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Die Wahrheit · 1926-02-05 · Heft 10 (5.2.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 10 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Otto Ernst Schmidts Abstieg. Von Max K o s 1 e r, Dresden. „Einantisemitischer Lorbeer wird mir — ach! — niemals grünen; ich möchte auch keinem Judenhetzer raten, mich zu loben; das könnte meinen Glauben an mich selbst wankend machen." Diese stolzen Worte kann man im „Buch der Hoffnung", Band IT des Schriftstellers Otto Ernst (Schmidt) lesen. Da findet man unter dem Kapitel „Ueber den Judenhaß" eine Häufung ausgezeichneter Charakteristiken der Judenhasser, die Herrn Schmidt sicherlich den unauslöschlichen Haß völkischer Leser zuziehen würden, wenn es die Angewohnheit völkischer Hirne überhaupt zuließe, ein „Buch der Hoffnung" einzusehen oder gar ein dermaßen häßlich über#chriebenes Kapitel zu lesen. Und nun ist Herrn Otto Ernst Schmidt Unheil .widerfahren; er wird seinen Glauben an sich selbst verlieren müssen; denn die Judenhetzer loben ihn. Noch viel schlimmer, er selbst ist v o i k i s c h e r Skribent geworden, wie die Nr. 200 des „Völkischen Beobachter" nachweist. Da wird dem „hochgeschätzten Dichter Otto Ernst" gern Raum gegeben für einige Spalten echtvölkischer Schreibübungen. Herr Professor E. Wölbe hatte die Unvorsichtigkeit begangen, Herrn Schmidt, dessen Schriftstellerei nach dem Urteile maßgebender Kritiker schon ein wenig kalkig zu werden anfängt, in bezug auf einige witzigseinsoilende antisemitische .Entgleisungen in seinem reuen Buche ernst zu nehmen und sich dagegen in vornehmer Weise im „Israelitischen Familienblatt" gewehrt. Jene drei antisemitischen Entgleisungen des Herrn O. E. in einem Abwehrartikel im „Familienblatt" unter die Lupe genommen zu haben, ist insofern verdienstvoll gewesen* als dadurch endlich einmal der Mann, der tat, als wäre er sachlich, Gelegenheit erhielt, seine judenhetzerische und reaktionäre Seite selbst zu enthüllen; denn wer die Geschmacklosigkeit begeht, in einem Blatte von der Sorte des „Völkischen Beobachter" zu schreiben, enthüllt sich unzweifelhaft als Antisemit. Dazu kommt noch die Art, w i e Herr O. E. in diesem Falle zu sichreiben für nötig hält. Da merkt man nichts von dem guten Geschmack, den man eigentlich von Autoren, die sich für bedeutend halten, erwarten dürfte. Herr Schmidt nennt Herrn Professor Wölbe, weil er sich mit E. W. gezeichnet hatte, in echt antisemitisch geschmackvoller Weise „Professor Ei Weih". Dieser Ton verläßt ihn bei seinen Ausführungen kaum mehr, abgesehen dort, wo er sich selbst beweihräuchert. Das Buchexemplar von O. E.'s „Buch der Hoffnung", das ich vor mir liegen habe, enthält eine Anzahl von Randbemerkungen, die ein alter Freund unserer Sache damals, als es erschienen war, mit Bleistift beigefügt hatte. Merkwürdig: An der Stelle, an der der oben von mir angeführte Satz des Verfassers steht, finde ich die Worte: „Na, na!" Und unser alter Freund hat recht behalten mit seiner Beurteilung des Herrn O. E. Schmidt; der greift jetzt freiwillig nach dem antisemitischen Lorbeer, den ihm zu reichen er sich in seinen jüngeren Jahren ganz entschieden verbeten hatte. Ich weiß, Herr O. E. wird sagen, man kann sich doch ändern, das ist doch keine Schände, es haben sich, so viele „entwickelt". Aber Herr 0. E. hat sich ja gar nicht entwickelt, er ist zurückgegangen. Wie soll man ihn charakterisieren? Keiner tat das je besser und niemand wird je den O. E. des völkischen Zeitungsstiles besser schildern, als der O. E. des „Buch der fiil Feuilleton Zerbrochene Tafeln des Gesetzes. Gott sprach zu