Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 9 (26.2.1926)
- Date
- 1926-02-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRtfgrT Nr. 9 verlesenen Tatsache von seiner einstigen Lebensrettung durch den Juden Mordechai den Haupt- und Mittelpunkt der ganzen Handlung sehen und erkennen, die nicht nur damals, sondern auch jedesmal am fröhlichen Purim uns die wichtige Lehre einschärfen und predigen will: Wahrheit bringt Erlösung. Ahasveros, der früher nichts eiligeres zu tun hatte, als auf die furchtbare Verleumdung Hamans von der Wert- und Bedeutungslosigkeit des „einen Volkes" für Staat und Reich sofort ihm jenes ganze Volk auszuliefern und sogar das als Gegenwert für dasselbe angebotene Silber Haman zu schenken; derselbe Ahasveros wird nun langsam seine Voreiligkeit und seinen Leichtsinn einsehen und die allmählich hervorschimmernde Wahrheit vor den lügenhaften und grausamen Behauptungen seines Ministers erkennen und erfassen lernen. Durch diese nun auf dem Wege sich befindende Wahrheit werden bald die allen Juden des großen Königreiches Ahasveros drohenden Unheilswolken sich zerstreuen, die schwarzen Lose sich in heitere verwandeln. Die von den Hamans, den Judenfeinden, gefaßten und vom König bereits bestätigten Beschlüsse und Erlässe werden zurückgezogen. An Stelle der Trauer wird Freude sein. Statt Weinen und Klagen Jubel und Jauchzen herrschen. Dies alles ob der, gleich dem Sonnenlichte aufgegangenen Wahrheit, die auch den so umnebelten und trüben Sinn des Königs zu erleuchten vermag. * . # * Ja, Wahrheit bringt Erlösung! „Wer da ein Wort, im Namen dessen;, der es gesagt, wiedergibt, kann der Welt Erlösung bringen, denn so heißt es: Es sagte Esther im Namen Mordechais." (Sprüche der Väter VI. 6.) Wer zur Wahrheit beiträgt, wer sie kündet und verbreitet, wer sie stützt und fördert, der hat ein großes Verdienst um die Erlösung und Befreiung, um das Wohl und Heil der Welt. Dies ist nicht bloß die Hauptlehre des Esther-Buches am Purim; dies ist auch die wichtige Lehre und Mahnung aus unserer ganzen glorreichen und ruhmvollen Geschichte. Wir Juden wollen und suchen die Wahrheit. Nichts anderes als das streben wir an. R. Simon, der große Mischnalehrer, zählt „zu den drei Dingen, auf denen die Welt beruht und welche ihre Säule urid Stütze bilden, die'Wahrheit." (Spr. d. V. I. 18.) Das Größte, das Höchste, das Erhabenste und Heiligste, was wir besitzen und woran wir glauben, es wird ihm das Eigenschaftswort des Wahren beigelegt. „Das Siegel Gottes ist Wahrheit." (Jomah 69). Von unserer heiligen Lehre preisen und rühmen wir jedesmal nach denn Lesen eines Absatzes Gott, „der uns gegeben hat die Thora der Wahrheit." Ja, die Wahrheit überhaupt, so heißt es bei unseren Weisen, sei die Thora. (Barach. 5, Abod. Zar. 4.) Für diese Wahrheit unseres Glaubens, unserer Lehre und unserer Religion haben wir die schwersten Martern erduldet, haben wir das Schrecklichste und Fuchtbarste über uns ergehen lassen. „Wir kamen ins Feuer und Wasser." Und warum? Weil die Wahrheit über uns und von uns auch nicht allen anderen Mitmenschen, allen unseren Nachbarstämmen und Völkern aufgegangen und zuteil geworden ist Wo denn, wenn nicht in diesem Uebel wäre der Grund und das Motiv für das Judenleid zu suchen? Man hat uns ja eigentlich nie recht gekannt und verstanden. Oder wollte es nicht. Fast immer wurden wir falsch beurteilt und zu unrecht abgeurteilt. Aus Unkenntnis oder auch aus bösem Willen. Unrichtige Einschätzung und Wertung, Ver- Der beliebte Mann. Der Jude Mordechai war der zweite uach dem König Achaschesterosch, groß unter den Jaden, beliebt bei der Mehrzahl seiner BrOder, suchte das Gute für sein Volk und trachtete nach Frieden für seine ganze Nachkommenschaft. Esther, 