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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11/12 maligen Professor der Akademie Josef Kornhätis e 1 die Anfertigung der Pläne zu übertragen; am 12. Dezember 1823, sohin um 7 Wochen später, wurde schon die Genehmigung der Pläne und die Erteilung der Baubewilligung durch eine Regierungskommission erwirkt. Am 20. Jänner 1824, also weitere fünf Wochen später, wurde bereits mit dem Baumeister Jakob Heinz der Vertrag abgeschlossen. Am 24. Jänner 1824, vier Tage hiernach, schloß man den Arbeitsvertrag mit dem Zimmermeister Matthias Jacks. Mit dem Bau wurde sofort begonnen, im Herbst 1825 war derselbe beendet. Am 4. Oktober 1825 wurde die behördliche Benützungsbewilligung für das Gebäude erlangt, am 12. Dezember 1825 die Schlußsteinlegung vorgenommen, bei welcher eine in würdevollen, ernsten Ausdrücken gehaltene Urkunde im Grundstein eingesenkt wurde. Im Winter 1825 wurde noch der Innenausbau für die Synagoge beendet und am 9. April 1826 die feierliche Einweihung desselben vorgenommen. Die Chronik der damaligen Zeit berichtet hierüber als über ein Lokalereignis bedeutendster Art sowie darüber, daß dieses Gotteshaus die Bewunderung aller Besucher erregte, nicht minder wie der schön geregelte Gottesdienst, für welchen unterdessen Normen ausgearbeitet worden waren, in Iota endsten Ausdrücken. Wer sich die eingangs geschilderten Betstuben, in denen die Gottesdienste abgehalten wurden, vor Augen hält und vor seinem geistigen Auge den herrlichen Synagogenbau in der Seitenstettengasse erscheinen läßt, der kann sich ein Bild von der Begeisterung machen, in der die Judenschaft seinerzeit sich befand, als sie das prachtvolle Werk, auf das sie gehofft und geharrt hatte, vor sich sah. Das Bewußtsein, sich seiner religiösen gottesdienstlichen Handlungen und des Ortes, in dem dieselben stattfanden, nicht schämen zu müssen, sondern auf selbe stolz sein zu können, wirkte auf die gesamte Judenschaft, ihren Stolz und ihr Selbstbewußtsein neu belebend ein. Das Judentum wurde Ehrensache. Die Chronik schreibt ausdrücklich, daß die edelsten Männer des Judentums mit Freude und Feiereifer sich in den Dienst der Judenheit stellten und es sich nicht nur zur Ehre anrechneten, Vertreter und Repräsentanten zu sein, sondern auch Bethausvorsteher wurden, Funktionen übernahmen, um über Ruhe und - Ordnung in der Synagoge zu wachen und sich ihren Aufgaben mit hingebungsvollem Eifer hingaben. Eine allgemeine Befriedigung, ein Gefühl der Befreiung und Gehobenheit erfüllte die ganze Judenschaft nach Beendigung des Werkes, keiner, der sich beim Gottesdienste einfand und daran teilnahm, konnte sich des außerordentlichen Eindruckes desselben erwehren in Erinnerung an die bis dahin in Geltung gestandenen Gepflogenheiten, die mit dem Erreichten so scharf kontrastierten und angesichts, des Umstandes, daß der Gottesdienst nun ein Gebäude zum Rahmen hatte, das auch architektonisch eine glänzende Leistung, ein Juwel der Kunst nicht nur für die Judenschaft, sondern für ganz Wien darstellte, ein Gebäude, das in seiner Schönheit unendlich befriedigend und erhebend auf den Beschauer wirkt, in der Harmonie seiner Formen auch die Harmonie in der Seele des andächtigen Besuchers hervorruft und in seiner Ausgeglichenheit und Ruhe der Proportionen, die seine Architektur so beseelt, auch zur Seelenruhe seiner Besucher beiträgt. So wurde die Synagoge der Kristallisationspunkt für den weiteren Ausbau der jüdischen Gemeinde, so wurde sie die Stätte, an der die hervorragendsten Juden und jüdischen Familien — wer zählt die Köpfe, nennt die Namen? — im Laufe der nachmaligen Zeiten bis zum heutigen Tage in Leid und Glück, in Freude und Schmerz vor ihrem Gott traten und so wird sie diese segensreiche hohe