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Die Wahrheit · 1926-02-26 · Heft 9 (26.2.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 9 (26.2.1926)
Date
1926-02-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Tm WAHRHEIT Nr. 9 Ueberwindung des Nationalismus. Eine zeitgemäße Betrachtung. Von Medizinalrat Dr. H. Haase. „Wie segensreich hätte der Zionismus wirken können, wenn er den Gedanken (an Zion) in seinem ursprünglichen religiösen Flußbette belassen und nicht in das nationale geleitet hätte." 1 (Gü de mann, unediertes Tagebuch.) Die Mission des Judentums besteht außer in dem Festhalten an dem Bekenntnis zum reinen Monotheismus, seinen Glaubensinhalt in der Wahrung und Befolgimg der mosaischen Sittenlehren, die im Dekalog und im Exodus niedergelegt sind; ferner der Herbeiführung der messianischen Völkerversöhnung und -Verschmelzung durch die allgemeine Anerkennung der Prinzipien der Bibel und der Propheten. „Wenn das Ideal der letzteren, daß nämlich Gott der Einzige und sein Name der Einzige sein wird, und das ethische Programm, das im zweiten Buche des Pentateuch niedergelegt ist, durchgeführt und in die Tat umgesetzt sein wird, dann wird und kann Israel ganz In der Menschheit untertauchen, da seine Aufgabe erfüllt und gelöst sein wird." (Fluegel.) Bibel und Propheten nötigen das Judentum zum Bekenntnis zum Universalismus und Kosmopolitismus, also Uebernationalismus. Beginnt doch die Bibel mit der Geschichte der Weltschöpfung, nicht etwa mit einer völkischen Genealogie; läßt sie darin doch alle Menschen als Nachkommen eines Eternpaares, als Ebenbilder und Kinder Gottes und Brüder erscheinen und weist den Nachkommen Abrahams durch Gott die Aufgabe zu, für die Menschheit ein Segen zu werden, daß durch sie das Heil für alle Familien der Erde gefunden werde. Selbst Salomo, der mächtige König des Landes der erfüllten Verheißung, betet anläßlich der Einweihung des Tempels: „Auf daß alle Völker der Erde Deinen Namen bekennen und Dich verehren wie Dein Volk Israel." „Aus diesen Worten fühlt man" (die übrigens das katholische Rom für die Franz v. Assissi-Feier sich zu eigen gemacht hat), sagt Beermann, „die glühende Sehnsucht nach jener Zeit, da die ganze Menschheit die jüdischen Heilswahrheiten anerkennt und in sich aufnimmt". Allein schon mit seinem Eintritt in die Weltgeschichte erkämpft Israel in einer ersten großen Revolution gegen das im Kastengeist verankerte Pharaonenreich sich Menschenrechte, die es fortan propagiert Bis auf ganz geringe Zeit einnehmende Epochen von Königen umd Kriegern ist unsere Geschichte eigentlich mehr Literatur- und somit Kulturgeschichte. Das beweisen unsere Psalmen, die Sprüche Salomons, das hohe Lied, die Sammlung des Kanon unter Esra und Nehemia, der Talmud und Maimonides, nämlich der mächtige Einfluß, welchen diese geistigen Schöpfungen auf die Fortentwicklung unserer religiösen Anschauungen genommen haben. Sind nicht sogar die Makkabäerkämpfe erst durch den von Antiochus ausgeübten Zwang zur Götzenanbetung, also aus dem religiösen Motiv entstanden? In der Kampf- und Leidensgeschichte des Judentums sind geistige Güter stets höher als materielle, Menschheitsinteressen höher als völkische gewertet worden. „Es war im Judentum der Volksbe griff stets nur durch den Gottesbegriffbe dingt" — sowie Völkisches und Religiöses in seiner Geschichte voneinander untrennbar erscheint. „L'oeuirei, ä laquelle ce peuple travaille est un royaume de Dieu; non une republique civile, une institutio universelle, non une nationalite ou une patrie" (E. Renan). Wenn Duboys-Raymond einmal von den Deutschen sagt: „Ihr Nationalgefühl " ist bewußter Kosmopolitismus, weil sie von der geistigen Höhe, auf der sie zu leben gewohnt sind, ringsum weit in die Welt zu schauen", so kann) dies wahrlich mit mehr Berechtigung von uns Juden behauptet werden. War doch1 unsere Kultur schon uralt, als nach der Völkerwanderung Deutsche und Romanen sich in Mitteleuropa konsolidierten. Schon in der Zeit der ersten größeren Diaspora, in den hellenischen Siedlungen an den Küsten des Mittelmeeres nennt Philo Israel den Priester für die ganze Menschheit, ein H i 11 e 1 lehrt als Quintessenz unserer Religion: „Handle gegen andere Menschen so, wie du willst, daß dir geschehe — so bist du Jude." Große Lehrer wie Rabbi Jochanan, E1 e a s a r u. a. wollten die große Saat der religiösen Idee in die ganze Welt ausstreuen, wie es P a u 1 u s für die der christlichen Lehren ausgeführt hat, die im Grunde doch nur jüdische gewesen waren. Innerhalb der arabischen Zivilisation des Mittelalters entfaltete sich die Philosophie des Judentums im arabischen Schriftrum, da das Hebräische als heilige Sprache galt, die nicht profaniert werden sollte. Maimoni des'- schrieb seine Hauptwerke arabisch. Nach der Niederreissung der Ghettomauern war die gegenseitige Beeinflussung von jüdischer und deutscher Kultur, die mit Mendelssohns Bibelübersetzung begann, in unaufhaltsamen Gang gebracht. ' i ' j ': Es liegt etwas von der ganz und gar unangebrachten Anpassung an die materialistischen Anschauungen, an das Freidenkertum der Umwelt, wenn wir gleichzeitig- Juden und Nichtjuden, d. h. Juden und Freidenker — eine contradictio in adjecto — sein wollen, wenn wir uns den nationalen Chauvinismus der Gegenwart aneignen, wenn wir unsere Prinzipien preisgeben, indem wir das rein Geistige gegenüber dem National-Irdischen hintansetzen. Wir müssen im Geigenteil entsprechend unserer ethischen Mission den Individualismus der Nationen aufzuheben helfen und auf die Vereinigung aller Menschen in eine Völkerfamilie hinarbeiten. „Den Entwicklungsgang von Humanität durch Nationalität zur Bestialität können wir durch unsere Erfahrungen während der letzten Jahrzehnte am besten am eigenen Leibe bestätigen und sollten gewarnt sein, ihn selbst mitzumachen." Wir nehmen an der Schaffung einer Heimstätte für die aus ihrer Heimat vertriebenen Glaubensgenossen nicht nur pflichtgemäß, sondern beigeisterten und herzlichen Anteil,. ohne jedoch einsehen zu können, warum dieselbe eine nationale sein muß. Nehmen wir einmal an, Napoleon I. hätte, als er in Aegypten stand, siegreich1 auch Syrien und Palästina besetzt und so wie er später mit seinem Diktat und Gesetzbuch' die Emanzipation geschaffen hat, dekretiert, daß dort eine Heimstätte für die Juden errichtet werde. Wer hätte damals auch nur im entferntesten an eine nationale Angelegenheit gedacht? Auch Englands Mandat wäre ohne da$-ominöse Wort „national home" nicht unwirksamer.

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