10, 3 Der letzte Satz der EstiierrolJe prägt sich dem Gedächtnisse des Lesers ein. Er ist sozusagen ein Nachruf oder der Text für ein Denkmail Mordechais und berichtet von einem jüdischen Manne, der auf der Stufenleiter bürgerlicher Ehren bis unmittelbar an den Thron emporstieg, der groß war bei seinen Glaubensgenossen und dessen Streben und Ehrgeiz dahin ging, für sein Volk Gutes zu suchen und nach Frieden für alle seine Nachkommen zu trachten. Diese beiden Tugenden können sich würdig seihen lassen neben jenen beiden Worten, die seine Stellung gekennzeichnet haben: „er war der Zweite nach dem König", „groß unter den Juden". Dieser Mann, der das Höchste erreicht hat, war Jude, blieb Jude und hatte das Gefühl für sein Volk durch den Aufstieg zur Höhe nicht verloren. Er ist nacht ehrgeizig und eigennützig, selbstsüchtig und berechnend geworden, sondern suchte das Gute für sein Volk, Frieden für seine Nachkommen. Mordechai war eine Liehtgestalt und sein Wirken Segen. Er ist ein Jude, dem das Judentum Dank schuldig ist und der durch das Urteil der Geschichte über jede Kritik und jeden Tadel erhaben ist. Dennoch steht in diesem Nachruf-Satze eines, das nicht übersehen werden darf: „Mordechai war beliebt bei der Mehrzahl seiner Brüder!" Dieser MordechaS war nicht allgemein beliebt, hatte nicht die ungeteilten Sympathien aller Juden; er war nur bei der Mehrzahl seiner BrüdeT beliebt. Der Talmud hat dies nicht übersehen, sondern dahin gedeutet, daß sich ein Teil des Rates von ihm absonderte, er im hohen Rate Gegner hatte. Deutlicher weist der bekannte, geistvolle Bibelerklärer Abraham ibn Esra bei den genannten Worten auf einewissenswerte Tatsache hin: es ist für einen. Menschen nicht möglich, bei allen beliebt zu sein. Die Beliebtheit ist etwas Schönes und Nützliches, ebnet viele Wege, öffnet geschlossene Türen, macht Schweres leicht, ist ein immer gern gesehener Gast, aber sie kostet viel. Sie kostet die Persönlichkeit, den Charakter, dlüe Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit des Menschen, denn sie zwingt, nicht immer der Sache ganz zu dienen, nicht immer nach dem Wohle des Ganzen zu streben, einer Ueberzeugung nicht unentwegt getreu zu bleiben, sondern einem „Götzen" Opfer zu bringen. Dieser Götze ist eben, die Beliebtheit selbst. Die Opfer sind, jedem etwas Liebenswürdiges sagen, stets wohlwollend Schemen, jedermann Freund sein, düe Menschen glauben machen, daß Anteilnahme an allem und allen einen erfülle, jedem festen Grundsatze ausweichen, mit jeder Partei und Richtung gehen u. dgl. Der Prediger Koheleth hat etwas anderes gesagt: „Gehe und iß in Freuden dein Brot und trinke mit gutem Mute deinem Wein, denn Gott hat bereits Wohlgefallen an deinen Werken." Es kommt nicht darauf an, ob man hier unten allgemein beliebt ist, sondern ob das, was man tut, vor Gott Wohlgefallen findet. Mordechai wollte mit dem, was er für sein Volk getan hat, dli'e Beliebtheit vor Gott erringen. Das bedingt, daß immer gewisse Menschen damit nicht einverstanden sind. Sagt doch schon der Talmud mit Rücksicht auf das so gern unterstrichene Lab aflgemeiiner Beliebtheit: „Steht ein junger Gelehrter in seiner Gemeinde in besonderer Beliebtheit, so rührt dies zuweilen nicht von seinen Vorzügen her, sondern, weil er sie in Dingen der Religion nicht zurechtweist." Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn der Dienst für die höchsten Güter, Glaube, Wahrheit, Recht und Pflicht unter die Losung der Beliebtheit gestellt wird und alles, was geschehen seil und muß, davon abhängig gelmacht ist, ob es-sich der allgemeinen Beliebtheit erfreuen wird oder nicht. Was Mordechai gekennzeichnet hat, war.„er suchte das Gute für sein Volk." Wer den Mensehen das wahrhaft Gute bringen