Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 9 (26.2.1926)
- Date
- 1926-02-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 £)!£ WAHRHEIT Seite U wackeren Hermannssöhne, die stolzen Nachkommen der Nibelungen, wollten offenbar durch diese Heldentat den Beweis erbringen, um wieviel die Enkel Siegfrieds höher stehen als die Nachfahren Juda Makkabis. Dieser Beweis ist ihnen zwar nicht voll gelungen, wohl aber haben sie einen neuen „schlagenden" Beweis für jenes fundamentale biologische Gesetz erbracht, daß jedes Lebewesen, ja jedes Organ nur in der ihm arteigenen Weise zu reagieren vermag. Nach Schluß der Vorstellung wiederholten sich die Anpöbelungen der Besucher, die Schauspieler wurden sogar beim Verlassen des Hauses derart mit Steinen beworfen, daß sie von der Polizei geschützt werden mußten. Im ganzen worden 15 Demonstranten verhaftet. Es wahrlich nicht der Stinkbomben bedurft, um zu zeigen, daß di'e Zustände, die ein wüster Radauantisemitismus in Oesterreich geschaffen hat, zum Himmel stinken. Die verweigerte Unterschrift am Versöhnungstage. Die Frage, ob ein jüdischer Angeklagter verpflichtet, ist, an einem hohen Feiertage, an dem ihm das Schreiben verboten ist, eine gerichtliche Zustellung zu übernehmen und zu unterschreiben, beschäftigte vor kurzem das Kreisgericht Wiener-Neustadt. In einem Ehrenbeleidigungsprozeß, der vor dem Bezirksgerichte G1 o g g n i t z stattfand, wurde einem jüdischen Ingenieur die Ladung zur Verhandlung' am Versöhnungstage zugestellt. Da dieser orthodoxer Jude ist, weigerte er sich selbstverständlich, am höchsten jüdischen Feiertage das Religionsverbot zu verletzen und den Rückschein zu unterschreiben. Sicher hätten auch viele nicht strenggläubige Juden in diesem Falle nicht anders gehandelt. Doch das Festhalten an den heiligsten Geboten der Religion wurde dem der Ehrenbeleidigung angeklagten Ingenieur zum Verhängnis. Da nämlich im Strafverfahren eine Hinterlegung der Vorladung bei der Post nicht zulässig ist, fand die Verhandlung in Abwesenheit des Beschuldigten statt und dieser kam so um die Möglichkeit, seine Interessen wahrzunehmen und einen Wahrheitsbeweis zu führen. Er wurde nun ohne Anwendung irgend eines Milderungsrechtes mit Rücksicht auf sein Nichterscheinen zu einem Monat strengen Arrest verurteilt.- Der Rechtsfreund des Verurteilten Dr. Isidor Engelstein suchte nun die Aufhebung des Kontumazurteiles zu erwirken. Doch seine Bemühungen waren bisher vergebliche. Das Bezirksgericht G1 o g g n i t z hat den Einspruch gegen das Urteil verworfen und nun hat auch das Kreisgericht Wiener Neustadt den Rekurs gegen diesen Beschluß abgewiesen. Dr. Engelstein wird nunmehr beim Verwaltungsgerichtshofe eine Aufhebung des Kontumazurteiles und eine Wiederaufnahme des Prozesses zu erwirken trachten. Die Entscheidung wird deshalb von prinzipieller Bedeutung für die Rechtsstellung der Staatsbürger jüdischen Glaubens sein, weil eine Entscheidung in der Frage, ob ein Jude gezwungen werden kann, ein Religionsverbot übertreten, bisher noch nicht erflossen ist. Es steht zu hoffen, daß die Entscheidung dieses Gerichtshofes so ausfallen wird, als Recht und Billigkeit erheischen. Denn das Gesetz, welches Religionsstörung aufs strengste bestraft, kann unmöglich Re- Iigfons Verletzung zur Pflicht machen; es kann nicht gleichzeitig die religiösen Gefühle der Angehörigen aller Konfessionen durch seine Autorität schützen und den frommgläubigen Juden in eben denselben religiösen Gefühlen auf das schwerste verletzen, indem es ihn zwingt, ein Gottesgebot zu übertreten. Das »gute Buch". Unter diesem Titel erschien eine Sonderausgabe der „Thüringer Allgemeinen Zeitung" (Erfurt). Ein Inserat der Verleger Artur Dinters, das quer über die zweite Seite geht, beginnt mit diesen Sätzen: „Der bekannte Volksschriftsteller Dr. Artur Dinter hat es unternommen, die brennenden Zeitfragen in der volkstümlichen und spannend-unterhaltsamen Form des Zeitromans, zugleich aber wissenschaftlich wohl begründet, dem deutschen Volke nahe zu bringen. Die hohen Auflagen beweisen den Erfolg der Bücher. Sein neuestes Werk „Das Evangelium unseres Herrn und Heilands" ist zurzeit Gegenstand sowohl höchster Anerkennung wie auch heftigster Befehdung in Theologen- und Laienkreisen." Die Redaktion bespricht auf der dritten Seite den „bekannten Volksschriftsteller" so: „Dr. Artur Dinter hat es unternommen, die brennenden Zeitfragen in der volkstümlichen und spannend-unterhaltsamen Form des Zeitromans zu bringen. Die hohen Auflagen beweisen den Erfolg der Bücher. Sein neuestes Werk, ,Das Evangelium unseres Herrn und Heilandes', ist zurzeit Gegenstand ..sowohl höchster Anerkennung als auch heftigster Befehdung in Theologen- und Laienkreisen." — Diese schöne Uebereinstimmung