Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 9 (26.2.1926)
- Date
- 1926-02-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 0__DIE WAHRHEIT___Seite 1 mußte, späterhin dem Judentum in noch verstärktem Grade angetan hat. Nach der Anschauung der Bibel soll auch der Sklave als Mensch betrachtet und demgemäß behandelt werden; so erstreckt sich beispielsweise das Gebot der Sabbatruhe auch auf ihn. Von manchen judenfeindlichen Theologen wurde da die Frage aufgeworfen, warum die Bibel die Sklaverei nicht überhaupt verboten habe. Da zeigt sich wieder das tiefe psychologische Verständnis, der durchaus auf dem Boden der Tatsachen fußende Geist der jüdischen Religion. Ein allgemeines Verbot der Sklaverei wäre in jener Zeit ein Ding der Unmöglichkeit gewesen und so begnügt sich die Bibel damit', diese damals herrschende Einrichtung so menschlich zu gestalten, als dies nur überhaupt möglich war. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Die Wiener antisemitischen Blätter haben nach der Verurteilung des Mörders SeMl ihrem Bedauern darüber Ausdruck 'verliehen, daß die intellektuellen Urheber dieses Verbrechens, die wahren Schöpfer der Mordatmosphäre der Strafe entgangen sind. Sie knüpfen daran den Wunsch, daß diese Strafe sie doch noch nachträglich ereilen möge. Nie wurde noch ein solch selbstmörderischer Wunsch ausgesprochen und man darf daher wohl sagen, daß nie ein Bedauern den Gipfel dieser Heuchelei überragt hat. Wenn es in Oesterreich gesetzlich geboten wäre, gegen die Bekenner der jüdischen Konfession eine mörderische Hetze zu betreiben, die antisemitische Presse hätte dieser Aufgabe unmöglich begeisterter und hingebungsvoller sich widmen können, als sie es wochenlang vor der Veranstaltung des Zionistenkongresses getan. Wenn schamlose Lügen und brutale Aufreizungen genügen würden, um in betörten Menschen die Neigung zum Dreinschlagen zu erwecken, so muß man bekennen, daß die Versuche hierzu in überreichem Maße erfolgt sind. In Wort und Schrift wurden die wehrhaften völkischen Verbände aufgefordert, kein Mittel ungebraucht zu lassen, um die Schmach, die dem deutschen Wien angeblich durch diesen Kongreß angetan wurde, zu verhindern. In einer Zeit der größten Wohnungsnot wurde verzweifelten Menschen eingeredet, man wolle sie aus Wien herausdrängen, dafür aber „dreißigtausend Saujuden", von denen ein Großteil sich dauernd in Wien ansässig machen werde, zur Abhaltung des Zionistenkongresses einladen. Wahrhaftig, daß damals in der von den Bazillen des blutigsten Hasses verseuchten Luft Wiens nur ein einziger Mordbube sich zur Befriedigung seiner viehischen, aber parteipolitisch ungefärbten Instinkte animiert fühlte, wird für ewige Zeiten ein ehrendes Zeugnis für die Bevölkerung dieser Stadt bleiben. Die hakenkreuzlerische Presse wird aber mit ihrem nachhinkenden Bedauern und ihren nachträglichen Wünschen niemand enttäuschen. Nicht einmal ihre treuesten Anhänger. •i» ■$» * Die Heldentat der Grazer hakenkreuzlerischen Studenten hat bald eine glorreiche Nachfolge gefunden. Haben diese zur höheren Ehre des Deutschtums es zu vereiteln gewußt, daß arischen Beinen zum Neger-Jazz unter jüdischem Protektorate aufgespielt wird, so haben ihre nichtstudentischen Gesinnungsgenossen mit nicht minder verehrungsvollem Idealismus sich dagegen gewehrt, daß in dem