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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 17

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. U/12 DIE WAHRHEIT Glossen. Sind wirklich erst hundert Jahre verflossen seit dem Tage, an welchem die feierliche Einweihung de;s Tempels in der Seitenstettengasse stattfand? Wahrhaftig, verweilt man bei einzelnen Momenten, die den Wandel der Verhältnisse grell beleuchten, dann könnte man fast glauben, daß uns ein Jahrtausend von dem Tage trennt, an dem dieses Gotteshaus in seiner schlichten, aber darum nicht minder herrlichen Schönheit in Wien sichtbar wurde. Sichtbar? Das Wort ist vielleicht ein wenig unvorsichtig gewählt. Im Jahre 1826 durfte in Oesterreich ein Tempel, in welchem zu dem Gotte der Liebe, des Erbarmens und der Gerechtigkeit gebetet wird, den Moses als der erste Prophet der Menschheit offenbarte, nicht so ohne weiters allen in die Augen stechen. Die Frontdes Tempels, der der Verkündigung der ewigen Grundlehren der Gotteserkenntnis, der Sittlichkeit und der Humanität dienen sollte, die Israel zuerst bekannte, durfte von der Straße aus nicht sichtbar sein. Warum? Er war ja nur der Tempel einer, wie der gesetzliche Ausdruck lautete, „tolerierten" Religion; allerdings einer Religion, der, was nicht zu leugnen ist, der Begriff der Toleranz fremd geblieben war. Denn schon vor Jahrtausenden hat das Gesetz, das Moses dem jüdischen Volke dekretierte, ausgesprochen: Ein Recht und ein Gesetz sei, für den Eingeborenen wie für den Fremden, der in deinen Toren weilt .... Zwischen der altösterreichischen und der altjüdischen Gesetzgebung gähnt kein scheinbarer, sondern ein wirklicher Abgrund von Jahrtausenden. Sfc * * Aber nicht nur der Tempel, auch die jüdische Gemeinde in Wien durfte im Jahre 1826 offiziell nach außenhin nicht als solche sichtbar sein und ganz logisch schloß sich daran, daß die Wiener Juden keinen Rabbiner und keinen Prediger haben durften. Isaak Noa Mannheimer war nur der „Religions- PESSüCH ttaffee-znsati in braunen Sdiaditeln laut Attest Sr. EhrwQrden des Herrn Ober- Rabbiner Simon Schreiber aus Erlau werlttttltcl* IccbscImb» nt£D aueh heuer wieder in garantiert reiner und ausgiebiger Qualliäi zu haben bei Heinrich Franch sehne in Ko&ce Diese Fabrik steht unter Oberaufsicht des Herrn Ober-Rabbiners Simon Schreiber und unter ständiger Kontrolle von Sr. Ehrwürden ernannten frommen jüdischen Aufsehern so daß sämtliche Erzeugnisse verläßlich koscher sind und also von jedem Glaubensgenossen das ganze Jahr hindurch gebraucht werden können. Beachten Sie beim Einkaufe im eigenen Interesse recht genau die braune Farbe der Schachtel die Schutzmarke n Jtf f EEMIflLE und die Unterschrift Heinrich f RANCK Sühne lehrer"; er war es auch, der-die Statuten des Bethauses der Israeliten in Wien entwarf, die gewissermaßen die Gemeindestatuten enthielten und am 20. April 1829 im Gotteshause in der Seitenstettengasse den versammelten Knltusmitgliedern mitgeteilt wurden. Mannheimer war und blieb aber bis Salz und Brot. Alle deine Speiseopfer sollst du mit Salz salzen und nicht fehlen lassen das Salz des Bundes mit deinem Gott an deinem Speiseopfer; bei jeglichem Opfer von dir sollstdu Salz dar bringen. III, 2, 13. Das Judentum stellt den Tisch, an dem wir essen, dem Altare des Heiligtums, die Mahlzeit, die unseren Hunger stillt, der Opfergabe gleich, und wie das Opfer von einst gesalzen sein mußte, so soll auch das tägliche Brot mit Salz genossen werden, was ja die bekannte Sitte gezeitfgt hat, die Mozi in Salz zu tauchen. Erklärung und Begründung dieses Brauches ist die Vorschrift der Thora: „Bei jeglichem Opfer von dir sollst du Salz darbringen." Es ist etwas Merkwürdiges um das Stückchen Brot, das man abbricht, in Salz taucht und nach Sprechen eines Segens ißt, bevor man irgend etwas genossen und nachdem man sich die Hände gewaschen hat. Wie wenige denken daran, daß ein Stück Brot das älteste und größte Kunstwerk darstellt, das Menschengeist erfunden und Menschenfleiß zustandegebracht hat, das, der Ersatz für ein verlorenes Paradies, als Fluch und Segen dem Menschen auf seinem Lebensweg mitgegeben ist. Niemand hat diesen Gedanken schöner ausgesprochen als der Talmud, der sagt: Als Gott zu Adam sprach: „Dornen und Disteln soll dir die Erde hervorsprießen lassen", da flössen aus den Augen Adams die ersten Tränen und weinend sprach er zu Gott: „Weltenherr, ich und mein Esel sollen aus derselben Krippe essen?" Als aber Gott tortfuhr und sprach: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brot essen", da beruhigte sich der Sinn Adams. Denn „Brot" ist die Nahrung, die den Menschen vor allen Geschöpfen auszeichnet. Sie alle finden ihre Nahrung zum Genüsse bereit, essen, was und wie es die Natur bietet, nur der Mensch allein schafft ein Kunstwerk, sein Brot, mit dem er seinen Hunger stillt, das seinem Gaumen schmackhaft ist, ihm nie widersteht, mag er es essen und immer wieder essen, dessen weder der Reiche noch der Arme entbehren kann. Zu diesem Kunstwerke "braucht er Salz. Das Manna, das Brot vom Himmel, das die Israeliten einst in der Wüste wunderbarerweise erhielten, mußte nach unseren Alten allerlei Geschmack haben, den Gaumen zu befriedigen, und trotzdem wurde Israel seiner überdrüssig und sprach: „Wir haben Widerwillen gegen die elende Speise", ja sie feierten später unter Josua den Tag. da das Manna aufhörte und sie vom Ertrage der Erde aßen. Denn das Manna schmeckte wie Honig, es fehlte ihm — das Salz. Die Menschen müssen Brot mit Salz essen. Darum vergleichen Ausleger der Heiligen Schrift dieses Salz mit den Leiden, die gleichwie Salz dem Brote, dem Körper „Geschmack" geben, und es ist gewiß ein geistvoller Hinweis, daß im Hebräischen die Wörter „Lechem"—„Brot", „melach"'— „Salz" und „löchern"—„kämpfen" die gleichen Buchstaben und den auffallendsten Gleichklang aufweisen, Segen und Fluch, die einst Adam mit dem Brote gegeben wurden, sind darin angedeutet: es muß erkämpft, mit Leiden und Mühsal genossen werden. Das macht seinen Wert und seine Wertbeständigkeit aus. Nicht ohne tiefen Sinn hat die Sprache die Redewendung „Brot v e rdiene n" und „Kampf ums tägliche Brot" geprägt, weil der Mensch das Joch des Dienstes und die Gefahr des Kampfes»

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