Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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faßten Schriften seien besonders hervorgehoben: „Beiträge zur Kabbala und ihrer Geschieht e'\ „Zur Philosophie und Mys t ik", „Nofet Zafim zur Rhetorik von Messer Leon", „Thomas von Aquino in der jüdischen Literatur", „E t h n o g r aphischeStudie n", „D e r j ü d i s c h e N a m e n im nichtjüdischen Schrift tu m". Seine Predigtsammlung ist eine Fundgrube rhetorischer und apologetischer Belehrung für Geistliche aller Richtungen. Der fruchtbare Schriftsteller publizierte mit Dr. L. Philippsohn, A. Geiger, L. Fürst und seinem Leipziger Nachfolger A. Goldschmidt mehrere Werke des „Instituts zur Förderung der jüdischen Wissenschaf t", schrieb glänzende Essays in fast allen in- und ausländischen jüdischen Literaturblättern und Zeitschriften. Selbst die grimmigsten Gegner aller freiheitlichen Bestrebungen anerkannten seine Gelehrsamkeit. Aber trotz seiner hervorragenden Gelehrsamkeit und seiner großen Frömmigkeit überhäuften ihn die Ueberfrommen mit Vorwürfen, weil er es gleich seinem Vorgänger Mannheimer versuchte, das ewig Wahre des Gotteswortes und der jüdischen Religion in einer der Zeit angepaßten Art und Weise zum Ausdrucke zu bringen, und stießen sich an Aeußerlichkeiten, wie zum Beispiel daran, daß er es vorzog, bartlos zu sein. Die Schelsucht und der Neid der Nächsten und Fernsten, unter dem er viel zu leiden hatte, besonders aber seine Schwerhörigkeit, welches Uebel er sehr schwer ertrug, machten ihn in den letzten Jahren seines Lebens etwas verbittert. Der höchste Grad von Verstimmung und Verbitterung konnte von seinen Zügen abgelesen werden, wenn sich irgend ein Jude rechtlich und ethisch dermaßen vergangen, daß es zu einer „Entweihung des göttlichen Namens" kommen konnte. Ebenso wenn er ungerechte Verdammung und Verlästerung seines Glaubens und seiner Glaubensgenossen gewahrte. Da lernte man seinen heiligen Zorn kennen, da flammte sein Auge in Entrüstung, da war er, der Lehrer des Friedens, ein unerschrockener Kämpfer für des Judentums reinen Ehrenschild, der seine Waffen aus der Rüstkammer der Wissenschaft hervorholte, sie kühn und mutig schwang. Es geschah einmal in der Residenz Oesterreichs, daß ein hoher Würdenträger der katholischen Kirche im Stephansdom eine judenfeindliche Sonntagsrede hielt, es war der Kardinal Rauscher, die Blätter berichteten davon. Am folgenden Sabbath Schemini bestieg Jellinek die Kanzel und in scheinbarer Ruhe sprach er oder besser las er aus der Bibel, die er gewohnheitsmäßig aufschlug und nach der Textlesung wieder schloß: „Wir lesen heute aus der heiligen Schrift: „Wenn der Priester in das Heiligtum eingeht, um den Gottesdienst zu verrichten, darf er weder Wein noch andere betäubende Getränke genießen." Was, so predigt der Meister, besagt dieses Gebot, was will die Thora hier uns heute lehren? — „Ein Priester darf kein" Rauscher und ein Rauscher kein Priester sein!" Trotz dieser Entschlossenheit und steten Kampfbereitschaft gegenüber allen äußeren und inneren Feinden des Judentums war Adolf Jellinek in seinem innersten Wesen keine Kampfnatur, sondern ein Priester des Friedens. In einer Rede über Rabbi Jochanan ben Sakkai, den er besonders verehrt zu haben scheint, sagte er: „Das Judentum ist eine Religion des Friedens unter den Menschen, der Freiheit des einzelnen, der Gleichheit aller vor Gott, der Wahrheit für Hohe und Niedrige, der reinsten Gottes- und der tätigsten Menschenliebe, ist eine Religion, welche weder innerliche Beschaulichkeit, noch äußerliche Werktätigkeit begünstigt, um mit unseren Propheten Ezechiel zu reden, eine Religion des Geistes, welche Frieden stiftet, Freiheit atmet, Gleichheit begründet, Wahrheit verbreitet, Liebe erzwingt, und dieses Judentum R. Jochanans benSakkai beherrscht immer größere Kreise, dringt immer tiefer in das Bewußtsein der Menschen ein, tritt immer siegreicher in der Geschichte einher!" So lehrte, sprach und wirkte Adolf Jellinek als ein treuer Jünger des ersten Hohenpriesters Aron, als ein Hohepriester des neuzeitlichen Judentums im Sinne des Friedens, der Menschenliebe und Gerechtigkeit, bis ihm der unerbittliche Todesengel seinen blühenden und reiche Früchte tragenden Aronsstab entriß. Nach schwerem und langem körperlichen Leiden, nach dem Verluste seiner treuen Gattin, erfolgte am 28. Dezember 1895 sein Heimgang in die Ewigkeit. Die Trauer ob des Verlustes dieses wahrhaft edlen Menschen und hervorragenden Diener Gottes war eine allgemeine und nicht nur in Wien, sondern überall, wo Juden wohnten, beklagte man seinen Heimgang. Wie tief das jüdische Gefühl in der frommen Seele dieses unvergeßlichen Mannes verankert war, eine wie heiße Liebe zu seinem jüdischen Volke er in seinem Herzen trug, ersehen wir aus folgenden wahrhaft erschütternden Worten, die er einst in einer Rede gebrauchte: „Wißt Ihr, was eine jüdische Selicho, ein jüdisches Bußgebet ist? Das ist der Jammerruf eines Menschen, der außer reuigen Stammesgenossen keinen Freund, keinen Fürsprecher, keinen Hort auf der ganzen großen weiten Erde hat, der gehetzt wird wie ein wildes Tier von Land zu Land, von Dorf zu Dorf, dem die Jugend höhnend und fingerzeigend nachrennt und nachruft, den das Alter kalt und herzlos von sich stößt, den man beschuldigt, daß er Kinder tötet, Brunnen vergiftet, um seines Nächsten Leben zu nehmen, dem man den Vater erschlagen, die Schwester geschändet, den Bruder lebendig begraben hat. Dieser Mensch, dieser Jude hat nur einen Freund noch: Gott im Himmel; ihm klagt er sein tiefes Weh, ihm öffnet er sein wundes Herz, zu ihm schreit er, auch um Schutz für seine nackten Kinder, ihn beschwört er bei dem Bunde Abrahams, bei dem Opfer Isaaks, bei dem Verdienste Jakobs, beim Verdienst der Frommen, beim Märtyrertod aller Heiligen zu retten, zu helfen, die Qualen zu schließen, den Martern Halt zu gebieten, die göttliche Gerechtigkeit gegen Dränger und Peiniger walten zu lassen. Das ist ein Selicho, das der Racheschwur, den die hassende Liebe den Juden vorwarf, das die Gebete, von denen die Mauern ihrer Gotteshäuser im Mittelalter widerhallten."