Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 10 (5.2.1926)
- Date
- 1926-02-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 10 Theater, Kunst u. Literatur 200. Geburtstag Moses Mendelssohns. Anläßlich der 200. Wiederkehr des Geburtstages Moses Mendelssohns im Jahre 1929 bereitet ein Berliner Komitee eine kritische Gesamtausgabe der Schriften Moses Mendelssohns vor. Da es nach Möglichkeit alles erreichbare Material zu verwerten bestrebt fist, bittet es alle Besitzer von Handschriften, Erstdrucken oder Briefen Moses Mendelssohns um gütige Nachricht über dieselben und um eventuelle leihweise Ueberlassung. Alle Zuschriften sind an die Adresse von Herrn Professor Julius Guttman, Berlind NW., WuMenweberstraße 2, zu rächten. Im Verein für Geschichte und Literatur hat am 13. d. M. Herr Direktor Victor Kellner einen Vortrag über „Plato und die Propheten" gehalten. Angeregt durch eine dasselbe Thema behandelnde Schrift Hermann Cohens wollte der Vortragende die typischen Gegensätze in den beiderseitigen Auffassungen im Denken und Sein aufzeigen: Ist der Grieche vorwiegend wissenschaftlicher Theoretiker, dem Anschauung und Denken in einem verschmelzen, der seine Werke zu ästhetischem Kunstschaffen formt, dienen die* Propheten einer Berufung folgend ihrem Volke und formen als Lyriker ihre Reden. Obwohl Plato im Georgias auch das Hohelied der Gerechtigkeit anstimmt und üi seiner Staatsidee Ethik und Politik harmonisch vereinigen will, erkennt er kein inneres Gesetz, hat er keinen Glauben an die Verwirklichung der Sittlichkeit bei allen Menschen wie die Propheten. Als Aristokraten ist ihm die Anerkennung der persönlichen Würde des Einzelnen fremd, Sklaventum ebenso ein natürlicher Zustand wie die Minderwertigkeit der Barbaren; er hat keine Zukunftsgedanken," die sich wie die der Propheten auf ein diesseßtüges Reich beziehen: sein Gott ist nicht persönlich, sein Staat ein Ständestaat, nicht der Gottesstaat jener, an dem alle Menschen in gleicher Weise teilnehmen. Nur die Volksreliglion der Propheten konnte zur Weltreäigion führen. Dem Vortrag ging eine Ansprache des Vizepräsidenten des Vereines L. Bato an den Präsidenten Professor S. Krauss anläßlich dessen 60. Geburtstages voran, die von dem mit Recht wegen seiner großen Mühewaltung um den Verein Gefeierten mit herzlichen Dankesworten erwidert wurde. Die auf den Vortrag folgende Diskussion gestaltete sich äußerst anregend und brachte willkommene Ergänzungen zum Thema. So besprach Dr. P. Steiner die später erfolgte Verquickung von Ideen Piatos und der Propheten im Urchristentum, Dr. I m a- Hs die in der Bibel bereits zu findenden Parallelen mit den Ideen Piatos und die: Frage nach der Möglichkeit von Eiiv fiüssen der jüdischen Lehren auf griechische Denkergrößen. Diese Einflüsse bezeichnete Dr. K a m i n k a als höchstens indirekte: Die großen, hn Orient längst vorher ausgesprochenen Ideen von Weltbürgertum (Assyrien, Babylonien. Aegypten), von der Heiligung des Menschenlebens (Hebräer) sind den Griechen nicht bekannt. Professor Krauss erörterte die Wahrscheinlichkeit einer Beziehung indischer Quellen auf beide Geistessphären, worauf die Messiasidee einen Schluß gestattet Der Vortrag war außerordentlich gut besucht. Med.-Rat Dr. Haase. Vortrag. Ueber Einladung des jüdischen Vereines „N ord- O s t" hat das M a i in o n i d e s -1 n s t i t u t am 7. Adar eine Gedächtnisfeier im Saale des Vereines veranstaltet, bei welcher der Leiter des Institutes. Herr Rabbiner Dr. A. Kaminka, über das Thema ..Moses Maimonides als geistiger Führer in unserem Zeitalter" in gewohnter ebenso klarer wie geistvoller Weise so sprach, wie man eben über sein Lieblingsthema, das man mit Vollkommenheit beherrscht, mit Wärme und Begeisterung redet. Ausgehend von dem bekannten Satze, daß seit dem ersten Moses bis auf Maimonides kein zweiter wie dieser erstanden, gab der Redner seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß sich das Judentum ohne dessen philosophische Werke aus dem finsteren Mittelalter nicht hätte hinüberretten können in die neuere Zeit, sowie daß damals eine göttliche Fügung die Wechselwirkung der großen arabischen mit unserer Kultur ebenso veranlaßte, wie es früher mit ägyptischer, babylonischer und hellenischer der Fall war. Maimonides hat es sich schon in seinem 13. Lebensjahre zur Aufgabe gemacht, die Ueberlegenheit der mosaischen Lehre gegenüber der der Almohaden. welche ebenfalls den Monotheismus betonte, nachzuweisen. In ganz origineller Weise setzt er seinem großen Misjhna-Kommentar eine Abhandlung über Psychologie voraus 'und versieht den Codex des Ritual- und Sittengesetzes mit philosophischen Arbeiten, die rnjt theologischen