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Die Wahrheit · 1926-02-19 · Heft 8 (19.2.1926) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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LUE WAHRHEIT | Theater, Kunst u. Literatur Gedächtnisrede auf Moses Malmonides. Sonntag, den 21. Februar (7. Adar) abends 6 Uhr findet im Saale des Vereines Nord-Ost, Wien IL, Taborstraße 21a, ein vom Maimonides-Institut veranstalteter Vortrag des Institutsleiters Herrn Rabbiner Dr. A. Kaminka über das Thema: „Moses Mai- Ttionides als geistiger Führer in unserem Zeitalter" statt. Sehna Stern: Der Preußische Staat und die Juden. 1. Teil Die Zeit des Großen Kurfürsten und Friedrich II. 1. Abteilung: Darstellung, 2. Abteilung: Akten. (Veröffentlichungen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums.) Berlin, C. A. Schwetschke & Sohn. 1925. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, daß mit einem derartigen Werk, wie dem vorliegenden, eine neue Epoche jüdisch-wissenschaftlicher Arbeit einsetzt. Es würde zu weit führen, wenn wir all das auseinandersetzen wollten, was gesagt werden müßte, um zu beweisen, daß ein großer Teil der Bücher, die heute über jüdische Geschichte veröffentlicht werden, wissenschaftlich nicht auf der Höhe stehen. Das unsterbliche Verdienst der Akademie für die Wissenschaft des Judentums ist es, jüdisch-wissenschaftliche Arbeit in ein System gebracht und jüdischen Menschen die Möglichkeit zur Arbeit gegeben zu haben. Man muß es heute mit aller Deutlichkeit sagen, daß heute alle die Werke Aber jüdische Geschichte, die wir besitzen, deswegen veraltet sind, weil sie mit irgendeiner Einstellung an die Darstellung herangegangen sind, sei es, daß ihre Absicht ein apologetische, sei es, daß ihre Absicht eine nationale ist. Auch Geschichte ist eine Wissenschaft mit ihrer eigenen Gesetzlichkeit, gegen deren Geist man sich versündigt, wenn man Späteres ,in Vergangenes hineinträgt. Was Selma Stern in diesen beiden Bänden geleistet hat, ist entsagungsvollste Gelehrtenarbeit. Viele Jahre hat sie die preußischen Staatsarchive durchsucht iind all das Material herausgeschrieben und gesammelt, was sich auf die Juden in der Zeit des Großen Kurfürsten und des ersten preußiscchen Königs Friedrich I. bezieht. Das Resultat wuchs ihr dann, man möchte sagen, von allein zu. Das Ergebnis ihrer Untersuchung läßt sich dahin zusammenfassen, daß der Begründer des brandenburg-preußischen Staates in den Juden ein vorzügliches Mittel sah, um seine Lande mit neuem wirtschaftlichen Geiste zu erfüllen und auf diese Weise die alten Rückstände aus der Zeit des Mittelalters zu beseitigen. Deswegen setzt er sich im Kampf mit seinen Ständen überall für die Juden ein, von denen er bald merkt, daß sie bei steigender Steuerkraft auch für das Land eine Quelle von Einnahmen bilden können. Judenverfolgungen aber würden das Huhn schlachten, das die goldenen Eier legt. Wiederum erkennen wir aus dieser Darstellung, die mit großem Geschick ale Werturteile vermeidet und nur einfach und schlicht das Aktenmaterial verarbeitet, wie falsch es ist, wenn man mit Schlagworten wie Philo- oder Antisemitismus an die Vergangenheit herantritt. Nüchternste Erwägungen wirtschaftlicher Art führten von Seiten der Staatsregierung zur Begünstigung der Juden und von Seiten der Stände zum Kampf gegen die Juden, denn alles, was im Lande bodenständig war, sah in dem Juden scharfe Konkurrenten. Die Betriebsamkeit, die ihn eignete, zwang auch die Deutschen zu einem schnelleren Tempo ihres Lebens. Man kann nur wünschen, daß es Seima Stern vergönnt sein möge, die vorliegenden Untersuchungen kasch vorwärts zu führen und sie bis auf die Gegenwart aus zuaehnen. Der Akademie für die Wissenschaft des Judentums aber müßten so viele Mittel