Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 10 (5.2.1926)
- Date
- 1926-02-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Veröffentlichungen der ImlenfltSiiippe der „Union deutschösterreichischer Juden". Die kulturellen Aufgaben der Jugendgruppe. Von Benno L ö w. Als vor ungefähr einem Jahre einige junge Juden darangingen, eine jüdische Jugendorganisation zu scharfen, die nicht auf nationalem Boden stehen sollte, wagte es wohl keiner dieses Häufleins zu hoffen, daß dieser Bewegung in so kurzer Zeit Erfolge blühen werden. Damit will ich keineswegs behaupten, daß vielleicht viel erreicht wurde, aber das, was erreicht wurde, gibt Mut und ist ein Ansporn zu weiterer Arbeit. Und wie im Leben eines Menschen, eines Volkes, ja der Menschheit überhaupt, nach Ueberwindung der primitivsten Entwicklungsstufen ein gewisses kulturelles Bedürfnis zu bemerken ist, so ist auch für unsere Organisation der Zeitpunkt bald gekommen, wo wir den kulturellen Problemen werden nähertreten müssen. Diese Pflicht gilt für uns als junge Juden und Deutsche doppelt und dreifach. Jung sind wir — Jugend ist immer wissensdurstig» Juden sind wir — Juden gilt das Studium als das Höchste, Deutsche sind wir — Deutsche sind das Volk der Dichter und Denker. Als jüdischer Organisation ist uns vor allem an der Verbreitung jüdischen Wissens und jüdischer Kultur gelegen- Dies erscheint mir um so wichtiger, als heute diese Verbreitung entweder auf orthodoxer oder nationaler Basis erfolgt. Was aber der jüdischen Jugend fehlt, ist eine Mittlerin jüdischen Wissens auf, sagen wir, neutraler Basis. Frei von orthodoxem Olaubenseifer, frei von nationalem Chauvinismus müssen wir der Jugend Gelegenheit geben, sich in die Tiefen jüdischen Geistes versenken zu können. Vor« allem ist hierzu die Kenntnis der hebräischen Sprache notwendig. Unsere Jugend lernt die französische, die englische, die italienische Sprache u. v. a. Wie viele junge Juden aber gibt es, die nicht einmal ein hebräisches Wort lesen können. Wo mag da die Ursache liegen? Mangel an Lerneifer ist es nicht denn sonst würden sie ja die anderen Sprachen auch nicht lernen wollen. Dagegen hört man oft den Einwand: „Was habe ich davon, wenn ich die hebräische Sprache erlerne?" Hier muß man also den Hebel ansetzen, um Erfolge zu erzielen. Es gilt das ideale Interesse wachzurufen, es gilt, den Gedanken, „was habe ich davon?" in den Hintergrund zu schieben.- Es ist nicht zu leugnen, daß gerade die Bemühungen um eine Renaissance des Hebräischen auf die allergrößten Schwierigkeiten stoßen werden. Doch bin ich ebenso sicher, daß bei ernster Arbeit auch hier schöne Erfolge zu erzielen sind. Ein viel leichteres Arbeitsfeld bietet die jüdische Geschichte und Literatur. Diese Wissenszweige sind an sich anziehend und die jüdische Geschichte und Literatur im besonderen äußerst interessant. Es kömmt nur darauf an, zur Verbreitung dieser Wissenschaften geeignete Persönlichkeiten zu finden, die es vestehen, die Themen nicht nur vom speziell jüdischen Standpunkt, sondern von der höheren Warte des Allgemeinwissens zu behandeln, insbesonders aber die Bedeutung jüdischen Wesens für die Allgemeinheit aufzuzeigen. Die Erörterung dieses Problems könnte vielleicht dazu beitragen, daß jene furchtbare, im Interesse friedlicher Entwicklung nicht genug zu bekämpfende antisemitische Haßwelle gebrochen, zumindest aber geschwächt wird, womit die Jügendgruppe ganz in den Intentionen des Muttei Vereines arbeiten würde. Wie oft trifft man Antisemiten, die einem sagen: „Ja, wenn alle Juden so wie Sie wären!" und dann beginnt die alibekannte Litanei von jüdischer Zudringlichkeit, Feigheit, künstlerischer Inferiorität usw. Und wie oft findet dieser Antisemit gar keinen Widerstand, weil leider die wenigsten unserer jungen Juden (und auch manche eines älteren Jahrganges) mit Tatsachen erwidern können, aus dem einfachen Grunde, weil sie ihnen unbekannt geblieben sind. Man muß der Jugend das geistige Rüstmaterial geben, damit sie Mann gegen Mann den Antisemitismus bekämpfen kann. Der Erfolg wird größer sein, als wenn man Versammlungen abhält, Proteste in die Welt hinausschickt oder den Völkerbund anruft. In diesem Zusammenhange könte man auch den Antisemitismus einer kritischen Betrachtung unterziehen, jedoch unter Vermeidung aller für die breiten Massen berechneten Schlagworte. Aber die Niederringung dieser judenfeindlichen Strömung wäre eigentlich nur ein Teil des Erfolges, der unsere Bemühungen lohnen soll, wenn Wissen überhaupt nicht I^ohn genug ist. Viel wesentlicher wird die Tatsache sein, daß die jüdische Jugend sich wieder des hohen, inneren Wertes des Judentumes bewußt wird, daß sie ihre heiligen Kulturgüter wieder kennen und damit achten und lieben lernt. Gerade das Programm der „Union" erfordert es, darauf besonderes Augenmerk zu lenken, denn die „Union" strebt danach, uns in Oesterreich die faktische Gleichberechtigung zu erringen, wobei ausdrücklich betont wird, daß wir uns dem Staate gegenüber nur als Oesterreicher fühlen. Wie groß ist da die Gefahr, daß die heranreifende Jugend darunter nichts anderes versteht als die Assimilation. Viele bemühen sich daher, ihr Judentum zu verleugnen, andere wieder werden dem Nationalismus zugetrieben. Beides zu verhindern ist unsere Pflicht. Das ist nur möglich, wenn wir der Jugend zeigen, daß wir Träger einer Jahrtausende alten Kultur sind und daß wir dieser unserer Kultur auich etwas schulden. Wir schätzen die deutsche Kultur hoch ein, wir wollen dankbar deutsche Kulturgüter annehmen, aber wir sind keine Bettler, denn auch wir haben etwas zu geben. Dieses Bewußtsein müssen wir der Jugend einimpfen, um sie immun zu machen gegen die Gefahren der Assimilation oder des Chauvinismus. Die Assimilation ist gleichbedeutend mit unserem Untergang, der Chauvinismus aber ist der ärgste Feind der Menschheit Die Völker müssen Höheres anstreben, das Ziel liegt jenseits der Grenzen nationalen Hasses und nationaler Unduldsamkeit. Des Judentumes harrt eine wichtige Aufgabe im «Streben der Völker. Einen bescheidenen Teil dazu (beizutragen, daß sich das Judentum einst dieser Aufgabe gewachsen zeige, ist unsere Pflicht.