Moses: Haue dir zwei steinerne Tafeln aus wie die ersten und ich werde auf die Tafeln schreiben die Worte, die auf den ersten Tafeln waren, die du zerbrochen hast. II, 34, 1 Eine alte Auslegung läßt Stammvater Jakob mit folgenden Worten seine Kinder ermahnen: „Ich bitte euch, seid bescheiden, denn es gibt nichts Schlimmeres als das mißgünstige Auge; die ersten Tafeln mußten zerbrochen werden, weil sie unter Lärm und Getöse gegeben wurden, während die zweiten, bei denen befohlen wurde, daß niemand mit hinaufgehen solle, Bestand hatten, und überdies ist auch Jerusalem wegen des mißgünstigen Auges zerstört worden." Die Offenbarung am Sinai war das großartigste Erlebnis, das Israel hatte, und die steinernen Tafeln mit den zehn Geboten waren sein kostbarster Besitz. Völker und Menschen mußten Hinblicken auf ein Volk, das einen geistigen Schatz besaß, der nicht seinesgleichen hatte; mußten wissen und hören, daß Israel erwählt war, das Kleinod Gottes zu hüten. Wer besitzt, dem folgt das böse, mißgünstige Auge. Wer besitzt, lerne darum bescheiden sein, um das böse Auge nicht zu reizen. Bei den erstem Tafeln war der Fehler, daß sie mit Pomp unter Begleitumständen gegeben wurden, die Auge und Ohr zum Aufmerken zwangen und dem bösen, neidischen Blicke Macht geben mußten. Darum lassen die alten Weisen auch noch Gott selber Israel warnen: „Es gibt nichts Besseres gegen die Macht des bösen Auges als Bescheidenheit." Sie ist eine Sdhufewehr gegen alle Gefahren, die aus Neid und Mißgunst entstehen, und Gott der Herr hat danach gehandelt, als er sich im Dornbüsche, dem ärmlichsten und niedrigsten Strauche, dem Moses offenbarte und für die Gesetzgebung den Sinai wählte, der an Höhe und Größe hinter den anderen Bergen weit zurückstand und schließlich seiner Thora den Namen „Thora Moses" gegeben hat, weil Moses, bescheiden und demütig, sich selbst der großen Aufgabe für unwürdig gehalten. Als nun Moses, voll Zorn über die Entartung seines Volkes, die steinernen Tafeln mit den göttlichen Worten am Fuße des Berges zertrümmerte, habe ihm Gott der Herr — so heißt es im Talmud — zugerufen: „jejascher koohacho", „Gesegnet Deine Kraft, daß Du die Tafeln zerbrochen hastf', und das Wort: „Die Du zerbrochen hast," das Gott sagt, da Moses den Befehl erhält, zwei neue Tafeln wie die ersten herzustellen, sei kein Tadel oder Vorwurf, sondern 'ein Lob für Moses, weil er mit dem Zerbrechen der Tafeln etwas Verdienstliches getan hat. Denn nichts vermag mehr alle Demut und Bescheidenheit aus den Herzen zu tilgen, als wenn das „goldene Kalb" zum Gott erhoben wird, die Menschen das Gold göttlich verehren und anbeten. Es ist und bleibt der Götze aller Begierden und „Gelüste., des Besitzes und der Habsucht, der glänzende Punkt auf den das neidische, mißgünstige Auge beharrlich gebannt hinbliokt. Der „Tanz um das goldene Kalb" ertötet jede wahre .Bescheidenheit und erzeugt eineH Taumel, in dem aile Augen im bösen, neidischen' Blicke trunken erglänzen. Wer dem goldenen Kalbe dient, wird die steinernen Tafeln vom Sinai, auf denen geschrieben! stand: ..Du sollst nicht gelüsten" —niemals brauchen können, niemals in Ehren halten. So hat sie Moses nicht in blindem Eifer zertrümmert, sondern in gerechtem, heiligen Aufwallen1, und Go.tt hat ihm1 das Lob gespendet: „jejascher koohacho". „Gesegnet Deine Kraft". Wie aber dieses dem goldenen Kalbe dienende Volk dadurch Sohuld trug» daß seine göttlichen Tafeln zertrümmert würden, so ist auch mancher selber schuld, daß sein Werk m Trümmer geht, seine Leistungen in Stücke geschlagen, zerstört und vernichtet

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