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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Rede. So sprach er bei Trauungen bloß zu dem vor ihm befindlichen Brautpaar und dessen Familienangehörigen, während er bei Grabreden mit seiner Stimme die weite Halle erfüllte. Was er sprach trug stets den Stempel innerer Wahrhaftigkeit. So hatte er einmal bei einem Kondolenzbesuche von der Witwe eines reichen, aber als geizig bekannten Holzhändlers den Tadel vernehmen müssen, „seine Rede sei gut, aber kühl gewesen." „Meine Temperatur", gab er zur Antwort, „entsprach derjenigen, die der Verstorbene mir einflößte, aber wenn Sie meinen, verehrte Frau, daß Ihr Gatte besser war als meine Rede, so wünsche ich, man soll auch von dem Nachruf, den man mir einst halten wird, dasselbe sagen." Welchen Eindruck Güdemann auf geistig hochstehende Personen mit seinen Reden zu machen imstande war, erweist folgende nicht uninteressante Episode. Als er im Palais Wertheimstein in Döbling an die Bahre von Fräulein Minna Gomperz, der Tante von Franziska von Wertheimstein herantrat, um zu sprechen, sagte die Hofschauspielerin Frau Gabillon zu ihrem Gatten, wie in etwas Unangenehmes sich fügend: „Ach eine Rede!" Als er aber geendet hatte, sagte sie zu Frau Regina Kuranda, es täte ihr leid, daß er nicht weiterspreche. Kunst kommt von Können; wenn dazu noch ein tiefes Wissen um dieses Können vorhanden ist, erreicht es die höchste Vollendung. Aus einigen Aphorismen Güdemanns möge dieses Wissen aufgezeigt werden: „Wahre Redekunst besitzt derjenige, bei dessen Rede man nicht bemerkt, daß sie eine Kunst ist". „Von einer Predigt, die nicht gehalten worden, sagt man, sie ist ausgefallen, das kann man auch von den meisten, die gehalten werden, sagen." „Manche Reden (und Bücher) gleichen manchen Bäumen, viel Laub, aber keine Früchte." „Die Gedankenblitze, welche manche in ihren öffentlichen Reden aufblitzen lassen, und wodurch sie der Menge als große Redner imponieren, gleichen in den Augen Verständiger den wirklichen Blitzen zur Nachtzeit, die nur die umgebende Finsternis beleuchten." Zahlreiph sind die Anlässe gewesen, welche ihn vor die ernste Aufgabe stellten, die Angriffe öffentlich zurückzuweisen, die von außen gegen das Judentum gerichtet wurden. Mit dem Rüstzeug der in seiner Apologetik niedergelegten Wissenschaft hat er sich dieser Aufgabe nach dem Hilsnerprozeß, dem Bailis-Prozeß und den Pogromen in Kurland entledigt. Von seinen Vorträgen scheint mir der über „Das Judentum und die bildenden Künste", den er im jüdischen Museum gehalten, als einer der ausgezeichnetsten, weil er sein hohes ästhetisches kmpnnden und seine klassische Bildung dokumentiert. Als Güdemann 1914 „unter dem Eindrucke eines großen unstillbaren Schmerzes, des Todes seiner älteren Tochter, sich vom Predigen zurückzog", sagte man ihm: „Sie werden einrosten". Er schreibt darüber: „Es ist nicht wahr, die Gedanken strömen mir zu, wenn ich sie auch nicht verausgabe. Ich will mich nicht mehr zur Aufnahme meiner Predigttätigkeit bestimmen lassen. Hennokrates sagt: „dixisse me aliquando pönituit, tacuisse nunauam". („Es hat mich manchmal gereut, daß ich gesprochen habe, niemals, daß ich geschwiegen habe.") Ich glaubte, in dieser Charakeristik Güdemanns als Redner diese einzigartige Persönlichkeit, die sich eben in seinen Reden spiegelt, am besten selbst zn Wort kommen lassen zu müssen. Oberkäntor Salamon Sulzer. Von Oberkantor Isidor L ö w i t, Präsident des österreichischen Kantorienvereines. Es ist eine selbstverständliche Pflicht der Dankbarkeit, anläßlich der seltenen Jubelfeier, welche die Wiener Judenschaft am hundertsten Gründiungstage des Stadttempels begeht, des großen Meisters des Synagogengesanges, der an diesem Tempel tätig war, zu gedenken, sein Wirken näher zu beleuchten und eingehender zu würdigen. Salamon S u 1 z e r wurde am 30. März 1804 zu Hohenems in Vorarlberg geboren und zeigte schon als kleiner Junge eine schöne Stimme und viel Begabung, so daß seine fromme Mutter zum Dank für die Errettung ihres geliebten,' damals sechsjährigen Kindes aus dem Ertrinkungstod« beschloß, dieses dem Dienste Gottes zu weihen. Im Alter von 13 Jahren kam der kleine Suteer nach Karlsruhe, um dort bei' Kantor Eichberg seine Ausbildung zu erhalten. Schon nach zweijährigem Studium war er so weit, daß er in (seiner H-eimatsgemeinde Hoheruems zum Kantor bestellt wunde. Seine nun-' mehr mit ihm gereifte Stimme, verbunden mit angeborener musikalischer Begabung, erregte große Bewunderung. So kam es, daß Sulzer über Vorschlag I. N. Mannheimers zu einem Probevortrag nach Wien berufen wurde, welchen er am 12. Februar 182fc mit großem Erfolge vollzog und diarauf im Alter von 21 Jahren zum Kantor des Stadttempels bestellt wurde. Nun stand Sulzer vor einer großen, schweren Aufgabe. Galt es doch in erstei Linde, die Neugestaltung des Gottesdienstes, wie sie von Mannheimer eingeführt wurde, in die entsprechende musikalische Form zu kleiden, einen Chor zu bilden und die religiösen Gesänge, zu schaffen. Trotz seiner außerordentlichen Begabung war sich Sulzer darüber klar, daß er allein dieser Autgabe nicht ganz gewachsen sein könne. Er suchte daher Rat bei seinen Lehrern und hervorragenden Künstlern seiner Zeit. Es waren dies Franz Schubert, Kapellmeister Drechslet, R. v. S e g f r i e d, V o 1 k e r t, Würfel und später Professor Josef F i s c h h o f, die ihn wegen seiner herrlichen Stimme und seines seltenen Talentes bewunderten; mit ihrer Unterstützung schuf er nunmehr den Wiener reformierten Gottesdienst, dessen Gesänge von ihm im epochemachenden ersten Teil des Werkes „S c h i r Z i o n" im Jahre 1835 veröffentlicht wurden. Sulzers ausschließlich persönliche und verdienstvolle Arbeit war es, die bisher in allen Synagogen gebräuchlichen alttraditionellen Gesangsweisen von den unschönen Verzierungen und überschwänglichen Koloraturen gereinigt und in eine künstlerisch ästhetische, synagogal würdigere Form gebracht zu haben. Dies ist Sulzer in so hervorragender Weise geglückt, daß er damit in der ganzen Welt Nach* ahmung fand. Somit entstand auch eigentlich daj>

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