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Die Wahrheit · 1926-02-26 · Heft 9 (26.2.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 9 (26.2.1926)
Date
1926-02-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 Di£ WAHRHEIT Nr. 9 betätigen: „Gedenke, daß du ein Knecht warst in Aegypten." Pazifismus, Paneuropa u. dgl. sind Ideen, welche durch die gräßlichen 'Kriegsfolgen als einzige Rettung auch eingefleischten Chauvinisten mundgerecht werden müssen. Die Welt kann und darf nicht zuwarten, bis die Wunder der Technik, drahtlose Telegraphie, Radio u. a. sie zu einem einzigen Lande vereinen oder durch fernwirkende Gifte oder elektrische Ströme vernichten. Die Not der Zeit sollte uns eine Stimme nicht überhören lassen, welche in Bestätigung des alten Satzes „ex Oriente lux" der große und weise Inder Rabindranath Tagore in seinem „Nationalismus" betitelten Buche erhebt. Er warnt darin seine Landsleute bezeichnenderweise fast mit den Worten Güdemanns, der uns einmal predigte: „Lassen wir uns nicht das Kuckucksei der Nationalität in unser Nest legen, es wird nichts Gutes davon ausgebrütet." Tagore nennt den Nationalismus eine sehr schwere Gefahr. „Von einer Nation regiert und beherrscht, hätten die Inder trotz des Erbes ihrer Vergangenheit versucht, den Glauben in sich zu entwickeln, daß sie v i e 11 e i c h t auch eine politische Aufgabe haben. Aber sie sollten lieber selbst noch in des Verfolgers Rachen nicht aufhören, ihre ihnen vom Schicksal auferlegte Phicht zu tun und so durch Leiden und Mißerfolg bei jedem Schritt moralische Siege gewinnen; sie sollen nicht den Wunsch hegen, ihre ganze geistige riabe gegen den politischen Nationalismus einzutauschen und gegen eine Wahrheit kämpfen, die ihnen sagt, ein Land stünde höher als die Ideale der Menschheit." Wie greifbar sind hier die Parallelen mit unserem nationalen Problem! Und dieser große Weise dieses ebenso alten Kulturvolkes, das jetzt um seine Auterstehung ringt, empfiehlt ihm zu seiner Lösung eindrangiichst die Ueb er Windung des Nationalismus. Literatur. „Nationaljudentuin" von Dr. M. Güdemann, Wien, 1897. AL Flüigel: Exodus, Moses and the Decalogue legislaüon, Baltimore, 1910. A. Kaminka: Universalismus, und Nationalismus in der üesoaichte des Judentums (Vortrag). Ernest Renan — R. Tagore. Der Kultur w ert des Judentums. Vortrag, gehalten von Dr. Ismar Freund (Berlin). Die gewaltigen Umwälzungen, welche der Weltkrieg im Gefolge hatte, sind nicht zuletzt ein Prüfstein gewiesen für das, was wir Kultur nennen. Das schreckliche Erwachen, das die Menschheit betraf, war in erster Linie darauf zurückzuführen, daß wir uns so sehr wohlgefühlt hatten in der Atmosphäre der Scheinkultur, die uns umgeben hatte. Wir sind gewohnt, auch die üeschichte als eine Manifestation des göttlichen Waltens anzusehen, und so müssen wir uns die Frage vorlegen» was die furchtbaren Geschehnisse der letzten Jahre zu bedeuten haben. Das Gesetz von Ursache und Wirkung ist auch im Weltgeschehen maßgebend: Es gibt keine Strafe ohne Schuld, keine Sühne ohne Vergehen. Und doch hat auch das Schreckliche, das die Menschheit erlebt hat, nicht jene Klärung gebracht, die wir im Interesse des Kulturfortschrittes ersehnt haben. Als Begleiterscheinung des Erwachens nach dem Kriege erblicken wir mit Schaudern das Entstehen eines wahnsinnigen Judenhasses in den besiegten Staaten, eines Hasses, der uns direkt den finsteren Grüften des Mittelalters entstiegen zu sein schien. Wie schon oft, war der Jude auch diesmal das passende Objekt, auf das man alle Schuld wälzen könnte. Immer wieder mußte man es hören, daß der Jude der alleinige Nutznießer des allgemeinen Zusammenbruches gewesen sei, daß er Schuld an allem Elend trage, das uns betroffen hat, und noch vieles andere mehr. Man ging soweit, dem Judentum jeden Kulturwert abzusprechen, und leugnete die Leistungen desselben für den Fortschritt der menschlichen Kultur in Vergangenheit und Gegenwart. Das große Leid, das uns ob dieser maßlosen Judenhetze betroffen hat, möge wenigstens jene Früchte zeitigen, daß es uns zur Selbsteinkehr und Selbstbestimmung bringe. Wir