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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 18

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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an sein Lebensende mehr als je ein Prediger oder Rabbiner seiner Gemeinde sein konnte. Er hat durch sein begeistertes Wort, durch die Macht seiner an die Propheten mahnenden Beredsamkeit in den Herzen seiner Hörer die Liebe und die Begeisterung für ihren Glauben entzündet und wachgehalten, in ihnen das Bewußtsein gekräftigt, daß sie trotz ihrer niedrigen äußeren Lage, stolz auf ihre Abstammung, ihre geschichtliche Vergangenheit und auf ihre Mission in der Zukunft sein dürfen. Er war einer der ersten, der auch in der deutschen Predigt die reichen Schätze des Talmuds und Midrasch zur Geltung brachte. Mannheimers Reden lauschten nicht nur seine Glaubensbrüder, sie lockten auch katholische Priester häufig in die Synagoge, wie wenn endlich das historische Unrecht gesühnt werden sollte, das Jahrhunderte hindurch auf Grund von Konzilbeschlüssen Juden zwang, zum Anhören von Missionspredigten die Kirche zu besuchen. Mannheimer, ein Mann des Friedens, dem der Frieden in der Gemeinde über alles ging, durfte kurz vor seinem Tode von sich sagen: „Ich war meiner Gemeinde nicht der Priester, der fungierende, ich war ihr mehr als das, ich war ihr Vater, Freund und Bruder. Sie war das Kind meines Herzens, sie war meine Sorge bei Tag und Nacht. Ich habe das Glück und den Frieden meines Hauses nie obangestellt. Das Haus Gottes war mein Haus, wie seine Ehre mir am Herzen lag. Das Haus Israel — mein Haus, meine Familie, deren Wohl und Wehe mich tief bewegt und keine Stunde meines Lebens mir frei ließ." Von diesem Priester des Friedens galt jedoch, wenn es sich um die Ehre des Judentums und seiner Religion, um die Geißelung und Brandmarkung des Abfalles und der Fahnenflucht handelte, auch das Wort des Propheten: „Gott der Herr machte meine Zunge zu einem zweischneidigen Schwerte." * * * * Die „Tolerierten" in Wien, die Bekenner der „tolerierten" jüdischen Religion, erfreuten sich in auf sich nehmen muß, um sein täglich Brot zu besitzen. Wohl haben die Menschen seit altersher davon geträumt, daß ihnen ein Leben ohne Mühe und Arbeit beschert werde, in ihrer Phantasie ein Land geschaffen, wo die ..gebratenen Tauben" In den Mund fliegen, nur Genuß und keinerlei Arbeit ihr Anteil ist. Aber wohl ihnen, daß es ein Traum geblieben ist! Wäre er Wirklichkeit geworden, er wäre das größte Unglück der Menschheit! Nichts würde geleistet, nichts erstrebt, nichts erreicht werden. Nur der Kampf ums tägliche Brot, das bißchen Salz macht es wertvoll und den Menschen zum siegreichen Herrn der Erde. So hat der Mensch den Schweiß der Arbeit kennengelernt, den Wert der Zeit, des Lebens und der Gemeinschaft erkannt, ist „der Mensch" geworden, der alle Kräfte der Natur in seine Dienste gestellt hat. Der grüblerische Ben Sorna hat einst gesagt: „Wie viele Mühe hatte doch der erste Mensch, ehe er die Kunst erfunden, Brot zu essen. Er mußte pflügen, säen, ernten, Garben binden, dreschen, worfeln, mahlen, seihen, kneten und backen und erst nach alledem konnte er essen — ich stehe morgens auf und finde es bereitet vor." Ben Sorna hat Recht. Dadurch, daß sich alle Hände regen, ist jedem sein Brot bereitet, aber das Salz hat er vergessen. Aus dem Schacht der Erde wird es geholt oder mühselig dem Meer abgewonnen; auch um das Salz, das Gaumen und Zunge ablehnen, muß sich der Mensch mühen, um seinem Brote Wohlgeschmack zu geben, Leiden und Bitternisse, die der Mensch standhaft erträgt, aufrecht überwindet, veredeln den Charakter. Aus den Kümmernissen und Widerwärtigkeiten des Lebens wird jenes wundervolle Mitgefühl und Verständnis für die Leiden anderer geboren, das so wohltuend im Wesen eines Menschen von seinen Mitmenschen empfunden wird. Die