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Die Wahrheit · 1926-02-05 · Heft 10 (5.2.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 10 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 10 Eine Sommerreise durch Nordfrankreich. Vortrag, gehalten von David Herzog. (Fortsetzung.) Von Caen fuhren wir auf einer ideal schön angelegten Straße — wie ja überhaupt die in der ganzen Normandie asphaltierten Straßen den bekannt guten italienischen Straßen nicht nachstehen — nach Vire. Vire ist zwar ein kleiner Ort mit prächtigen Anlagen, aber das Grand Hotel dortselbst ist in der ganzen Gegend wegen des vorzüglichen Essens berühmt. Und in der Tat, was für 10 Francs (Geschäftsreisende zahlen nur Francs) geboten, wird, ist fast unglaublich. Hors d'ouvres. bestehend aus Gansleber, kaltem Kalbfleisch, Fischen, Sardinen, Muscheln, Butter und Radieschen. Dann Suppe, ein Braten mit Salat und Kartoffeln, Geflügel mit verschiedenen Kompotten, Mehlspeise, Käse, Obst, schwarzer Kaffe und Cidre, dabei Brot inbegriffen. Eine Flasche guten Weines kostet 50 Centimes. Kein Wunder darum, wenn das Hotel stets überfüllt ist. Dort lernte ich auch einen Kellner bewundern, der das Kunstwerk fertig brachte, 30 Gäste in 25 Minuten klaglos fertig zu bedienen und dabei noch für mich und meine Familie Fische. Eier und Mehlspeise gesondert herrichten zu lassen. Es war aber auch kein Wunder! Denn wer diesen in Pantoffeln umherspringenden Mann mit 15 Tellern am Ann Uänherjonglieren sah, mußte die fabelhafte Geschicklichkeit, mit der die Kellner dort gedrillt sind, bewundern. Da ich mehr Zeit als die anderen Gäste hatte, ging ich in die Stadt, um einen Juden zu suchen, aber mit Ausnahme eines Geschäftsreisenden fand ich kernen einzigeu Juden dort. Ob nicht aber doch welche dort wohnen, weiß ich nicht. Nun ging es an herrlichen Gütern und Bauerngeliöften vorbei nach Les Vaux de Vire, St. Pois, Brecey und Avranches. Kaum daß wir dieses verlassen haben und die lange Straße einbogen, entströmte allen Lippen mit einem Mal ein Bewunderung auslösendes Ah! Es war der majestätische Monte St Michel, der weithin die ganze Gegend beherrscht und den Mittelpunkt zwischen der Normandie und der Bretagne bildet. Wie dieser Mont St. Michel nun da erst auf das Meer und dann auf die weiten Sandflächen seine Schatten warf, bald wieder in goldenem Sonnenlichte erglänzte und bald von Wolken gestreift, nur seine Silhouetten, zeigte, das war ein magischer Anblick. Noch währte es aber eine volle Stunde, ehe wir das Tor von St. Michel, das einem altdeutschen Burgtor gleicht, erreicht haben. Nun waren wir an dem Orte, nein auf dem Felsen, auf welchem im Jahre 708 d. g. Z. St. Aubert, der französische Bischof von Avranches, dem Erzengel Michael eine Kapelle weihte."St. Michel ist ein Felsen, etwa die Hälfte so groß wie die Insel Helgoland, mitten im Meere, umspült von den salzigen Wassern des Golfes von St. Malo. Der Ort ist nur zu erreichen, wenn Ebbe äst, zur Zeit der Flut — aber mit Ausnahme des in den letzten Jahren errichteten Bahndammes — ist er überall von Wassern umgeben. Die Großartigkeit des Ortes schilderten Hunderte Dichter und Schriftsteper. Einer von ihnen läßt sich also vernehmen: Spricht man von den schönsten, großartigsten, von den wundersamsten Bauwerken, die je durch Menschenhand errichtet wurden, so nimmt darunter einen der ersten Plätze unstreitig das weltberühmte normannische Kloster Mont St. Michel ein. Denn zu seinen herrlichen, stflreinen Formen, die allein schon den edlen Bau zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges stempeln würden, gesellt sich noch ein charakteristischer Umstand, der sie zu einer einzigartigen, geradezu unvergleichlichen erhebt. Das aber ist der Grund und Boden, auf dem die alte Abtei sich erhebt und der sie in weitem Umkreise einstweilen sogar abschlBeßt. Hier haben Kunst und Natur einander die Hand gereicht und da beide ihr Bestes gaben, ist dann auch ein Werk entstanden, auf welches Balzacs Lobhymne: „es ist ein genaues Abbild der Vergangenheit, ein Symbol einstiger Größe, e&n steinern Gedicht" paßt. So weit der Schriftsteller. Ich aber sage, wenn die Alten von den sieben Weltwundern! sprechen, dann gehört der Monte St. Michel als achtes dazu. Denn dort oben auf der Felsenspitze, wo einst die kleine, von Bischof Aubert errichtete Kapelle stand, haben Benediktniermönche langsam, langsam jene grandiose Kirche und Abfcelil geschaffen, wie sie heute noch dasteht. Seit Jahrhunderten hat dieser Bau keine einzige Reparatur gebraucht und seine Steine und Blöcke, aus denen sie erbaut worden sind, haben sich die Mönche aus einem ebenfalls im Meere befindlichen, dem St. Michel vorgelagerten Felsen geholt. Doch Kirche und Abtei galten nicht nur gottesdienstlichen Zwecken, sondern waren auch iei!aie Warte zum Schutze gegen Einfälle der Engänder. Mit Recht wurde gesagt, die Priester