Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-02-26 · Heft 9 (26.2.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 9 (26.2.1926)
Date
1926-02-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063982--14364-3081919
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

österreichische Wochenstiirlft ihr ionische Interessen HU dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union deafschOsterretthlsdier Jaden" Redaktion und Administration: Wien MM.. Bclncs<raae *3. - Femruf 42-2-16 XL1I. Jahrgang Wien, 26. Februar 1926 Nummer 9 Wahrheit bringt Erlösung. Eine Purimbetrachtung von Rabb. Dr. M. G. Mehrer. Nach einer Sage soÜen vor der Erschaffung des Menschen die Engel darüber geteilter Meinung gewesen sein. Während sich die einen für sein Werden ausgesprochen, erhoben sich die Stimmen der anderen wieder gegen ihn. Der Engel der Wahrheit meinte: „Lug und Trug wird ja unter den Menschen herrschen, die Du, o Herr, zu scharfen gedenkst.'4 Deshalb könne er diesem -göttlichen Vorhaben nicht zustimmen. Trotz dieses Auftretens gegen die Menschenerschaffung hat dann der Mensch nicht Gleiches mit Gleichen vergolten und wollte an der Wahrheit keine Rache nehmen. Vielmehr haben die Menschen aller Zeiten und Zonen sich stets für die Wahrheit erklärt. Immer wieder und wieder, in alter wie in neuer Zeit, überall wo Recht und Gerechtigkeit herrscht wo Gesittung und Kultur sich findet, wird die Wahrheit geboten und befohlen. Von den urältesten Zeiten bis auf unsere Tage; fort und fort ist es das Ideal der Wahrhaftigkeit, das deneinzelnen Norm'en, Gesetzen und Vorschriften innewohnt. Es ist das Grundprinzip aller Lehren und Satzungen. Wahrheit; wer kann dich schätzen und würdigen! Wie schwer wird es zuweilen, den Schleier von deinem Bilde zu ziehen! Wie selten können und wollen die Menschen dich hören und vernehmen! Wie oft schon wurdest du doch nur vergebens gesucht! Wieviel Not und Schmerz wäre ferngehalten, wieviel Unheil beseitigt, wieviel Leid und Unglück erspart, hätte man dich rechtzeitig erkannt! Dieses rechtzeitige Auftauchen, diese im buchstäblichen und übertragenem Sinne bei Nacht und Nebel, wie ein Erlöser aufleuchtende und aufgekommene Wahrheit, ist ja auch — bei Lichte besehen — Grund und Ursache für unser seit jeher in so besonderer herzlicher Fröhlichkeit begangenes Purimfest. Diese am Purim so empfohlene und gebotene Freude, sie hat ja keine andere Ursache als eben nur in dem Umstände, daß in dem einstigen so großen, aus 127 Ländern bestehendem Reiche des Ahasveros die Wahrheit zutage getreten ist. Dies und nichts anderes ist auch heute noch, nach so langer Reihe der Jahre, Grund und Anlaß überall dort, wo unsere Brüder wohnen, „in jedem Geschlechte, in jeder Familie, in Stadt und Land" Purim in Wonne und Jubel zu verbringen. Schon ein flüchtiger Blick in die Megillath-Esther kann uns darüber belehren. * * * In jener wohlbekannten Geschichte, die uns das Buch dieses Festes, die „Rolle Esther" benannt, erzählt, darf wohl die Mitteilung von der Lebensrettung des Königs Ahasveros durch Mordechai nicht etwa als Nebenepisode betrachtet werden, sondern sie gehört mit zu den wichtigsten, den Gang der Handlung stark beeinflußenden Ereignissen. Vollends gar der Bericht zu Anfang des VI. Kapitels, von „jener Nacht", wo des Königs Schlaf gestört und er sich aus den „Gedenkbüchern" vorlesen läßt; dieses Ereignis ist es ja gewiß, das die Handlung zugunsten der Juden beeinflußt und fördert und durch welches allem voran im König selbst, der ja, nach der Meinung von Talmud und Midrasch, in seinem Judenhaß selbst jenen so sprichwörtlich gewordenen Haman übertrifft, eine Gesinnungsänderung sich vollzieht. Ganz entschieden gehört ja diese in „jener Nacht" dem Könige aus den Gedenkbüchern vorgelesene und seine ihm in Erinnerung gerufene einstige Lebensrettung durch den Juden Mordechai zu den wichtigsten Momenten aller so plastisch gezeichneten und ausführlich geschilderten Begebenheiten und Geschehnisse im Buche Esther. Nur mit Recht meinen daher schon unsere alten Weisen, man könnte die Megilla erst mit diesem VI. Kapitel, als dem Hauptereignis des großen, in dieser Geschichte geoffenbarten Wunders, zu lesen beginnen. (Meg. 19.) Von nun an vollzieht sich ja eine Wandlung im Denken und Sinnen des Ahasveros; durch die ihm in Erinnerung gebrachte Tatsache seiner Lebensrettung durch Mordechai wird er wohl ganz anders über alle Juden zu denken beginnen. Jetzt wird es wohl leichter sein, selbst diesen König, der doch durch übermäßige Klugheit und großes Denkvermögen nicht hervorragte, eines Besseren zu belehren und auch ihn, den nach der Tradition „einfältigen König" der Wahrheit näher zu bringen und von ihr zu überzeugen. Nicht das, was Haman ihm vorzumachen und beizubringen suchte, daß nämlich „das eine Volk, zerstreut und zersplittert unter die Völker, das Gesetz des Königs nicht halte und es dem König nicht dafürstünde, sie zu lassen", nicht diese böse Verleumdung sei richtig, sondern ganz das Gegenteil dieser Behauptung sei wahr. In Wirklichkeit war es ja Mordechai, der Jude, der seinerzeit sich so beeilte, durch Esther den König von dem seitens seiner Hofleute gegen sein Leben geplanten Attentat zu benachrichtigen und ihn vor diesen seinen Torhütern zu warnen. Mit dieser, also in jener Nacht aufgefrischten Erinnerung, verscheuchen die Strahlen der leuchtenden Wahrheit die Nebel der Dunkelheit und Finsternis im Kopfe des Königs. Auch hier beginnt es nun zu tagen. Bald wird es wohl Licht werden. Dies ist der dritte Akt in dem großen Drama. Von da an nimmt alles eine andere Wendung. Eine günstige Wendung. Daher können und dürfen auch wir jener früher erwähnten Auffassung nur beipflichten und in dieser dem Könige auf so merkwürdige Weise aus den Gedenkbiichern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.