutschen. Vergebens versuchte der Gemeinderabbiner Lazar Horwitz Frieden zu machen; es kam zur Trennung, als im Jahre 1850 der alte Lazzenhof wegen Baufälligkeit demoliert werden mußte. Die „Orthodoxen deutscher Fraktion", wie sie von den Behörden genannt wurden, legten Wert darauf, wieder eine Betstätte in der inneren Stadt, wo ihre Wohnungen und Geschäfte sich befanden, zu erlangen und da eine solche mietweise nicht zu haben war, kauften sie mit Vertrag vom 12. Dezember 1852 das Haus C.-Nr. 674. jetzt Schönlaterngasse Nr. 6, um den Preis von 40.000 fl. C.-M. Die erforderlichen Mittel wurden durch eine Subskription aufgebracht. Unter den 70 Subskribenten findet man die Namen fast aller Personen, welche Sigmund Mayer in seinem Werke „Die Wiener Juden 1700 bis 1900". S. 239 ff., als die hervorragendsten Vertreter des Wiener Handels in der Vormärzzeit anführt. Die gezeichneten Beträge waren in drei Raten innerhalb eines Jahres zu bezahlen: die Termine wurden mit kaufmännischer Pünktlichkeit eingehalten. Da die Schul noch keine Korporationsrechte hatte, mußten die ersten Vorsteher als nominelle Eigentümer ins Grundbuch eingetragen werden: es waren: Heinrich Berger, Anton Bing. Kopel Benedikt, Israel Goldmann, Israel Knöpfelmacher, Franz Neumann und Jakob Wertheimer. Durch eine gleichzeitig einverleibte Erklärung wurde festgelegt, daß nur mit Zustimmung aller Miteigentümer eine Verfügung über das Haus statthaft sei. So war der Zweck des Ankaufes möglichst gesichert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.