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Die Wahrheit · 1926-02-05 · Heft 10 (5.2.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 10 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 10 Der Kulturwert des Judentums. Vortrag, gehalten von Dr. Ismar Freund (Berlin). (Schluß.) Die Verbindung von praktischem Sinn und höchstem Idealismus, von Realität und Idealität, wie wir sie in unserer Bibel finden, wird in schöner Weise durch die Erscheinung symbolisiert, die sich dem Jakob im Traum offenbarte: Die Himmelsleiter stand auf der Erde, auf dem Boden der Wirklichkeit, sie wies aber hinauf zu den ewigen Sternen als den Symbolen der reinsten Idealität. Das Gebot der Liebe macht nicht Halt beim Menschen, sondern erstreckt sich auch auf das Tier, das ja auch ein Geschöpf Gottes ist, ja es erstreckt sich sogar auf die unbelebte Natur, auf den Boden. Wenn nämlich die Bibel befiehlt, dem Ackerboden jedes siebente Jahr Ruhe zu gönnen, damit er sich erhole und dann mit neuer Kraft Früchte tragen kann, so wandelt sie dabei ganz in dem Rahmen der modernsten Landwirtschaftsforschung, die ebenfalls Ruhepausen für den Ackerboden für notwendig erachtet. „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke verrichten." Wir sehen also, daß die Arbeit ein wichtiges Gebot der Heiligen Schrift darstellt. Doch Arbeit ist keine Schande, sondern gerade im Gegenteil, eine ehrenvolle Betätigung. Sie wird dadurch idealisiert, daß Gott selbst bei der Erschaffung der Welt sechs Tage gearbeitet hat. In unlöslicher Gemeinschaft mit der Id'3e der Arbeit steht allerdings die Idee der Sabbatruhe. Die Einführung eines allgemeinen Ruhetages in der Woche bedeutet eine soziale und kulturelle Errungenschaft von fundamentalster Bedeutung; war doch etwas Aehnliches der damaligen Zeit vollständig fremd. Vielmehr waren es die Herren, die immer Ruhetag hatten, während die Sklaven Tag für Tag für diese arbeiten mußten. Das Judentum aber gebietet, daß alle Menschen während der Woche zu arbeiten und alle, also auch die Sklaven, am Sabbat zu ruhen haben. Die Sabbatruhe bedeutet aber nicht allein physisches Ausruhen, eine körperliche Wiedererstarkung, sondern auch ein Ausruhen und eine Selbstbesinnung des Geistes, eine Reinigung der Seele von den Schlacken des Alltags und eine Heiligung des ganzen Menschen. Wenn wir sehen, wie heute die Engländer den Sonntag feiern, dann müssen wir gestehen, daß auch sie sich bemühen, den Anschluß an die ewigen Ideale der Bibel zu finden. Und wieder können wir sagen: Hätte das Judentum der Menschheit nichts anderes geschenkt als die soziale Einrichtung der Sabbat ruhe, selbst dann hätte es die größte Kulturtat aller Zeiten vollbracht. Wir sehen überall, daß die jüdische Religion, die jüdische Ethik an die gegebenen Tatsachen der Wirklichkeit anknüpft, und diese zu erklären und zu veredeln trachtet. Es kommt darin ein Gedanke zum Ausdruck, der erst von den Philosophen und Naturforschern in seiner ungeheuren Bedeutung erfaßt worden ist: Der Ent wicklungsgedanke. Der Fortschritt vollzieht sich weder in der physischen noch in der geistigen Welt sprunghaft, sondern allmählich. Daher geht auch die Bibel nicht etwa von irgendeinem transzendenten Idealbild des Menschen aus, sondern vom Menschen, wie er ist, und trachtet ihn zu veredeln, indem sie ihm die Richtlinien füj sein Handeln in allen Lebenslagen weist. Wegen dieser ihrer Eigenschaft, nämlich dem hohen Idealismus verbunden mit einer tiefen Einfühlung in die Natur des Menschen, eignet sich die jüdische Ethik besser als die der anderen Religionen als Grundlage des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens. Das Judentum ist durchaus demokratisch, es kennt keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen Mensch und Mensch. Ihm ist daher auch der Gedanke des Absolutismus vollständig fremd. Während nach römischem Rechte, der König, bzw.. Kaiser über den Gesetzen steht (rex legibus solutus est) und Ludwig XIV. von sich sagen konnte: „L46tat c'est moi", hören wir, daß Gott, als das Volk von ihm die Einsetzung eines Königs verlangte, folgendes zur Voraussetzung macht: „Wenn ich euch einen König geben werde aus eurer Mitte, dann soll sich dieser eine Abschrift des Gesetzes anfertigen, sie neben seinen Thron setzen und ständig daraus lesen, auf daß er lange regiere." Wenn