Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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üebethe, daß der himmlische Segen, der allein Gedeihen geben kann, allem menschlichen Streben und! Wirken sich ergieße über die in diesem Hause fundierten Anstalten, damit deren fromme und wohltätige Zwecke in höchst möglicher Vollkommenheit erreicht werden, und damit sie noch der spätesten Nachwelt ein Denkmal der Vaterhuld Sr. Majestät unseres attergnädEgsten Kaisers und Herrn bleiben mögen!" f * Ueber die iimere Einrichtung des 1826 erbauten Gotteshauses sowie über den Verlauf der Einweihuugsfeier berichtet Josef Wertheimer in der Aprilnummer der „Wlener Modezeitung" vom Jahre 1826 folgendermaßen: „Am zweiten Sonntag des April 1826, am Tage, an dem Kaiser Franz nach einer lebensgefährlichem! Krankheit die erste Ausfahrt machte, fand abends, wo die Stadt glänzend beleuchtet wurde, um sieben Uhr eine religiöse Feierlichkeit, die Einweihung des neuerbauten israelitischen Tempels statt. Man tritt in eine 'Rotunde, die durch eine kühn geschwungene Kuppel reichliches Tageslicht empfängt. Zu den beiden Seiten des hohen Portals, in einiger Entfernung von der Hauptmauer, laufen zwölf Säulen von jonischer Ordnung und den reinsten Verhältnissen in gemessenen Zwischenräumen, die eine Doppelgalerie bilden, gegen die Schranken hin, welche die erhöhte Bühne im innersten Halbkreis von dem übrigen Räume des Tempels abscheidet. Sie steigt auf einigen Stufen, von den Schranken, vor denen das mit grünem Samt bedeckte Sängerpult steht, zu dem mit rotem Samt ausgeschlagenen Rednerpulte, und von diesem zu der Bundeslade empor: diese insbesondere, ja diese allein fordert und fesselt, mit großartiger Einheit des Eindruckes, den Blick des Beschauers. Es war verhängt mit einem Samtstück von Karmesinfarbe, worauf ein Spruch in hebräischer GoldschrSft prangt. Hoch über diesem ragen in Stein gehauen und von einer Glorie umgeben, die Tafeln des Gesetzes, gleichfalls mit prächtiger Goldschrift, und auf dem Gesimse unterhalb rief eine Zeile dem frommen Gläubigen zu: „Bedenke, vor wem du stehest". Vor dem Aufgange zum Allerheiligsten sieht man rechts und links einen Prunkleuchter, weit über die Mauerhöhe, und darauf brennen zwölf Kerzen, nach der Anzahl der Stämme Israels, wenn man bei dieser Zahl nicht überdies an die zwölf Monate denken darf, in die, nach Herodot, schon die Aegypter. unter denen die Israeliten so 'lange lebten, das Jahr eingeteilt hatten. Die übrige Beleuchtung ginig von einer Reihe Kerzen in den beiden halbrunden Seitenlogen und von einer Menge anderer auf den riesigen Kronleuchtern von stark vergoldeter Holzarbeit aus, die von der Wölbung im Vorderteil herabhängen. Soviel von Bauart und Ausschmückung dieses Tempels, der an Größe und Pracht übertreffen werden kann, aber was Geschmack betrifft, .mit jedem sich messen mag. Zu dem Feste dieses Abends hatte sich eine gewählte Versammlung eingefunden. Alle Männer erschienen, wie gewöhnlich, mit bedecktem Haupte und einer anderen Sitte des Morgenlandes gemäß, bildeten die Frauen der Israeliten eine abgesonderte Versammlung auf den beiden leicht und zierlich vergitterten Seitengalerien zur Rechten, während die Mitte der oberen zum Chor gewendet war. Denn nach dem Beispiele anderer Gemeinden bat man sich auch hier entschlossen, der Tonkunst, dieser allgemeinen Sprache des Herzens, mehr Anteil als bisher zur Verschönerung des Gottesdienstes einzuräumen. Als nun auch die zwölf Vorsteher ihre Sitze unmittelbar an den inneren Schranken der erhöhten Bühne eingenommen, erschien, von dem Vorsänger begleitet, der Prediger. Er stieg die Stufen hinan, um vor dem Vorhange des Allerheiligsten, tief geneigt, mit lauter Stimmein hebräischer Sprache zu beten. Als er geendigt, stimmte der Vorsänger mit reinem kräftigen Baß den Psalm 84 au, in welchen der Chor abwechselnd mit Gesang und Instrumentalmusik einfiel. Sie war feierlich und rührend, wie der Psalm selbst. Die Harfen- Akkorde, die dazwischen ertönten, Klänge, gleichsam aus dem fernen Lande Israels und aus den Tagen seines Königs David herübergekommen, waren von unbeschreiblicher Wirkung. Zu dem Inhalte der Hymne stimmte die Rede, die von dem Prediger