deutschen Graz „die Makkabäer" aufgeführt werden. Oder meint man vielleicht die Bedeutung dieser Tat durch den Hinweis zu verringern, daß es sich nicht * um eine öffentliche Theatervorstellung, sondern um eine von Dilettanten zu wohltätigem Zwecke geplante Veranstaltung handelte? Ebenso unzulänglich ist der Einwurf, daß die „Makkabäer" Otto Ludwins das Werk eines großen deutschen Dichters sind. Das mag man den Leuten erzählen, die es auch glauben, daß Lessing, der seinen „Nathan" für jüdisches Geld geschrieben, nicht jüdischer Abstammung gewesen. Wohin würde es noch mit dem bedrängten Deutschtum kommen, wenn man sich ohne weiteres gefallen ließe, daß auf deutschem Boden jüdischer Makkabäermut seine dramatische Verherrlichung findet? Zum Glück gibt es noch antisemitischen Heldenmut, der das zu hindern vermag, und zwar mit Hilfe von Stinkbomben, der Waffe, die so ganz und gar ihrer Eigenart entspricht. Ist doch fast alles, was die Hakenkreuzler im Kampfe gegen die Juden sagen und schreiben, erstunken und erlogen. * * * Graf Bethlen, der erklärt hat, zur Verteidigung seiner Ehre den Kamnf bis aufs Messer führen zu wollen, ignoriert noch immer die blutigen Angriffe, die von seinen aristokratischen Standeserenossen Karolyi und PaiHavicimi und von den zahlreichen! christlichen Demokraten gegen ihn gerichtet werden. Krampfhaft klammert er sich noch immer an die Illusion, wenn auch nicht in Ungarn, so doch im Auslande die Fiktion aufrechterhalten zu können, daß es lediglich der Jude Vazsonyi sei, der in ihm den gefährlichen Schützer der Francsfälscher erblicke. Warum Graf Bethlen seine Ehre nur durch die Angriffe eines Juden bedroht fühlt, ist schwer erfindlich. Sicher aber ist, daß es der Ehre Ungarns kaum frommen könnte, wenn man es ihm im Auslände wirklich glauben würde, daß in Ungarn einzig und allein ein Jude es ist, der aufrichtig den Kampf gegen die Francsfälscher und ihre Beschützer führt. Es ist eine unverdiente Ehre, zu der Bethlen Vazsonyi verhelfen möchte, aber zur Ehre Ungarns sei es gesagt, man weiß es im Ausland ganz genau, daß Vazsonyi nur einer von vielen ist, die den Ministerpräsidenten nach Verdienst würdigen. # * * Den Kampf, den der ungarische Ministerpräsident dem Abgeordneten Vazsonyi bis aufs Messer ankündigte, hat der Rassenschützler Vannai alsbald bis zum Kampf mit dem Revolver erweitert. Dem Attentäter wurde sofort das in solchen Fällen allen antisemitischen Verbrechern gewährleistete Recht zuerkannt, sich als Wahnsinniger der Verantwortlichkeit für seine Tat zu entziehen. Merkwürdig ist nur, daß diesmal der Attentäter wirklich ein emeritierter Wahnsinniger zu sein scheint. Die Wahl eines Wahnsinnigen zur Vollbringung des Attentates auf Vazsonyi wäre aber nur ein Beweis für die Klugheit seiner Auftraggeber. Es hat sich bisher immer gezeigt, daß Schwierigkeiten zu überwinden waren, bis man geistesklare Verbrecher nach Verübung ihrer Tat zu Irrsinnigen ernennen konnte. War es nicht naheliegend, daß man sich gleich an einen Attentäter hielt, der sich schon auf erfreuliche psychiatrische Zeugnisse berufen konnte? Daß das Attentat auf Vazsonyi mißlang? Du lieber Himmel, das kann schließlich auch dem bewährtesten antisemitischen Bombenwerfer einmal passieren. Es ist ja ein Gück, daß in Ungarn die Revolver nicht immer zu den — Losgehern Zählern. Ego.