Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 11-12 (15.3.1926)
- Date
- 1926-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Oeslerrelchlsche Wochensdiritf für indische Interessen nil dem Beiblatt: VerOlienllldiungen der ..Union deutschösterreidiisdier Juden" Redaktion und Administration: Wien II., HdmestfraiBe 13. - Fernruf 42-2-16 XL1I. Jahrgang Wien, 15. März 1926 Nummer U/12 5506 icfc= 5606 Die Geschichte des Stadttempels ist die Geschichte des Wiener Judentums. Mögen auch hundert Jahre in der Geschichte eines Volkes und zumal in der vieltausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes eine kurze Spanne Zeit bedeuten, so ist. doch der Weg, den das Wiener Judentum in der Zeit seit der Gründung des Tempels im Jahre 1826 zurückgelegt hat, ein so großer gewesen, daß wir dieses Jahrhundert den gewaltigsten Epochen in der jüdischen Geschichte würdig an die Seite stellen können. Denn ebenso wie die vierzig Jahre nach dem Auszuge der Juden aus Aegypten aus einem Volke von Knechten ein Volk freier und stolzer Menschen gemacht haben, so haben die hundert Jahre, die wir seit der Gründung des Stadttempels zählen, aus geduldeten, bedrückten und ihrer wichtigsten Menschenrechte beraubten Untertanen jüdischen Glaubens freie, geachtete und1 gleichberechtigte Bürger gemacht. Das äußere Zeichen, das diese aufstrebende Entwicklung ankündigte, war die Errichtung des Gotteshauses in der Seitenstettengasse. Wir erblicken jedoch in diesem äußeren Zeichen einen tiefen inneren Sinn. Mögen die Marksteine in der Geschichte der anderen Völker Schlachten, Friedensschlüsse und Revolutionen sein, in der Geschichte des jüdischen Volkes, als des Gottesvolkes im wahrsten Sinne des Wortes, spielen die Gründungen und leider auch Zerstörungen der Gotteshäuser eine viel wichtigere Rolle als äußere politische Ereignisse. Es sei nur an die Errichtung und Zerstörung des ersten und zweiten Tempels in Jerusalem erinnert, welche Ereignisse mit goldenen und schwarzen Lettern in die Geschichte des jüdischen Volkes eingegraben sind. In allen Zeiten ist das Gotteshaus der Mittelpunkt des jüdischen Lebens gewesen, der Ort, von dem aus das ewige Licht der Thora erstrahlte und weit über die Grenzen der jüdischen Gemeinschaft hinaus Weisheit, Gottesfurcht und Menschenliebe verbreitete. In allen Zeiten war der Tempel die Seele des Judentums. Mit Recht könnte man daher die Frage aufwerfen, ob die Errichtung des Tempels in der Seitenstettengasse bloß die Folge einer Entwicklung war, die sich auf politischem, geistigem und religiösem Gebiet innerhalb der Wiener Judenschaft vollzogen hat, oder ob nicht gerade umgekehrt die Erbauung des Gotteshauses wie in früheren Zeiten so auch vor hundert Jahren dem Wiener Judentum jenen mächtigen Impuls gegeben hat, der zu dieser stürmischen, alle Hindernisse überwindenden Entwicklung auf allen Gebieten geführt hat. Wie dein auch immer sein mag, für uns ist die Feier der hundertsten Wiederkehr des Gründungstages des Stadttempels zugleich die Feier des Erwachens der Wiener Judenschaft, deren erster Schritt auf dem Wege zur Freiheit eben die Errichtung dieses Gotteshauses war. Manchen schweren Stürmen hat dasselbe getrotzt; die Wogen der Revolution des Jahres 1848 haben es umbrandet, die gewaltigen politischen und wirtschaftlichen Erschütterungen, die auf dieses Sturmjahr folgten, haben seine Grundfesten nicht erschüttern können, es hat den furchtbarsten aller Kriege, den Zusammenbruch der Monarchie und die stürmischen Zeiten nach dem Zusammenbruch überdauert und strahlt heute in neuem Glänze als Wahrzeichen der Wiener ludenschaft, als Zentrum der zweitgrößten Judengemeinde der Welt. Denn aus der geringen Zahl der jüdischen Familien Wiens, die damals das Gotteshaus begründeten, ist im Laufe der letzten hundert Jahre eine gewaltige Gemeinde geworden, deren Einrichtungen auf religiösem, kulturellem und sozialem Gebiete als mustergültig bezeichnet werden können. Der Tempel aber, in dem Männer wie Mannheimer, Jellinek und G ü d e m a n n das Gotteswort verkündeten, wurde das Vorbild finden im Jahre 18.56 gebauten Leopoldstädter Tempel sowie für die zahlreichen Gotteshäuser, welche die Juden nach ihrer Emanzipation in dieser Stadt und anderswo errichtet haben. Ebenso wie wir davon überzeugt sind, daß unsere Vaterstadt Wien auch nach dem Zusammenbruch des liabsburgerreiches ihre Stellung als politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Mitteleuropas, als Brücke zwischen Ost und West behaupten wird, so möge der Stadttempel, dessen hundertjähriges Bestandsjubiläum wir heute begehen, ein Unterpfand dafür sein, daß auch die Wiener jüdische Gemeinde ihren ehrenvollen und ausgezeichneten Platz innerhalb des Judentums der ganzen Welt behaupten wird als eine Pflege - Stätte wahren jüdischen Geistes, wahrster jüdischer Kultur und Frömmigkeit. Wir aber wollen heute in Dankbarkeit derer gedenken, welche den Tempel erbaut und seinen Ruhm begründet haben, und trotz der Sorgen, die uns in dieser schweren Zeit bedrücken, den heutigen Tag feiern als einen Tag der Freude und des Stolzes. Dieser Tag der Erbauung sei ein Tag der Erbauung für das Wiener, für das österreichische Judentum!