wir heute in Deutschland sehen, wie heftig der. politische Kampf um die Frage der Fürstenabfindungen tobt und sogar der unmittelbare Appell an das Volk ergeht, selbst darin die Entscheidung zu treffen, dann müssen wir sagen: Hätten die Fürsten sich nur einigermaßen an die Grundsätze gehalten, die bereits vor vielen, vielen Jahren die Heilige Schrift aufgestellt hat, die den Fürsten jede Anhäufung von Gold und Silber verbietet, dann wäre dieser ganze Streit überflüssig. Allerdings bemüht sich die Bibel nicht, die natürlichen Unterschiede zwischen den Menschen gewaltsam auszugleichen — es wäre dies auch ein vollständig fruchtloses Unterfangen gewesen —, sondern sie sucht diese Unterschiede zu überbrücken, indem sie das gleiche Recht, das gleiche Gesetz für alle, ob arm oder reich, statuiert und überdies ganz besondere Verfügungen zum Schutze der Armen und Schwachen, der Witwen und Waisen trifft. . Wenn wir das Judenifcum an dem messen, was wir Kultur nennen, dann müssen wir sagen, daß es nicht allein in dej.; Vergangenheit viel geleistet hat, sondern auch in der Gegehwart große Bedeutung besitzt. Mögen sich ihm auch alle erdenklichen Hindernisse in den Weg stellen, es wird nicht aufhören, im Sinne seiner Kulturmission zu wirken. Gestatten Sie. daß ich Ihnen, um die derzeitige Lage des Judentums, besonders des deutschen, zu charakterisieren, ein Gleichnis aus der Bibel heranziehe: Das Schiff, auf dem sich Jonas vor seiner Mission geflüchtet hatte, befand sich in arger Seenot, doch der Prophet lag unbekümmert im Schiffsrumpf und schlief. Das tobende Meer wollte ein Opfer haben. Man würfelte und das Los fiel auf Jonas. Man holte diesen aus dem Innern des Schiffes hervor und. frug ihn, weß Landes und Standes er sei. Der Prophet antwortete einfach: „Iwri onauchi — ich bin ein Jude." Unsere Zeit gleicht einem stürmischen Ozean; man sucht ein Opfer und glaubt es im Juden gefunden zu haben: „Wer bist du und was ist deine Wesensart" herrscht man ihn an, indem man ihn in den Mittelpunkt der Politik hineinzerrt. Wir haben wahrlich nicht die Absicht gehabt, uns in den Mittelpunkt zu stellen, doch wenn man uns hervorzieht und das Los auf uns fällt, dann wollen wir mit unserem Propheten sprechen: „Iwri onauchi". Wir sind Juden und wollen aufrechte Juden bleiben. .Wir kommen geraden Weges vom Sinai her und tragen die zehn Gebote auf unserem Banner, jene zehn Gebote, die wir einst der Welt verkündet haben und immer wieder aufs neue verkünden werden. Mit dem Judentume zieht die menschliche Kultur, unsere Bibel ist der feste Punkt im allgemeinen Zusammenbruche gewesen. Das Judentum ist und bleibt ein Kulturfaktor von ganzbesondererBedeutung, wie sich auch das Weltgeschehen künftighin entwickeln möge. Glossen, Das Andenken an Dr. David Oruiby, den genialen Gelehrten, der die wissenschaftliche 'Karriere in Oesterreich aufgeben mußte, weil er seine Refligiori behalten wollte, ist durch einen Vortrag des Professors Rille wieder erweckt worden. In der vormärzlichen Zeit haben die österreichischen Minister es mit ihrem eigenen Charakter und mit der des Staates vereinbar gehalten, von einem jüdischen Gelehrten zw fordern, daß er die Erlangung einer Professur mit dem Opfer seiner religiösen Ueberzeugung bezahle. Wie 'halben wir es in Oesterreich doch schon so herrlich weit gebracht! Man hat offenbar begriffen, daß es unsittlich ist. ein Schachergeschäft vorzuschlagen, unwürdig, eine solche Forderung zu stellen. Heute erlangt man keine Professur mehr durch die Taufe. * * * Die „Dötz" feiert ihren Liebling Herrn Millenkovich, der vorübergehend auch Direktor des Burgtheaters gewesen, anläßlich seines 60. Geburtstages in einer Weise, die den vielfach heimgesuchten Mann sehr peinlich berühren dürfte. Mit plumper Hand wird da an kaum vernarbte Wunden gerührt und daran erinnert, wie das Obersthofmeisteramt, „statt ihn zu halten, im Stiche ließ." Im Stiche hat ihn das Obersthofmeisteramt allerdings gelassen, aber man kann nicht sagen, daß es ihm die Hände gehalten, als er die Klage gegen seine Beleidiger erheben sollte. Im Gegenteil, er wurde faltengelassen, weil er sich zu dieser Klage nicht drängen ließ. Wenn man, wie das Lei'bblatt des Herrn Millenkovich zu seinem Ruhme verkündet, anfangs „zweifelte, ob er

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