von Inserat und redaktioneller Kritik zeigt, daß das Blatt vom Wesen eines guten Buches dieselben Vorstellungen hat wie von dem einer — guten Zeitung. Von Woche zu Woche Israelitischer Gottesdienst. Am Samstag, den 27. Februar d. J., um 3 Uhr nachmittags, findet der Jugendsottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks- Synagogen des I., II., und IX. Bezirkes sowie in der Toynbee- Halle, XX., Denisgasse 33, statt. Ferner wird für die reifere Jugend und die Gemeindemitglieder am Freitag, den 26. d. M., um 7 Uhr abends, ein zweiter Gottesdienst in der Synagoge des I. Bezirkes abgehalten. Generalversammlung. Der Verein zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder für den 16. und 17. Bezirk hielt am Sonntag, den 21. Februar im großen Saale des Vereinshauses, XVI., Wurlitzergasse 11, die diesjährige ordentliche General- Versammlung ab. Der Präsident des Vereines Herr Direktor Benno Kahane begrüßte die erschienenen Gäste und Mitglieder und hielt vor Eingehen in die Tagesordnung den im abgelaufenen Jahre verstorbenen Mitgliedern einen tief empfundenen Nachruf. Nach der Verlesung des Protokolls der letzten Generalversammlung erstattete der Obmann der Ausspeisungs-Sektion Herr Emanuel Donat einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Vereines und bemerkte besonders, daß der Vorstand trotz der ungünstigen wirtschaftlichen Lage dank der Opferwilligkeit der Mitglieder und Gönner die Mittel aufzubringen vermochte, um 120 Kinder und 25 erwerbsunfähige Personen zu verköstigen. Der Redner dankte dem gesamten Vorstande und allen Mitgliedern für die tatkräftige Unterstützung und rühmte die großen Verdienste der beiden Vorstandsdamen Charlotte W e g 1 e r und Regina U n g v a r y. Namens der Revisoren erstattete Herr Dr. Max Paschkes den Bericht und wurde über dessen Antrag dem Vorstände einstimmig das Absolutorium erteilt. Der Obmann der Bezirkskommission Herr Leopold S i t z m a n n sprach dem Vorstande, für seine segensreiche Tätigkeit den ganz besonderen Dank aus. Das durch seine langjährige charitative Tätigkeit besonders verdienstvolle Vorstandsmitglied Herr Samuel Neumann wurde unter allgemeiner Zustimmung zum Ehrenmitglied ernannt. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl wurden die ausscheidenden Vorstandsmitglieder per Akklamation wieder- und die Herren Adolf Keßler und Max N e uh a u s e r neugewählt. Verein der Kinderfreunde zur Bekleidung anner Schulkinder für den XVI. und XVII. Bezirk. Dieser, seit 45 Jahren überaus segensreich wirkende Verein veranstaltete, wie alljährlich. Mittwoch, dem 17. Februar 1926, in Gschwandners Saallokalitäten, zugunsten armer, frierender Schulkinder, unter der vortrefflichen Leitung seines bewährten Obmanmes des Herrn Rudolf Urbach eine Wohltätigkeits-Maske n- R e d o u t e. Von offiziellem Persönlichkeiten waren erschienen die Herren Nationalrat Zelenka, Bezirksvorsteher Haid 1, die Gemeinderäte Jenschik, Müller, Schon und Wimmer, der Obmann des Fürsorgerates Bezirksrat Reinhard t, der frühere Obmann des Vereines Medizinalrat Doktor A. Hauser, für die BezSrkskomrnission der Israelitischen Kultusgemeinde Obmann L. S i t z m a n n, für den Bethausvorstand und Tempelbauverein Ottomar K a t z. für den Verein zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder die Vizepräsidenten S. D e u t s c h und J. S a 1 a m o n, für den Frauenverern die Vizepräsidentin Frau Rosa K1 a w i r, für den Verein Greisenschutz <ter Kassier Robert Beck, für die Zionistische BezirksseMon Dr. B o h i n sowie eine Anzahl Vertreter charitativer Vereine der Bezirke XVI und XVII. Eine exklusive Gesellschaft füllte den großen Festsaal und war die Stimmung eine äußerst animierte. Der rührige Vorstand, welcher es erreicht hat, daß in seinem Wirkungskreise kein jüdisches Schulkind zufolge Mangel an Bekleidung und Schuhen dem Unterrichte fernbleiben muß, kann mit dem Erfolg der überaus gelungenen Veranstaltung, bei der die Kapelle des Inf.-Reg. Nr. 2 (unter persönlicher Leitung des Herrn Kapellmeisters Thann) konzertierte, nach jeder Richtung hin zufrieden sein. H. Auszeichnung. Herr Jakob Holz er, Inhaber der gleichnamigen Goldkettenfabrik, wurde vom Bundespräsident Doktor Michael Hainisch taxfrei zum Kommerzialrat ernannt. Der Ausgezeichnete ist seit vielen Jahren Mitglied der Bezirkskommission der Kultusgemeinde für die Bezirke XVI. und XVli. und wegen seiner hervorragenden menschlichen Eigenschaften, insbesonders wegen seiner großen Opferfreudigkeit für jüdische Zwecke allgemein geschätzt. Kommerzialrat Holzer zählt seit Jahren zu den rührigsten Vorstandsmitgliedern des Vereines „K i n d e r f r e u n d e" zur Bekleidung und des Vereines zur Ausspeisung armer jüdischer Schulkinder des XVI. und XVII. Bezirkes.