Mission für und für erfüllen im Glänze ihrer Schönheit, die sie in solchem Maße besitzt, daß sich dem Eintretenden in aufrichtiger Bewunderung freiwillig oder unfreiwillig die Worte auf die Lippen drängen: „Ma tauwoh auholecho Jaakow", „Wie schön sind deine Zelte, Jakob.4' :{: Anläßlich der am 12. Dezember 1825 im Beisein der Leiter sämtlicher Behörden, der Repräsentanten und- Vertreter der Wiener Judenschaft, der Bauführer und zahlreicher Festgäste stattgefun denen feierlichen Grundsteinlegung hielt Rabbiner Isaak Noa Mannheimer folgende Festrede: „Hochgeborene und hochverehrte Anwesende! Es ist mir der ehrenvolle Auftrag geworden, die mannigfachen Gefühle der Dankbarkeit und Verehrung, die1 jeden Israeliten beseelten, der für sich und seine Nachkommein der Wohltaten dieser Anstalt teilhaftig werden soll, deren Begründimigsgeschichte wir heute der Nachwelt übergeben, im Namen der Vertreter und Repräsentanten der hiesigen, Glaubensgenossen auszusprechen. So schüchtern ich auch einen solchen Auftrag übernehme, wenn ich die Würde, das Ansehen, die vollendete Bildung, den hohen Stand1 der erhabenen Anwesenden berücksichtige, so kann doch anderseits die retohe Fülle von erhebenden Gedanken und Empfindungen, die aus dem Gegenstände selbst hervorgehen und den Rednerschmuck entbehrlich machen, jede Besorgnis einer ungenügenden Darstellung beseitigen. Und so wage ich es, als Wortführer meiner Glaubensgenossen aufzutreten. Jedes Werk der menschlichen Tätigkeit muß im Namen Gottes und unter dem Schutze Gottes begonnen und vollzogen werden. Wenn der menschliche Fleiß den Stoff gesammelt hat zu einem reichen Bau, wenn menschliche Einsicht und Geschicklichkeit den reichen Vorrat ordnet und verarbeitet mit kunstreicher Hand, da muß Gottes Name genannt werden beim Beginn und beim Ende, auf das erfüllt werde Gottes Verheißung: „Und wo ihr nennt meinen Namen, da bin ich bei euch und gebe euch meinen göttlichen Segen.*" Das gilt von jedem Werke der menschlichen Tätigkeit, vielmehr nun von einem Werke, dessen Zweck und Bestimmung es eben ist, das Höhere und Geistige im Menschen lebendig zu erhalten, anzuregen und auszubilden. Wir bauen hier ein Gotteshaus! Eine Stätte ist hier vorbereitet, wohin der Mench trägt seine Sorgen und alles, was ihn im Leben darmederbeugt', um vor Gott seinem Schöpfer und Erlöser sein volles Herz zu ergießen in kindlichem Vertrauen und in freudiger Zuversicht. Schule und Gotteshaus, beide geheiligt durch Gottes Gebot und Verheißung, sind sie die Grundlage aller menschlichen Veredlung, aller menschlichen Glückseligkeit: verschieden sind sie, wie die Go11eserkenntnis verschieden ist von der Gottesverehrung, aber einig sind sie in ihrer Bestimmung und in ihrer Wirksamkeit, weil sie beide umfassen alles, was den Menschen mahnet an seine höhere Abkunft, an seine geistige Kraft, an seine überirdische Bestimmung. Ein solches Werk bedarf nun gewiß vorzüglich des göttlichen Segens, da muß denn auch Gottes Name genannt werden beim Anbeginn. Wie es hervorgegangen ist aus einer gottesfürchtigen Absicht, so muß diese Absicht feierlich anerkannt werden und beherzigt, auf daß alles Fremdartige und Störende beseitigt werde, das während der mannigfachen Zurüstungen und Vorbereitungen den geistigen Gedanken trübt und zerstreut, und jenes Wort aus der Schrift, das die Seele ist des ganzen Unternehmens, das muß ausgesprochen werden feierlich und bestimmt: „So Gott nicht bauet das Haus, vergeblich ist der Künstler Fleiß und Müh!" Bevor wir aber mit diesem feierlichen Bekenntnisse vor Gott treten, haben wir zuvor einer Pflicht Genüge zu leisten, die gewiß unsere innigsten Geiühle und Empfindungen ebenso ungeteilt, ebenso lebendig in Anspruch nimmt. Es ist

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