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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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■^asä^ Nr. 11/1^ Oflfc \MARfi!HB!f Seite 13 „sulzerische Rezitativ". Sulzer, immei musikalisch gereifter und selbständiger, arbeitete mit Unterstützung seiner Mitarbeiter weiter und vollendete sein berühmtes Werk durch Herausgabe des 2. Teiles, Feiertagsgesänge und C a s u a 1 i e n, im Jahre 1865. Wollten wir nun den Inhalt dieses Werkes ausführlich besprechen, dessen Schönheit und musikalischen Wert hervorheben, so würden wir den Rahmen dieser Festschrift wen überschreiten. Es sei deshalb darauf hingewiesen, daß der „S c h i r Z i o n" von keinem später erschienenen Synagogengesangswerk je e r r e i c n t, geschweige denn über troffen wurde. Bedenkt man nun, daß Suilzer, als er im Jahre 1826 an die Arbeit ging, nichts vorfand, woran er anknüpfen konnte, so muß man seinen grundlegenden Leistungen besondere Anerkennung zollen. Was nun die Gesaingskun>st und kantorale Bedeutung Salamon Sulzers anbelangt, ist es schwer festzustellen, in welcher Eigenschaft Sulzer bedeutender war, ob -als Sänger oderals Kantor. Sulzer besaß eine außerordentlich schöne, modulationsfähige, umfangreiche Baritoostimme, beherrschte dieselbe meisterhaft und ergriff die Andächtigen in hervorragender Weise. Durch die gewinnende Art seines Vortrages angezogen, strömten alle jüdischen Kreise Wiens in den Stadttempel, um Sulzer und seinen Chor zu hören. Aber auch Niehtjuden schätzten die Leistungen des großen göttlichen Sängers hoch ein; sind ja diesbezügliche Aussprüche von Franz L i s z t, Meyerbeer u, v. a. bekannt. Hier wollen wir gleichzeitig des hervorragenden Mitgliedes seines Chores gedenken, des bedeutenden Tenors Adolf Fischer, der auch als zweiter Kantor des Stadttempels wirkte und zu den Bedeutendsten seines Faches zählte. Eine hervorragende Stütze für Sulzer war Carl F r ä n.k 1, der eine große, tiefe Baßstimme besaß und als Chordirigent viele Jahrzehnte hindurch am Stadttempel fungierte. Mit den Genannten sowie mit weiteren Sängern und sehr guten Knabenstimmen verstand es Sulzer, seinen Ch;ir auf eine unerreichte Stufe zu bringen. Um die wahre Wirkung des sumerischen Gottesdienstes auf die Zuhörer beurteilen zu können, muß man demselben beigewohnt und Sulzer gehört haben. Es muß nicht erst betont werden, daß Sulzer der beste Interpret seiner eigenen Kompositionen war, ja vielleicht hat er so manches zu individuell gedacht. Aber das meiste ist doch Gemeingut aller Kantoren geworden. Sulzer hauchte dem Gebetworte Leben ein, ja er gestaltete dasselbe derart wirkungsvoll, daß selbst diejenigen, die den Sinn des Gebetes nicht verstanden, durch den erhebenden Vortrag allein mitgerissen wurden. So war sein „S c h'm a J i s r o e i" gleich einer Fanfare, ein Weckruf an das Volk Israel, sein Rezitativ „m e c h a 1 k e l c h a j i m" bis „m ec h a j e m e s i m", seine „E c h o", seine „M e g i 11 o" waren einzig dastehend. Daß Salamon Sulzer aucii außerhalb seiner synagogalen Wirksamkeit als Gesangskünstler geschätzt und gewürdigt wurde, ist Dllgemein bekannt, denn kein Geringerer wie Franz Schubert erklärte Suizer für einen der besten Interpreten seiner Lieder und widmete ihm in dankbarer Wertschätzung den Psalm „T o w 1 e h a udaus" für den „S ch i r Z i on". Auch wurde Sulzer mit Rücksicht auf seine Gesangskunst zum Professor des Konservatoriums für G e s a n g ernannt. Er wurde auch wiederholt zu Hoikonzerten herangezogen und erhielt im Laute seiner ehrenvollen Wirksamkeit hohe Auszeichnungen. Daß die Wiener israelitische KultusgemeinJe jede sich bietende Gelegenheit mit Freuden ergriff, um den großen Meister nach Gebühr zu feiern, muß wohl nicht besonders hervorgehoben werden. Zum Leidwesen aller Freunde und Verehrer des kroßen Kantors schied Sulzer am 2. April 1881 aus dem Amte, das er durch 56 Jahre bekleidete, und trat, von Ehrungen und Auszeichnungen überschüttet, in den wohlverdienten Ruhestand. Er starb neun Jahre später, am 17. Jänner 1890, im Alter von 86 Jahren. Die allgemeine tiefe Trauer, die außerordentliche Teilnahme der ganzen jüdischen Gemeinde und aller Kreise Wiens war ein überwältigender Beweis der großen Beliebtheit, die er sich durch seine Kunst sowie durch seine Persönlich keit erworben hatte. Salamon Sulzer war einer der größten Kantoren, die je gelebt haben. Sulzer. Von Oberkantor J. L. M ü 11 e r. Vor 3000 Jahren widmete eine fromme jüdische Mutter ihren sehnsüchtig erbetenen Sohn für die Zeit seines Lebens dem Gottesdienste. Es war dies Channa, welche den Knaben Samuel zu dem genannten Zweck in die Obhut des Hohenpriesters Eli übergab. Aus diesem Knaben wurde später der Prophet Samuel, der Reorganisator des jüdischen Opferkultus, dessen primitive Art er durch Verbindung der Opferung mit Musik und Gesang zu einer vollendeten Form und dadurch das Niveau des Kultus auf die höchste Stufe brachte. Samuel also war der erste Reformator des jüdischen Gottesdienstes. Vor ungefähr 120 Jahren widmete eine moderne „Channa" ihren Knaben, der wie durch ein Wunder dem Tode entgangen war, ebenfalls dem Dienste Gottes. Es war dies die Mutter des Professors Salamon Sulzer, der in der Folgezeit zum zweiten und

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