müssen uns die Frage vorlegen, was eigentlich als „Kulturwert des Judentums" anzusprechen sei. Die erste mächtigste und tiefste Potenz des Judentums liegt auf religiösem Gebiete. Das Judentum war es, das Oer Menschheit die wahre Gottesidee gebracht hat. Das Wesen derselben kann in dem Satze zusammengefaßt werden: „Heilig sollt ihr sein, denn heiiig bin ich, der Ewige, euer Gott!" Das Wort „heilig" ist mit hlammenschrift geschrieben über allen Gesetzen des Jutentums, die Heiligung dies Namens Gottes durch die Heiligung des Menschen ist der Kern der jüdischen Gotteslehre. Das Auftreten der jüdischen Gottesidee bedeutet die revolutionärste Tat in der Religionsgeschichte, die wir uns vorstellen können. Die jüdische Gottesanschauung stand nämlich in krassestem Gegensatz zu den religiösen Anschauungen des alten Orient und selbst der griechischen und römischen Welt. Der Astartedienst und Jbaalskult waren eine Religion der Unsittlichkeit und. selbst hinter dem so sehr gefeierten antiken Schönheitskult verbarg sich tiefste Unsittlichkeit. Mit diesen heidnischen Anschauungen prallte die jüdische Religion, als eine Religion der höchsten Sittlichkeit, aufs schärfste zusammen. Die jüdische Gottesidee hat die Menschheit hinaufgehoben in eine höhere Sphäre und den Grund für unsere gesamte Ethik gelegt. Hätte das Judentum nichts anderes getan, als der Menschheit ihren Gott geschenkt, dann hätte es bereits mehr für diese geleistet, als alle anderen Kulturen zusammengenommen. Neben dem Gottesbegriff ist es der Begriff vom Menschen, den das Judentum geschaffen hat und der sich direkt vom Gottesbegriff ableitet Die Grundlage für den jüdischen Menschlieitsbegriff ist der Satz: „Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde". Wohlgemerkt: „den Menschen" und nicht irgendeinen bestimmten Menschen. Daraus folgt zwingenderweise, daß alle Menschen Brüder sind, da sie von einem Paare abstammen. Weil jeder Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, deshalb sind alle Menschen gleich und jeder Mensch, auch der ärmste und niedrigste, trägt den Stempel Gottes auf seiner Stirne. Der Begriff der Menschenwürde, der in dieser Anschauung gelegen ist, war also schon vor vielen tausend Jahren Gemeingut des Judentums. Aus der Tatsache der gemeinsamen Abstammung aller Menschen und noch mehr daraus, daß diese im Ebenbilde Gottes geschaffen sind, ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit folgende für das Verhalten der Menschen untereinander maßgebende Richtschnur: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du!" Die Nächstenliebe stellt demnach die Anschauung der jüdischen Religion, das beherrschende Prinzip dar. nach welchem die Menschenfrage geregelt werden soll. Deshalb kennt das Judentum auch keinen Rassen- und Nationalitätenhaß, heißt es doch weiter (III. B. M. Kap. 19): „Auch den Fremdling sollst du lieben, der in deinen Toren weilt!" Was dieses Gebot bedeutet, können wir daraus ersehen, daß nach den Anschauungen der damaligen Zeit der Fremde, also der nicht zum Stamme Gehörige, rechtlos und vogelfrei war. Für die Griechen, die doch sicherlich auf einer hohen Stufe der Zivilisation standen, war der Fremde schlechthin der „Barbar"; bei den Römern und Germanen war es ebenso. Selbst dem Volke gegenüber, das die, Juden aufs schwerste geknechtet und bedrückt hatte, selbst den Aegyptern gegenüber wird den Joiden zwar nicht Liebe, wohl aber Achtung zur Pflicht gemacht: „Du sollst den Aegypter nicht verabscheuen, denn du bist ein Fremdling gewesen im Lande Aegypten." Geradezu bewunderungswürdig ist die psychologische Feinheit, mit der das Gebot der Achtung gegenüber dem ehemaligen Unterdrücker begründet wird: „Auch du bist ein Fremdling gewesen, du weißt also selbst, wie furchtbar das Los des Unterdrückten ist" Das also ist die Anschauung des Judentums, das von seinen Feinden als rachsüchtig bezeichnet wird. In schärfstem Gegensatz zu dieser Auffassung steht die des Christentums, das als die „Religion der Liebe" bezeichnet wird und dieselben Leiden, die es selbst erdulden

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