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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 16

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 14 DIE WAHRHEIT Nr. 11/12 bisher letzten Reformator des jüdischen Gottesdienstes wurde. Wien, durch seine geographische Lage von Natur aus zu einem Verkehrsmittelpunkt vorbestimmt, war auch zu einer führenden Rolle in der Entwicklung des jüdischen Lebens vom Mittelalter bis auf die Neuzeit berufen. Schon infolge seiner zentralen Lage konnte der mächtige Einfluß Wiens auf Ost und West nicht ausbleiben, aber speziell auf dem üebiete der synagogalen Liturgie schuf es einen nicht zu überholenden Rekord. Die Vorsehung schenkte der Reformationszeit das Genie Sulzer. Von den Führern der Wiener israelitischen Kultusgemeinde im Jünglingsalter auf einen ungeheuer wichtigen und verantwortungsvollen Posten berufen, löste dieser Meister aller Zeiten die ihm gestellte Aufgabe so glänzend, daß keine Schichte des jüdischen Volkes von seinem Einflüsse unberührt blieb. Auch die entferntesten, abseits aller Kultur stehenden, vom Strome der damaligen Zeit noch nicht in Mitleidenschaft gezogenen Volkskreise konnten sich vor diesem Eindringling schützen. Sogar die „Bankquetscher" im „Beth-Hamidrasch" wie die „Chassidim" in ihrem „Stubel" unterlagen der Uebermacht seines Genies und wie überallhin drang der Geist Sulzers auch dort ein. Aus dem Nichts schuf der junge, für sein Amt begeisterte Künstler einen formvollendeten, abgerundeten, liturgischen Grundstock. In Komposition und Choralgesang den dem Geiste der damaligen Reformationszeit innewohnenden . Assimilationsbestrebungen notgedrungen Rechnung tragend, blieb er aber im Rezitativ, in der eigentlichen Liturgie den traditionellen Weisen bis aufs extremste treu. Die Mentalität jener Zeit war auch hier wie auf allen anderen Gebieten besrebt, die noch aus dem Ghetto herübergebrachte jüdische Eigenart unter allen Umständen abzuschleifen und sich vollständig der neueröffneten Umgebung zu assimilieren. Wäre nicht rechtzeitig Sulzer gekommen, die Tradition wäre von der hochgehenden Assimilationsströmung des vorigen Jahrhunderts einfach weggeschwemmt worden. Dies zu verhindern war keine leichte Arbeit. Einerseits der Neuzeit, der Aesthetik geregelter Gesangskunst Rechnung zu tragen, anderseits auch der traditionellen Liturgie gleichzeitig die Treue zu bewahren, war schwer. Hier mußte, wie der Meister in seinem Vorworte zu seinem Werke „Schir Zion" ausdrücklich betont, vorsichtig und sehr geschickt operiert werden. Denn die im Osten Europas in Massen lebenden Juden nahmen wie in ihre Sprache so auch in ihren Gesang die Eigenartigkeiten ihrer Umgebung auf. Sie "durchmengten nicht nur ihre deutsche Muttersprache mit Zusatzworten und eigenartigen Ausdrücken ihrer Wirtsvölker, sondern auch im Gesang kommt dieser fremde Einfluß merkbar zum Ausdruck. Ein Gemisch von kleinrussischen, polnischen, ungarischen, zigeunerischen und rumänischen Weisen bildet heute einen großen Teil des Gesanges, den wir als „jüdisch" zu bezeichnen gewohnt sind. Sulzer müßte hier Säuberungsversuche anstellen und diese sind ihm in einer bis nun noch von keinem anderen erreichten Art gelungen. Wenn er auch speziell auf synagogalem Gebiete in der Komposition von vielen namhaften jüdischen Fachgenossen vielleicht erreicht wurde — im Rezitativ, speziell was Aesthetik, Vortrag und Gesangskunst betrifft, ist er heute noch' immer Muster. Was bedeuten die Ehren und Auszeichnungen, die der Person S u 1 z e r s, seinen individuellen Leistungen als Sänger und Meister in seinem langen, an Erfolgen reichen Leben zuteil wurden, gegenüber dem unvergänglichen Monumente, das er sich selbst in seinen nie alternden Werken errichtet hat! Solange Synagogen bestehen und Juden leben werden, die darin beten, wird der mächtige Einfluß nicht verschwinden, den der Sulzersche Wiener Gottesdienst auf das Judentum in allen Ländern der Welt erlangt hat. Und wenn auch der Choralgesang bei Sulzer unter der Einwirkung der Reiormationsbestrebungen von seiner traditionellen Art so ziemlich alles verloren hat, so bleibt es doch sein unsterbliches Verdienst, die ästhetische Regelung dieses Gesanges in der Synagoge geschaffen zu haben. Auch die jüngste Renaissancebewegung kann sich über Sulzer und sein Werk nicht hinwegsetzen. Wie oben erwähnt, schälte Sulzer das ihm wahrhaft traditionell jüdisch Scheinende aus dem Chaos der iremdstämmigen Weisen heraus und trug es in seinem Werke zur Konservierung zusammen. Unzählige Nummern darin, von denen er an seiner Wirkungsstätte aus besonderen Gründen persönlich nie Gebrauch machen konnte, legen beredtes Zeugnis für dieses sein Vorhaben ab. Auch spätere Forscher werden sich noch mit dem von Sulzer auf diesem Gebiete gesammelten reichen Materiale zu befassen haben. Dem Schreiber dieser Zeilen ist es zwar nicht bekannt, wo und wann Sulzer, der in seinem Vorworte behauptet, die traditionellen Gesangsweisen von dem „Maharill" übernommen zu haben, diesen zu Gesichte bekam, da doch von „Maharill" musikalische Aufzeichnungen nicht vorhanden sind; aber man muß dem Meister doch so viel Vertrauen entgegenbringen (sein Fleiß und seine Wahrhaftigkeit sind Bürgen dafür), um anzunehmen, daß er sich diesbezüglich wahrscheinlich auf mündliche Ueberlieferungen gestützt hat. Von einem höheren Ausblicke gewertet, gewinnt somit das Jubiläum, welches die Wiener israelitische Kultusgemeinde anläßlich des hundertjährigen Bestandes der Synagoge in der Seitenstettengasse in diesen Tagen feiert, für das gesamte Judentum der Welt eine ganz besondere Bedeutung. War schon, wie eingangs erwähnt, der Einfluß Wiens für die kulturelle Entwicklung des jüdischen Lebens von ausschlaggebender Wichtigkeit und Wirkung, so ist es im speziellen doch das liturgische Element, welches die Fortschritte auf allen übrigen Gebieten im letzten Jahrhundert weitaus überragt. „Denn von Wien ging die neue Lehre aus und der synagogale Gesang von Sulzer."

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