und religiösen Dingen eigentlich nichts zu tun haben. Nach kurzen biographischen Daten über den großen Arzt und angesehenen Rabbiner Maimonides wendet sich der Vortragend© z>uir Frage der Möglichkeit einer Wirkung desselben auf die heutige Zeit als deren geistigen Führer zu. Nach Maimonides besteht der Glaube bei uns nicht in einem Lippenbekenntnis, sondern in geistiger Erkenntnis; er verlangt das stete emsige Forschen nach den Prinzipien unserer Religion: „Nur höheres Wissen gibt Kraft und erhebt," „Augen sind uns nicht gegeben, um rückwärts, sondern um vorwärts zu schauen." Nach Maimonides geht die Naturwissenschaft der Theologie voran; die Thora will nach ihm nur den Kenntnissen von der Natur einen höheren, seelischen Inhalt geben: „Erkenntnis des Wahren ist Leben, Verbleiben in Unkenntnis äst Tod." Grundsätze solcher Art sind wohl geignet, auch einer Zeit, der jeglicher Autoritätsglauben abhanden gekommen, die dem Atheismus zuneigt und in materiellen Nöten zu versinken droht, zu imponieren und üh ihre Leitsätze akzeptiert zu werden. „Denn nicht vom Brote allein lebt der Mensch" aind seelische Not ist schlimmer als körperliche. Auch ist jene höhere Wahrheitserkenntnis und -erforschung, wie sie Maimonides fordert, das beste Mittel, um den Hader der Parteien zu überbrücken. Das zahlreiche Auditorium zollte dem Redner starken, verdienten Beifall. Med.-Rat Dr. H. Haase. Vortrag Dr. Nathan Birnbaum. Samstag, den 20. Februar 1926 hielt Dr. Nathan Birnbaum als Gast der Vereinigung Jüdischer Akademiker (V. J. A.) im volbesetzten Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines über das Thema „D e r große Einsame" einen Vortrag, der von allen Kreisen der Wiener Judenschaft mit großer Spannung angehört wurde. Der große Einsame ist das jüdische Volk, das einsam in der Wüste die Gotteslehre empfing und einsam diese Lehre der Welt verkündet. Diese Einsamkeit ist nicht bloß eine historische Tatsache, sondern eine gottgewollte Notwendigkeit. Sollte diese Einsamkeit vom jüdischen Volke aufgegeben werden, so würde es seine historische1 Kraft und Mission einbüßen. Dem großen Einsamen, dem jüdischen Volk, auf der Höhe seiner Aufgabe, stellte Nathan Birnbaum in marken Sätzen den kleinen Vielsamen, den jüdischen Führer von heute entgegen, der eifrig bestrebt ist, das jüdische Volk allen anderen Völkern anzugleichen. In seinem einstündigen Vortrag fand Birnbaum herrliche Worte zur Charakterisierung des jüdischen Gesetzes als Mittel und Weg zu der großen Einsamkeit. Der Vortrag, der ein wertvolles Zeichen der Aktivität unserer Vereinigung Jüdischer Akademiker in Wien ist, wurde von Dr. Leo Deutschländer mit einem kurzen Referat über die Bedeutung der Vereinigung Jüdischer Akademiker eingeleitet. Am Schlüsse dankte Dr. Deutschländer mit herzlichen Worten, die im Beifallssturm des Publikums wertvolle Bekräftigung fanden, dem Vortragenden für sein Referat. J. L. Landau, Israel Baal-Schern, Wien, J. Beif. Der Verfasser, der seit Jahrzehnten mit bestem Erfolge bemüht fst. Charaktere und Episoden der jüdischen Geschichte in hebräischer Sprache auf die Bühne zu bringen, hat auch in dem vorliegenden Buchdrama eine der merkwürdigsten und bfis auf den heutigen Tag wirksamen Persönlichkeiten zum Helden seiner Dichtung gewählt. Es ist die mythenumsponnenei Gestalt des Begründers des Chassidismns, der Baalischem. Die Art, wie der Autor dieses Phänomen lebenswahr und anschaulich darstellt, wie er eine so - abstoßende Erscheinung, wie Jakob Frank, psychologisch verständlich gemacht, wie er den Gegensatz zwischen Gefühlswelt und Gedankenriiehtung eines „Beseht" und seiner Gegner, den Vertretern einer intransigenten prthodoxie, intuitiv erfaßt und offenbar .auf Grund eigener Anschauung und Erfahrung in die Erscheinung treten läßt, zeugt von einer tiefeindringenden analytischen Kraft1 und hoher Fähigkeit plastischen Erfassens und Darstellens. Mit den Fortschritten des hebräischen Theaters, zu dessen Repertoire Leistungen unseres Verfassers längst gehören, wird mau sich daran gewöhnen, Menschen und Dinge des Westens auf einer Bühne Palästinas nicht minder natürlich zu finden, als bisher biblische Helden und nachbiblische Episoden der Vergangenheit des Judentums in der Gestaltung eines Racine und Voltaire, eines Otto Ludwig und Hebbel. Mitteilung. Zwecks Richtigstellung der Mitgliederlisten ersucht die Vereinigung jüdischer Akademiker, Wien, alle ehemaligen Angehörigen der Vereinigung, ihren Beitritt neuerlich anzumelden. Wer bis 31. März 1926 seine Mitgliedschaft nicht erneuert, verliert alle Rechte. Anmeldungen sind schriftlich an den derzeitigen Obmann cand. phil. E. Hartmajin. II., Scjjiffamtsgasse 7/19 zu richten.