Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063984--14405-3081962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8_________________________________^___________________DlfL W Entwicklung der Wiener Judengemeinde sehr gefährdet. Es bleibt das unvergängliche Verdienst der Jamaligen Vertreter der „Tolerierten", insbesondere Michael Lazar Biedermanns, in jener kritischen Zeit die Berufung jenes Mannes nach Wien betrieben und trotz geradezu unüberwindlicher Widerstande von Seiten der Regierung schließlich doch durchgesetzt zu haben, der wie kein anderer dazu geeignet schien, das Alte mit dem Neuen zu verbinden und' den Frieden in der- Gemeinde zu wahren. Dieser Mann war Isaak Noa Mannlieime r. Treffend charakterisiert der große jüdische Historiker G r ä t z im elften Bande seiner „Geschichte der Juden" Mannheimers Wesen und Wirken in folgenden Worten: „Isaak Noa Mannheimer könnte man die verkörperte Veredlung der Juden nennen. Er war ein ganzer Mann. In ihm war der Gehalt des Urjüdischen mit der ansprechenden Form europäischer Kultur harmonisch geeint, wie er dlenn überhaupt eine harmonische Natur war. Inneres und Aeußeres, Gemüt und Witz, Begeisterung und Klugheit, ideales Leben und praktische Sicherheit, poeti- 1RHEIT______________________._______Nr. U 12 sehe Anlage und nüchterner Sinn, kindliche Milde und treffender Spott, sprudeln de Beredsamkeit und ernstliche Tätigkeit, Liebe für das Judentum und Vorliebe für Neugestaltung wären in seinem Wesen im schönsten Einklänge. Diese scharfkantigen Eigenschaften, verbunden mit Seelenadel und einer Uneigennützigkeit, die an Selbstlosigkeit streifte,, mit Hingebung an die gewonnene Ueberzeugung, mit Gewissenhaftigkeit innerhalb und außerhalb seiner Amtspflicht, mit Zartgefühl'und! feinem Takt. Widerwillen gegen das Gemeine und Nachsicht gegen die Gemeinen, diese Eigenschaften nahmen auf den ersten Blick für ihn ein, fesselten die Edlen, flößten selbst den Unedlen eine Ehrerbietung für ihn ein und erleichterten dadurch seine Wirksamkeit." Das erste Wort Mannheimers in seinem neuen Wirkungskreise galt der Eintracht unter den Glaubensbrüdern, wie er auch bis zu seinem letzten Atemzuge bemüht war, dem Frieden und der Versöhnung zu dienen. Er war ein Feind jeglicher auf Spaltung der Judenschaft abzielenden Tendenzen, jeder Sektiererei und Eigenbrötelei und insbesondere bestrebt, die altfrommeni, am der Ueberlieferung treu festhaltenden Gemeindemitglieder nicht durch allzu kühne Neuerungen abzustoßen, sondern sie vielmehr allmählich' für die von ihm für. notwendig erkannten Reformen zu gewinnen. Als im April des Jahres 1826 der neue Tempel in der Seitemstettengasse eingeweiht wurde, setzte Mannheimer eine gemäßigte Synagogenordnung durch, die in ihrem Wesen noch heute in den Wiener Germeindetemipeln in Verwendung steht. Er machte das Haus-Gottes zu einer würdigen Stätte der Andacht und religiösen' Erbauung und belebte dasselbe durch sein ausdrucksvolles, die Herzen der Zuhörer in ihrem Innersten ergreifendes Wort. Entgegen den Tendenzen der allzu radikalen Reformisten behielt Mannheimer die Sprache der Thora und Propheten bei und gab auch zum Leid- Wesen seiner ehemaligen Reformgenossen Orgel und deutsches Lied als unjüdiseh preis. Nicht unerwähnt möge bleiben, daß Mannheimer in seinen auf die Schaffung eines würdigen Gottesdienstes hinzielenden Bestrebungen vom unvergeßlichen Oberkantor Salamon Sulz er aufs wirksamste unterstützt wurde. Unerschrocken kämpfte Mannheimer für das Recht des Judentums und sein Auftreten in den stürmischen Revoiliitibnstagen vom März 1848 verdient besonders hervorgehoben zu werden. Neber. den katholischen und protestantischen Seelsorgern hielt damals Mannheimer am G-r äbe der Mär zgefallenen, unter denen sich auch Juden befandien, eine erschütternde Trauerrede. Die Verdienste Mannheimers um die Neugestaltung des Gottesdienstes, um die Auifrechterhaltung der Einheit der Gemeinde, seine Wirksamkeit als Lehrer, Prediger und Seelsorger in der Wiener Ge-" meinde, sein Wohltätigkeitssiinn, sowie sein mannhaftes Eintreten für Recht und Gerechtigkeit sichern diesem edlen Manne, in dessen Person sich die schönsten jüdischen Tugenden verkörperten, ein dauerndes und ehrendes Andenken nicht nur an der Stätte, an der er gewirkt hat, sondern weit darüber hinaus in der gesamten Judenschäft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.