Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 11/12 DIE WAHRHEIT Seite 11 Oberrabbiner Dr.Moritz Güdemano. Von Medizinalrat Dr. Heinrich Haase. Q ii d e m a n n war einer der drei ersten Absolventen des Breslauer Rabbiner-Seminars, welche unter Direktor Zacharias Frankl zu Rabbinern promoviert wurden. Dieser legte besonderes Gewicht darauf, daß unter seiner Leitung nicht nur Prediger, sondern vollwertige Rabbiner ausgebildet werden. Als der Kandidat Güdemann zu Ostern 1861 die Aufforderung erhielt, stellvertretend für den kürzlich in Posen verstorbenen Prediger die Passahpredigt zu halten, leistete er der Berufung Folge und erntete derartigen Beifall, daß ihm sofort die Predigerstelle angetragen wurde. Nur das autoritative Zureden Frankls veranlaßte ihn, abzulehnen, trotzdem die Stelle materielle Vorteile bot. Güdemann absolvierte das Rabbinat und genoß die Ehre, die Rede zm Promotionsfeier verfassen und halten zu dürfen. 1862 erfolgte seine Berufung in die damals wohl einheitliche, aber kleine Gemeinde Magdeburg. Dort hatte er reichlich Muße zu fleißigem Studium für die wissenschaftliche Fundierung nicht bloß seiner historischen und apologetischen Werke, sondern aiiüch für seine Predigten und Reden, die trotzdem niemals bloß belehrend, sondern stets unterhaltend und anregend waren. Am 13. Jänner 1866 hat Güdemann seine Probepredigt im Wiener Leopoldstädter Tempel gehalten. Als Thema wählte er die Berufung Mosis. Er berichtet in seinen Memoiren, daß er mit der Predigt Glück hatte. Der hochverdiente damalige Kultusvorsteher Wertheimer sagt von derselben beifällig, man habe darin deutlich das Astwerk gesehen, womit er den logischen Aufbau charakterisieren wollte. Am 25. Februar 1866 erfolgte die Wahl Güdemanns zum Prediger der Wiener Kultusgemeinde. Am 11. August hielt er seine Antrittsrede, wie er sagt, in einem sehr spärlich besetzten Gotteshause. Er „hatte im Anfang das Empfinden, daß seine norddeutsche, wenn auch dialektfreie Aussprache der Verständlichkeit seiner Kanzelvorträge Eintrag tat". Auch war es ja keine Kleinigkeit, neben dem pastoralen Redekünstler Jellinek sich zu behaupten. Es war ihm dies zuerst mit der Grabrede gelungen, die er dem zu Weihnachten 1871 verstorbenen Jonas Freiherr von Königswarter gehalten hat. Das von ihm entworfene Lebensbild entsprach der Wahrheit — nur der Wahrheit — das wirkte! Seine vollkommene Anerkennung wurde ihm bald darauf durch einen Toast, welchen er am 7. Adar desselben Jahres bei einem Brudermahl der Chewra Kadischa im Sofiensaale auf die damalige Regierung (das Biirgerministerium) ausbrachte. Hier zeigte sich deutlich, wie Güdemann befähigt war, mit richtigem Scharfsinn oft unscheinbare Tagesereignisse zu geistreichen Gleichnissen zu verwerten. „Es war damals die Nachricht durch die Zeitungen gegangen, daß Weizenkörner, die man in den ägyptischen Mumien gefunden und ausgesät hatte, sich trotz ihres mehrtausendjährigen Alters keimfähig erwiesen hatten. Er sagte nun, man habe die lange unterdrückten Juden auch für Mumien gehalten, aber der Anbruch der Freiheit zeige, daß ihre Gefühle und Empfindungen gleich jenen Weizenkörnern frisch und fruchtbar geblieben seien und unter der Senne der Freiheit zu neuem Leben aufgingen. Kaum hatte er mit diesem Gleichnis begonnen, so erhoben sich alle und stürmten jubelnd, Bravo rufend und in C'.ü Hände klatschend a;rf den Redner zu, und alle Zuhörer waren bis zum Ende des Toastes wie elektrisiert". Bescheiden meinte er, es hätte „nur eine lang zurückgehaltene Jubelstlmmung endlich Gelegenheit gefunden, sich Luft zu machen.'" Im März 1894 wurde Güdemann an Stelle Jelliniks in den Stadttempel berufen. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat Güdemann in Wien als religiöser Führer gewirkt. Sein Wort holte seine Wirkung aus der Tiefe seiner Persönlichkeit. Eine Charakteristik seiner Redeweise zu geben, ist für jemanden, der wie Schreiber dieses das Glück hatte, zeitlebens den Zauber seiner Nähe zu genießen und die meisten seiner Predigten und Reden zu hören, keine Schwierigkeit, aber eine ungefähr ebenso müßige Aufgabe, wie etwa die Schilderung von Sonnenthals künstlerischen Leistungen. Da man sich doch, wenn man ihn nicht gehört hat,nur ein höchst unzulänglichesBild zu machen vermag, will ich mich auf wenige Worte beschränken. Jede seiner Reden war schon im Aufbau ein Kunstwerk, fest in sich gefügt, ein logisches Ganzes, ohne Phrase, ohne gesuchtes Pathos, gedankenvoll und gedankentief. Ein Meisterwerk setzt sich eben aus vielen verschiedenen Komponenten zusammen. Geist und Witz, feine Ziselierung, vor allem rein deutsche Wort- und Satzbildung, nicht zum geringsten die Gabe, seine Stimme dem geistigen Inhalte und dem Bedürfnisse der Situation anzupassen, waren solche Elemente von Güdemanns