gehalten wurde. Sie behandelte die Frage: Was heiligt das Gotteshaus? würdig, lichtvoll und übrigens weniger in schulgerechter Form, als im Tone der Begeisterung, zu der schon die aus der Bibel genommene Stelle des Einganges erhob: „Der Himmel ist mein Thron, die Erde meiner Füße Schemel; was für ein Haus wäre das, das ihr mir bauen könntet, wo wäre der Ort meiner Ruhe?" Der deutsche Ausdruck des Redners war rein, ungekünstelt, kräftig, die Aussprache richtig, die Stimme stark biegsam, die Betonung gefühlt und im ganzen angemessen. Hiermit waren die Gemüter auf die Haupthandlung vorbereitet, die darin bestand, daß die zwölf Vorsteher den Tempel verließen, um, von Fackeltiägern begleitet, jeder ein Gesetzbuch auf dem linken Arm, dahin zurückzukommen. Diese Gesetzbücher, auf Pergamentrollen geschrieben, in kostbare Stoffe gehüllt und altertümlich um silberne Walzenstäbe, gerollt, wurden mit den unteren hervorragenden Enden derselben gehalten; die oberen waren mit allerhand' Aufsätzen in morgenländischem Geschmack verziert. Während des Zuges ertönte der Psalm 24. gleichsam eine erhabene Bewillkommnung der Gottheit. Es heißt darin: „Erhebet ihr Tore euer Haupt! Oeffnet euch Pforten, der Welt, daß einziehe der König der Ehre!" Die Vorsteher waren aber kaum angekommen auf den obersten Stufen der erhöhten Bühne, vor dem Allerheiligsten. als der Vorhang mittels einer Vorrichtung sich wegschob, die Türflügel autsprangen, und das Innerste sichtbar ward — eine schmale Nische, deren Hauptwand auf himmelblauem Grunde, silberne Sternchen zeigte und in deren Lade die Gesetzbücher. Denkmäler uralter Weisheit, wunderbarer Schicksale des Volkes und die aus dem Untergange geretteten Trümmer seines Staates, feierlich hinterlegt wurden. Eines derselben nahm jetzt der Prediger auf den linken Arm und, indem er vor das Rednerpult trat, erhob er seine Rechte, um abermals in deutscher Sprache und in Form eines Gebetes den Segen auszusprechen. Dieser Segen, ein Redestück voll Kraft und Würde, war gerade an diesem Tage, den die allgemeine Freude über die Wiedergenesung Sr. Majestät verklärte, von erschütternder Wirkung. Er begriff den erhabenen Landesvater und Herrn, den Kaiser Franz I.. das erhabene Vorbild weiblicher Tugenden, die Kaiserin Carolina Augusta. die Hoffnung unserer Nachkommen, unseren gnädigsten Kronprinzen, Erzherzog Ferdinand, die sämtlichen durchlauchtigsten Sprößlinge des alte-höchsten Kaiserstammes, und nebst den Ministem und Behörden, das geliebte Vaterland, seine Bewohner und alle, wes Volkes sie seien, die den Namen des Herrn verehren. Eine Hymne, in die gleichfalls der Chor einfiel, beschloß die herzerhebende Feierlichkeit. Es war halb neun Uhr abends, als die Versammlung auseinanderging." Isaak Noa Mannbeimer. Heute, wo es gilt, das hundertjährige Jubiläuni des Tempels in der Seitenstettengasse zu feiern, wollen wir auch jener Männer in Dankbarkeit gedenken, die an dieser Stätte ihres heiligen Amtes gewaltet. Der erste große Prediger, der am Tempel in der Seitenstettengasse wirkte, war Isaak Noa Mannheimer. Im Jahre 1793 in Kopenhagen geboren, wirkte er, der ei« Schüler, aber kein unbedingter Anhänger des radikalen Reformisten Israel Jacobsohn war, zunächst in seiner Heimatgemeinde als „königlich dänischer Katechet für den jüdischen Religionsunterricht" und sodann in Berlin, wo er jedoch seinen Posten ails Prediger nach kurzer Wirksamkeit aufgab, da es ihm nicht gelang, die von ihm angestrebte Versöhnung zwischen der modernen und konservativen Strömung im damaligen Judentum, die von Berlin aus ihren Ausgang nahm, herbeizuführen. Später wirkte er dann in Leipzig, der großen Messestadt, woselbst er seinen Ruhm begründete. Auch innerhalb der Wiener Judenheit machten sich diese divergierenden Tendenzen bemerkbar, wenn auch nicht mit jener Erbitterung auf beiden Seiten gekämpft wurde, als dies in Deutschland der Fall war. Es schien, als ob unter den Wiener „tolerierten" Juden die Ideen, die auf eine radikale Reform des Gottesdienstes abzielten, die Oberhand gewinnen sollten. Die volle Verwirklichung dieser Ideen hätte die Zerreißung des im schweren Kampfe um" seine politischen Rechte stehenden Wiener Judentums zur Folge gehabt und die beginnende