hatten einen Doppelcharakter. Sie waren Glaubens- und Rittersmäraier, die ihre Zeit zwischen Gebets¬ und Gefechtsexerzitien teilten. Unter ihrer weißen Mönchskutte trugen sie ein Panzerhemd und statt der Kapuze mußten sie Sich oft dem, Eisenhelm aufstülpen. So erklärt es sich auch, daß die Abtei von mächtigen Befestigungen umgeben ist. Nie haben Engländer vermocht, und sie versuchten es wahrlich oft genug, die Festung zu stürmen und nur den Normannen gelang es einmal. Um die Festung herum wurden allmählich Häuser angebaut, die uns zuweilen an Hallstatt erinnern, bis kein Plätzchen mehr übrig blieb. Bis vor dreißig Jahren hatte der Ort eigentlich ganz seinen mittelalterlichen Charakter bewahrt, bis dann drei oder vier neue Häuser. Hotels und das Museum umgebaut wurden. Sonst aber atmet alles mittelalterliche Größe. Doch wie schon oben 'erwähnt, nicht allein der Ort selbst, sondern auch der Sand, der zur Zeit der Ebbe sichtbar wird, hat seinen Reiz, aber auch seine Tragik. Denn der birgt viel Menschen und Tiere! Wehe dem Menschen-, der iii diesen Sand, namentlich in die sogenannten „Lizes", hineingerät, der ist unrettbar verloren. Aber nicht allein der Sand, auch die Flut und der Nebel heischen alljährlich viele Opfer und die Bauern der Umgebung, die dort häufig nach dein M. St. Michel pilgern, haben viele Angehörige dem Sande und der Flut und dem Nebel abgeben müssen. Denn nichts Gefährlicheres gibt es. als einen Marsch über dieses sandige Gelände. Doch ich will meinen Blick lieber davon abwenden, ich könnte ja tagelang von der Schönheit und Gefährlichkeit dieses Ortes sprechen und wende mich Kieber der Frau Poulard, der Besitzerin des größten und saubersten Hotels zu, deren Omeletten in buchstäblichem Sinn© des Wortes weltberühmt sind und die einen besonderen leckeren Geschmack bei den Gästen wachrufen. So macht denn alles dort einen, bedeutendein Eindruck auf den Menschen, regt kontemplativ an, mich aber regte der Ort, der übrigens von sehr vfden Juden damals besucht worden ist, zu einem Vergleich der Kirche mit dem Judentum ganz besonders an. Dort die eherne Gewalt, das Streben nach äußerer Machtentfaltung, bei uns die Ausbildung des Geistes, der unaufdringlichen sittlichen Werte (vgl. übrigens den Aufsatz von Robert Herzog in der „Grazer Tagespost" 1925, vom 15. November, Seite 17). Nach eintägigem Aufenthalt dort fuhren wir über -die normannische Schweiz, die aber nichts Besonderes bietet, heim und von üaen bis Frouville begegneten uns Tausende Autos, die eben vom Rennen von Deauville kamen. Alles im angeregtester Stimmung, die Menschheit schlüen Festtag zu halten. Am Tage vor meiner Abfahrt von Trouville, es war mir bange zumute, denn es waren schöne, auch von der Natur bevorzugte Tage, mein Schutzgeist scheint wirklich ein Amen zu meinem Credo gesagt zu haben, ging ich noch einmal auf die herrliche, bis tief ins Meer reichende Brücke, wo die von Le Havre ankommenden Schiffe anlegen, bewunderte die Jachten, die Segelboots, die Schifferbarken und schaute dann noch einmal hin auf die herrliche Hügelkette, die sich von Le Havre bis nach Cabourg hinzieht, rechts Le Havre, vor mir Trouville, links Cabourg und unwillkürlich mußte ich mit dem Psalmisten ausrufen: Wie groß sind doch Deine Werke, o Ewiger! Ich habe damals tief und innig gebetet und nicht anders erging es .auch meiner Frau! Stumm, tiefes Empfinden in unserem Inneren auslösend, gingen wir zurück, blls wir auf einmal durch bekannte Laute aus unserer religiösen Stimmung geweckt wurden. Ein russischer, lumpig gekleideter, junger Jude sang, mit seiner Fidel sich begleliitend. vor einem Kaffeehause. Er wollte angeblich mehrere Arien aus bekannten Opern singen, ich erinnere mich nicht mehr genau, welche alle er singeil wollte, aber das weiß ich, daß er alle so gesungen hat. daß er alle so gesungen hat, daß man sofort merkte, der junge Mann muß einmal bei einem Kantor „zugehalten" haben. Als er nun gleich nach der ersten Nummer mit seinem Teller absammelte, fragte ihn ein gutmütiger Glaubensgenosse ironisch, warum er gerade hier am Ufer des Meeres seine schönen Stimmittel verbrauche, wahrscheinlich wollte der Mann damit sagen, er brauche doch nficht wie Demosthenes an der Meeresküste das Tosen der ans Ufer schlagenden Welle» zu überschreien oder aber gar Kieselsteine in den Mund nehmen. Doch ohne jede Befangenheit und ohne Rücksicht auf seinen in der Hand haltenden Einsammlerteller meinte er schlagfertig: Je chant seulement pour ana gloire! Daß d;es im krassen Widerspruch zu seiner eifrigen Einsammlertätigkeft stand, "störte ihn wenig. In mir aber, als ich diesen Menschen und seine zahlreichen Gaffer anschaute, tauchten wie ein Schatten die Worte Goethes auf, die er ebenfalls auf seiner Italienreise schrieb: Je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, daß

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