Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3063984--14406-3081963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. U/12 DIE WAHRHEIT Seite 9 Oberrabbiner Dr. Adolf Jellinek. Dieser Mann, dessen Name mit der Geschichte des Tempels und der Wiener Judenschaft ewig verbunden ist, war gleich groß als Lehrer, Forscher und Seelenhirte. Adolf Jellinek wurde am 26. Mai 1821 in Dulawitz bei Ung.-Brod in Mähren geboren, früh verlor er seine frommen Eltern, die Mutter entstammte der Familie des Rabbi Sabbatai Cohen, Verfassers des „Schach", Rabbiner in Holleschau, und des R. Hirsch Borda. Dieser gelehrte Halachist und Autor des Werkes „Teoome Zwija" zu „Oben Haeser" war Jellineks Großvater. Durch seine edle Großmutter Rebekka Buk wurde der fünfjährige Knabe zum ersten Unterricht in die Volksschule und in Bibel und Talmud geleitet und erwarb sich bis zum 11. Lebensjahr Kenntnisse, die ihn befähigten, die Talmudvorlesung des Ungarisch-Broder Rabbiners D. Buchheim und später der Akademie (Jeschiba) von R. Moses Wannefried zu Proßnitz zu besuchen. Seine Lehrer bewunderten den Scharfsinn, den Fleiß und Eifer dieses ihres Jüngers, der mit Leichtigkeit jeden „Chiluk" erfaßte und zu den vorzüglichsten Schülern zählte. Zur Barmizwah-Feier schon war er imstande, die kundigen Schiffer durch das unermeßliche Meer des Talmud zu begleiten, und bald darauf ging er nach Prag, um in dieser Gelehrtenstadt seine Studien fortzusetzen und sich auch in den profanen Wissenschaften und in den Lehrfächern des Gymnasiums zu vervollkommnen. 1842 bezog er die Universität zu Leipzig, woselbst er unter Fleischer, Wachsmut, Weisse und Brockhaus Orientalia, Phylosophie und klassische Philologie fleißig studierte und die Rhetorik Jesajas, Quintilians, Ciceros und der berühmtesten deutschen Kunstredner, wie Drüseke und Salomon, mit besonderer Vertiefung theoretisch und praktisch pflegte. Er fungierte 1845 als Prediger in Leipzig, wo die Messebesucher aus allen Gauen sein geniales Redetalent anstaunten imd seinen Ruhm nach allen Richtungen der Windrose hin trugen. Seine Reden waren ausgezeichnet durch tiefgründige Kenntnis des Gotteswortes, mächtige Gestaltungskraft und glutvolle Begeisterung. Auf seine Redekunst paßt daher das Wort Quintilians: „Pectus est enim, quod disertus facit", „Das Herz ist es, das den Redner macht". Tief und klar redete Jellinek, reich und voll von Wissen und doch allgemein verständlich. Seine Worte waren gewandt und dem damaligen Zeitgeist entgegenkommend, wenn auch die Ewigkeitswerte der jüdischen Religion immer und immer wieder betonend; frei von Phrasen und Floskeln und ohne jegliches Salbungspathos vermochten sie die Seele der Zuhörer in ihren tiefsten Tiefen aufzuwühlen und das religiöse und sittliche Wollen der Andächtigen mächtig zu beeinflussen. Im Jahre 1856 berief ihn die Wiener israelitische Kultusgemeinde, in der damals Isaak Noa Mannheimer wirkte, zu ihrem Seelsorger. Am Sabbath Noah desselben Jahres hielt er über das Thema „Jeder Mann hat seine Zeit und jede Zeit hat ihren Mann" seine Probepredigt, die als ein Kunstwerk geistvoller Beredsamkeit galt und ihm die Herzen aller Größen Wiens, eines L. Kuranda, eines Ludwig August Frankl, eines Wertheimer, Guttmann, A. Sonnenthal, des Hauptes der Familie Rothschild, Sulzer usw. gewann. Dem Rute nach Wien folgte er zum Laubhüttenfeste 1857. Seine Rede im Leopoldstädter großen Tempel erregte bei Juden und Christen sensationelle Bewunderung, so daß hervorragende Staatsmänner, wie Staatsminister Auersperg, der Dichter Anastasius Grün verzückt vom „Pater Jellinek" redeten, der „den finsteren mittelalterlichen Geist der Unduldsamkeit niederringt und eine kulturfreundliche Zeit zum Stolze der österreichischungarischen Monarchie sieghaft vorbereitet." Als nach dem Tode Mannheimers Jellinek nach der Seitenstettengasse, in den inneren Stadttempel versetzt wurde, nannte die Wiener Presse seine Wohnung den „Vatikan in der Seitenstettengasse". Er galt als Oberhaupt der Gesamtgemeinde bei allen religiösen Richtungen und in allen städtischen Administrationen. Die S e e 1 s o r g e r a r b e i t, der er sich mit allen Fasern seines grundgütigen Herzens widmete, vermochte nicht seinen rastlosen Gelehrtentrieb einzuschränken, Tag und Nacht zu forschen und seine Forschungen der Mit- und Nachwelt durch Schriftwerke großen Stils zu übergeben. Wie Ben Sakkai in Jamnia die Erhaltung des Judentums durch die Schule in Angriff genommen, so schuf er infolge seiner Anregungen eine Hochschule, das große B e t h ha Mi drasch in der Tempelgasse, woselbst er und ein ausgewählter Kreis von Meistern der theologischen Disziplinen wirkten. Auch als Schriftsteller betätigte sich Jellinek mit besonderem Erfolge. Unter den 120 von ihm ver-