Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063984--14415-3081972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 18 die wAHKrerr Nr. 11/12 Heller aus Wallerstein, der, wie üblich, nach jenem Werke kurzweg als der „Tausfes Jontef" heute noch in weiten jüdischen Kreisen bekannt ist und „gelernt" wird. Nur kaum zwei Jahre amtierte er in Wien, aber gerade in einer besonders kritischen Zeit Die Wiener Juden waren aus der „Stadt" in die Leopoldstadt übersiedelt und dort erst eigentlich eine Gemeinde geworden. Heller gab ihr Statuten. Er traf die Einrichtung, daß täglich vor Beginn des Morgengebetes aus einem alten hebräischen Sittenbuche in deutscher Uebersetzung zehn Grundlehren über Rechtschaffenheit im Handel und Wandel vorgelesen wurden. Durch seine Pedigten, von denen eine — nach der Seuche im Jahre 1626 — sich erhalten hat, stärkte er in schweren Zeiten das Gottvertrauen der Gemeinde, der er das schönste Zeugnis ausstellt. Trotz aller Anhänglichkeit der Wiener, die auch, um ihn zum Verbleiben zu bestimmen, jedes Opfer bringen wollten, folgte Heller einem Rufe nach Prag, damals der angesehensten jüdischen Gemeinde, in der er schon als Achtzehnjähriger — seit 1597 — neben dem berühmten Hohen Rabbi Low als Rabbinatsassessor gewirkt hatte. Es war ein unglückseliger Schritt. In der Prager Gemeinde herrschten arge Zerwürfnisse. Die Eintreibung derstaatlichen Steuern stieß auf Schwierigkeien. Heller, ein rechtliebender Charakter, der seiner Geradheit wegen sich auch später in Polen schwere Feindschaft zuzog, als er gegen die Käuflichkeit des Rabbineramtes Stellung nahm, machte sich in Prag einflußreiche Gemeindemitglieder zu erbitterten Gegnern. In ihrem Hasse gingen diese Verworfenen so weit, ihn bei der kaiserlichen Regierung zu verleumden, daß er in seinen Schriften das Christentum geschmäht habe. Eines Tages erging aus der kaiserlichen Kabinettekanzlei an die böhmische Statthalterei der Befehl, Heller unverzüglich in Ketten nach Wien zu schicken. Die ganze Judenschaft erbebte unter diesem Schlage. Man hatte zu befürchten, daß dieses Vorgehen gegen den Rabbiner der größten Gemeinde gleichzeitig und eigentlich der gesamten Judenschaft gelte. Im Auftrage des Prager Vorstandes begleitete ein bei Hofe angesehenes Mitglied den Inquisiten nach Wien, wo Heller auch an seiner ehemaligen Gemeinde jede mögliche Unterstützung fand. Er hatte sich vor einer Kommission zu verantworten. Das Urteil lautete auf Todesstrafe. Dem Einfluß seiner Freunde, besonders seines Anverwandten Bassewi, gelang es. den Kaiser dahin umzustimmen, daß er sich mit einer hohen Geldstrafe zufriedengebe. Doch sollte Heller in Zukunft weder die Prager noch sonst eine Rabbinerstelle in des Kaisers Landen bekleiden dürfen. Auch diese beiden Verdikte waren auf Umtriebe jener Feinde zurückzuführen. Man hatte dem Kaiser viel von Hellers Reichtum erzählt. Einer dem Hofe nahestehenden Persönlichkeit, mit der er während seiner Wiener Amtszeit wiederholt theologische Dispute geführt, hatte man eingeflüstert, Heller habe sich in Prag vor dem Statthalter seiner Siege in diesen Kontroversen gerühmt Hierfür sollte er nun durch Ausschluß vom Rabbineramte gestraft werden. Heller fiel es leicht, jener Persönlichkeit in Wien zu beweisen, daß der bewußte Statthalter bereits verstorben war, bevor er den Boden Böhmens betreten hatte. Und seine Freunde überzeugten den Kaiser von der Haltlosigkeit jener Ausstreuungen über sein Vermögen. So wurde denn die Geldstrafe gemildert und Heller die Annahme jedes Rabbinates außerhalb Prags freigegeben. Das Geld halfen ihm die Prager und Wiener Juden aufbringen. Ein Rabbinat erhielt er zunächst im damaligen Rußland, später das in Krakau. Diesen Vorgängen, die er zum Andenken für seine Nachkommen selbst dargestellt hat. ist eine weitere Schrift gewidmet, die, wie man annimmt, aus der Feder eines Fälschers stammt, die aber gleichfalls eine Familienüberiieferimg darstellt. Sie wird Samuel, dem zweiten Sohne Hellers, zugeschrieben. Samuel hatte in Metz. Talmud studiert. Auf der Heimreise nach Prag führte ihn sein Weg durch Wien, gerade damals, als, ohne daß er es wußte, sein Vater hier gefangen saß. Auf einer Wiese in der Umgebung Wiens gelang es ihm, die Familie des französischen Gesandten vor einem wildgewordenen Stier zu retten. Der Gesandte sicherte ihm seine Erkenntlichkeit zu. Die nahm nun Samuel mit Erfolg für seinen Vater in Anspruch. Hellers Gegner fanden, so berichtet er selbst, ein jähes Ende. Daß er ihre Namen nicht der Nachwelt überliefert, hat, zeugt von dem Adel seiner Gesinnung. Zum Andenken an den Tag, an dem ihm das Krakauer Rabbinat übertragen wurde, feiern seinem Wunsche gemäß seine Nachkommen noch heute am 1. Adar ein Familien-Purim. Das erste Protokoll der Bevollmächtigten der Wiener Juden. (Aus den Akten des Archivs der israelitischen Kultusgemeinde Wien.) Mit gütiger Bewilligung des Präsidiums.- Von Saul C h a j e s, Wien. Das Schriftstück, welches hier zum ersten Male veröffentlicht wird, ist in jiddischer Schrift und in jüdisch-deutscher Sprache verfaßt. Es datiert vom 21. Adar 5544 — 14. März 1784. Das Manuskript wurde vom Herausgeber wörtlich mit deutschen Lettern transskribiert, um Lesern, denen die hebräische Schrift nicht geläufig ist, einen verständlichen Text zu bieten. Die hebräischen Ausdrücke, die in der vorliegenden Schrift vorkommen, wurden übersetzt und durch fette Buchstaben kenntlich gemacht. Von den damaligen Mitgliedern des von der Gemeinde „ernannten und bevollmächtigten Ausschusses" werden in diesem „Protocolum Nr. 1" erwähnt: Jose! b. R. S[amuel] W[ert]h[eimer] (siehe Note 11), der den Auftrag erhält, die Anzahl der jüdischen Arrestanten festzustellen und für eine bequeme und wohlfeile Verpflegung derselben während der Pessachtage Sorge zu tragen, und Joachim L[ei]d[es]d[orfer] (s. Note 17), der sich freiwillig angeboten hat, „hinter den Kulissen" zu erfahren,; wie hoch sich der Preis des vom Magistrate

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.