Weisheit und Abklärung des Alters, die Erfahrung nach einem dem Jahre 1826 der Begünstigung, daß sie, solange das Oberhaupt der Familie lebte, ungestört in Wien wohnen durften; nach dessen Tod erlosch dieses Recht. Als M. L. Biedermann, der an der Spitze der ausgezeichneten Männer stand, die man die Urheber alles dessen nennen darf, was den Ruhm und die Größe der Wiener Gemeinde schuf, vom Kaiser Franz, in Anerkennung seiner hohen Verdienste aufgefordert wurde, sich eine Gnade zu erbitten, bat er, es möge seinen Kindern, auch nach seinem Tode gestattet sein, in Wien zu bleiben. Erst im Jahre 1837 wurde den Juden prinzipiell zugestanden, daß nach dem Tode des Familienoberhauptes, desjenigen, der die „Toleranz" hatte, dessen Witwe und Kinder nicht Wien verlassen mußten. Aber wie vieler Petitionen und demütigender Bittgänge hatte es bedurft, bis diese Gnade erreicht wurde! Wie peinvoll niederdrückend und beschämend muß es auf die geistig hochstehenden Männer gewirkt haben, die mit Mannheimer an der Spitze, in dieser Angelegenheit bei dem Erzherzog Ludwig in Audienz erschienen waren, und als Antwort auf ihre Bitte, an die Gnadenbeweise erinnert wurden, die Einzelnen zuteil geworden. Und da war es, wo Mannheimer, der Herr über das Wort, von seinen Gefühlen übermannt, sich zu dem Aufschrei hinreißen ließ: „Was Ew. kaiserliche Hoheit als Gnade bezeichnen, würde ich von meinem Standpunkte Willkür nennen." Aber wie herrlich, wie bestückend war dte Lage der „Tolerierten" (die 1820 alles in allen 135 Familien umfaßte) gegenüber der der fremden Juden, die in Wien nur zweimal 24 Stunden weilen durften. Nach Ablauf dieser Frist konnten sie sich allerdings den Aufenthaltsschein erst bis zu einer, dann noch zu einer zweiten Woche verlängern lassen. Das war natürlich jedesmal mit einer neuen Steuerleistung verbunden. War diese Frist verstrichen, mußten diejenigen, die in Wien bleiben wollten, „verreisen", d. h. bei einer Linie hinausfahren oder gehen und bei der anderen sich wieder als Neuangekommen melan Wechselfällen reichen Leben, der warme, ruhige Blick, der in dJR Herzen hineinschaut, die Güte, die vieles verzeiht und mit den menschlichen Schwächen geduldig und verstehend Nachsicht hat — sie alle sind durc-h das bißchen Salz erworben, das unserem Brote beigemischt ist, durch das Mißliche und das Mißlingen, das iedes Menschenleben durchgekostet hat, aber dadurch erst zu dem köstlichen Wohlgeschmack eines «vertvollen Wesens und Charakters gelangt ist. Opfer, die ohne Salz dargebracht wurden, waren nicht wohlgefällig. Es fehlte ihnen das Symbol, das das Wesen des Opfers kennzeichnet. Wer ein Opfer bringt, muß etwas empfinden, was wie Entsagung. Verzicht, Mühe oder Hingebung klingt. Man muß fühlen, daß man sich etwas nimmt, sich eine Entbehrung auferlegt für einen anderen, sei es Gott oder die Menschen. Das ist der Sinn von der Zugabe des Salzes, das das Opfer wohlgefällig macht. Dem Herzen ist es nicht leicht und gleichgültig, das Opfer zu bringen, aber aus Liebe zu Gott oder den Menschen wird das Schwere überwunden, das Opfer gebracht. Brot verdienen für sich und sein Haus, Weib und Kinder ernähren — heißt Opfer bringen. Um der Liebe willen, die den Menschen mit den Seinigen verbindet, mit der er für sie sorgt, sie vor Not und Entbehrung, Hunger und Frost schützt, bringt er „Opfer mit Salz", trägt viel Mühsal und Plaga. Der Ernährer des Hauses bricht das Brot, taucht die Mozi in Salz und reicht sie den Seinen. Sie sollen wissen, Brot wird schwer und opferreich verdient, sollen wissen, daß liebevoller Opfersinn es gerne herbeischafft, ja daß die Opfer für Haus und Familie des Hausvaters innerster Stolz und reinstes Glück sind. Sie alle sollen das Brot mit Salz kosten, wissen, was es bedeutet, Gott dem Herrn einen Segen sprechen und segnen „Brot und Salz". K.

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