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Die Wahrheit · 1926-03-15 · Heft 11-12 (15.3.1926) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 11-12 (15.3.1926)
Date
1926-03-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 11/12 Der Stadttempel in seiner historischen Bedeutntig. Vortrag, gehalten im Verein für jüdische Geschichte am 6. März 1926. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Ein moderner spanischer Dichter schildert in einer Novelle, „Tortur der Hoffnung", wie einst ein Marrane, der schon lange Zeit im Kerker schmachtete, eine Nacht, bevor er den Scheiterhaufen besteigen sollte, den Besuch des Inquisitors erhielt. Dieser redete ihm zu, reuig in den Schoß der Kirche zurückzukehren; doch als jener dies ablehnte, verließ ihn der Inquisitor stumm. Da bemerkte der Häftling zu seinem großen Erstaunen, daß die Tür seines Kerkers vom Besucher nicht verschlossen worden war. War es Absicht oder Versehen? Jedenfalls wollte er diese Gelegenheit benützen, um Freiheit und Leben zu gewinnen. Von den mannigfachsten Gefühlen und Empfindungen gepeinigt und gequält, schlich er in den Korridor hinaus, wo er auch dessen Tür offen fand. Er gelangte nun durch ein Labyrinth von Gängen, deren Pforten nur angelehnt waren, schließlich bis ans Haustor. Auch dieses war nicht verschlossen. Hastig riß er es auf, um die lang vermißte Freiheit zu erlangen. Da fingen ihn die Arme des Inquisitors auf, der ihm höhnisch zurief: „Wie konntest du uns deine Seele entreißen wollen?", und übergab den vor zerschellten Hoffnungen Gemarterten den Häschern für den Feuertod. Die gleiche Seelentortur hatten auch die Juden Deutschlands in den letzten Jahrzehnten des 18. und den ersten des 19. Jahrhunderts zu erdulden. Mit dem Auftreten Moses Mendelssohns, den seine christlichen Freunde — namentlich Nikolai und Lessing — als gleichstehend betrachteten und dem zahlreiche Ehrungen und Huldigungen entgegengebracht wurden, schien ein Funke der Hoffnung den deutschen Juden zu erstrahlen. Diese Hoffnung wuchs noch mehr, als nach dem Tode Mendelssohns hervorragende Männer Berlins, wie der Hofprediger Schleiermacher, und mehrere Prinzen in den Salons der Juden zu verkehren begannen. Diese Hoffnung schien sich zu verwirklichen, als am 11. März 1812 das „königliche Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden" in Preußen verlautbart wurde, das ihnen fast die volle Gleichberechtigung gewährte. Und schließlich war sie beinahe greifbar, als in den Befreiungskriegen jüdische Offiziere und Soldaten in den Reihen der deutschen Heere mitkämpfen konnten. Die Türen des Kerkers schienen angelweit geöffnet zu sein — da empfing die aus dem Ghetto Flüchtenden die im Jahre 1815 einsetzende Reaktion und stieß sie zurück. Im Norden, in Lübeck, wurde die ganze jüdische Gemeinde nach dem Abzug der französischen Besatzung fortgejagt, in Frankfurt a. M. wurden den Juden ihre Gerechtsamen wieder genommen und in Süddeutsclüand erschollen die Hepp-Hepp-Rufe, in Berlin selber vergaß man an das königliche Edikt, wogegen der Universitätsprofessor Christian Friedrich Rühs und andere seinesgleichen das Judentum in Schmähschriften besudelten. Ganz anders in Wien. Das Toleranzpatent Kaiser Josef II. vom 2. Jänner 1782, erwies sich nicht als Fata morgana, sondern tatsächlich als die einzige Magna Charta des Judentums in der Diaspora. Es bildete die unerschütterliche Grundbasis für die Rechtslage der Juden und steuerte der bis dahin bestandenen Rechtlosigkeit. Gewiß wies es viele Schattenseiten auf, aber auch da galt das Wort: „Dura lex, sed 1 ex." Man darf wohl jetzt in dieser republikanischen Zeit, ohne des Byzantinismus beschuldigt zu werden, sagen, daß Kaiser Josef II. zu den größten Wohltätern des Judentums gehörte. Dieses Toleranzpatent schuf einen neuen Namen, den der Tolerierten, der aber gleich dem der Geusen in den Niederlanden bald zu einem Ehrennamen wurde; es schuf aber auch eine neue jüdische Schichte. Das Toleranzpatent enthielt nämlich Bestimmungen, welche die Juden veranlaßten, Manufakturen und Fabriken ins Leben zu rufen und Großhandel zu treiben. Persönlichkeiten, die an die Gestalten der italienischen Renaissancezeit oder an die Handelsherren der Hansa erinnerten, tauchten auf, Industrielle von großzügiger Führung, erfüllt vom Streben nach Vornehmheit, zumeist auch nach dem Adelstitel, der damals unendlich viel bedeutete. Namen wie: Israel Hönig von Hönigsberg, Markus Ritter v. N e u w a 11, Israel Edler v. L i ebenberg, Isak Löb Hofmann Edler v. Hofmannsthal, Michael Lazar Biedermann waren zugleich auch der Inbegriff gewaltig ausgreifender kaufmännisch-industrieller Unternehmungen und finanzieller Macht. So hatte — um nur drei Beispiele herauszugreifen — Israel Hönig v. Hönigsberg noch unter der Kaiserin Maria Theresia1 däs Tabakgefälle in Böhmen, Niederösterreich, Oberösterreich und den Alpenländern inne, wofür er einen jährlichen Pachtschilling von 1,600.000 Gulden zahlte. Als unter Kaiser Josef II. der Tabakhandel verstaatlicht wurde, wurde Hönägsberg Tabakgefällsdirektor mit dem Titel eines niederösterreichischen Regierungsrates. Hofmann v. Hofmannsthal hatte die ganze Seidenzucht in Ungarn und der Militärgrenze und die Verarbeitung der Produkte in Wien (im Knappenhof) fast monopolisiert. Israel Edler v. Liebenberg war Großhändler in Schafwolle. So kaufte er vom 1. Jänner 1812 bis 30. Juni 1823 196.000 Zentner Schafwolle an, die er im Auslande um 15,000.000 Gulden absetzte. Siegmund Mayer, einer der besten Kenner des Vormärz der Wiener Juden, schreibt: „Das soziale Sein der Wiener Juden im Wiener Vormärz zeigte ein mannigfach anderes Bild als jenes des Ghetto", selbstverständlich schon deshalb, weil es in Wien kein Ghetto mehr gab. Diese wirtschaftlich und sozial, wenn auch! nicht allzu sehr geistig hochstehenden Tolerierten suchten nach" einem Zentrum, nach einer Stätte für ihre Anschauungen und Bestrebungen. Das war der Stadttempel, das in Stein verwände 11e Toleranzpate n t. Gewiß wurde der Stadttempel im Hinterhaus gebaut, wie auch das Toleranzpatent nicht die Gleichberechtigung in sich schloß, beide bedeuteten aber den archimedischen Punkt, von dem aus die Feindschaft der Welt gleichsam aus den Angeln gehoben werden konnte. Der Stadttempel war nicht

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