zuströmen, daß sie in der Lage wäre, eine solche Anzahl von Hilfsarbeitern anzustellen, um die Aufgabe, die hier für Preußen erstmalig zu lösen versucht wird, auch für alle anderen Staaten zu lösen. Dann wird die jüdische Geschichtsschreibung auf einem festeren Boden stehen. Dr. Willy Cohn. Cl. Brentano. Die Chronika des fahrenden Schülers. Umfassung. (Wolkenwanderer-Verlag, Leipzig. Halbpergament.) Der Verlagsname ist Programm. Ein Programm, das unserer an Romantik so armen Zeit viel verspricht und, wie das vorliegende Werk beweist, auch hält. In einer bibliophilen Ausgabe hat der Verlag Brentanos „Chronika" herausgebracht, die wir als das Glaubensbekenntnis des großen Romantikers bezeichnen wollen. Die farbigen Holzschnitte beleben die Dichtung, während Einleitung und literar-historische Bemerkungen das Original nciht beeinträchtigen. Das Buch wird Jedem Bücherfreund willkommen sein, ebenso wie das im Reichen Verlag, gleichfalls in bibliophiler Ausstattung, erschienene „Graf von Mylau" von Curt Mo reck. In «pischer Wucht finden wir hier die Bekenntnisse eines zweifachen Mörders vor seinen Richtern. Innerlich unschuldig doch durch die Tat schuldig, muß er sein Todesurteil hören. „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuld," in diesem Sinn klingt diese Verteidigungsrede, die doch Anklage wider die Ermordeten, aus. Packend und ergreifend hat uns ein wahrer Dichter hier ein Menschengeschick in seiner Tragik vor Augen geführt, das uns im Tiefsten erschüttert. Thomas G. Masaryk: „Das neue Europa'*. Deutsche Uebertragung von Emil Sandek (Berlin 1922. C. A. Schwetschke & Sohn). Dieses Buch ist interessant durch die Persönlichkeit seines Verfassers, es ist interessant wegen des aktuellen Problems, das heute mehr denn je zuvor gründliche Lösung fordert und doch in den Schlußfolgerungen Utopie bleiben muß. weil Politik kühl und leidenschaftslos mit Tatsachen rechnet, mit kleinlichem Parteigezänk, mit nationalem Fanatismus und mit ökonomischen Notwendigkeiten. Kein Wunder also, daß die Völker auf eigenem Terrain noch lange nicht friedlich beieinander leben, daß sie sich wirtschaftlich isolieren, statt die Schranken einzureißen und daß just Oesterreich heute einen harten Existenzkampf ausficht, der nur dann Erfolg verheißt, wenn die Wirtschaft und mit ihr die Vernunft über politischen Dilettantismus triumphiert. Die Völker sind frei, aber nicht reif geworden, sie haben die Herrscher verjagt, die Republik jedoch noch nicht begriffen und jede Form ohne Inhalt ist leer und wesenlos. Der harten Abrechnung, die Masaryk mit der Vergangenheit hält, kann man zustimmen und keinem Einsichtigen wird es beifallen, der Unterdrückung einer Minderheit durch eine zufällige Mehrheit das Wort zu reden, wenn auch die Praxis diese Methode auch heute noch oft und oft anwendet. Auch über die Frage der Kriesschuld wollen wir nicht diskutieren- Wir müssen uns mit allen Mitteln vor neuem Kriegsgreuel schützen und alle ohne Unterschied der Nation schamvoll unser Haupt verhüllen, weil wir Millionen eigensüchtigen Zwecken opferten. Den Menschen zu erhalten und zu veredeln, das ist unsere Pflicht, die ein Mann vom Range Masaryks zweifellos anerkennen wird. Politik ist Stückwerk, Anpassung an den Augenblick, hätten wir das verstanden und dadurch namenloses Elend verhütet, dann könnten wir uns einbilden, gute Politik gemacht zu haben. Vorläufig leidet die ganze Welt und die ideale Verbrüderung, die Masaryk ersehnt, ist ein schöner Traum. Dr. Otto Fröhlich. Süßkind: „Verbietet die Bibel den Fleischgenuß?" (Trier 1925, Fr. P. Ries, M. O. 75). Das Heftchen, eine Vegetarier- Werbeschrift, findet den Blutgenuß in der Bibel alten wie neuen Testaments unbedingt verboten, weil damit Blut zur Aufnahme gelangt, der Fleischgenuß durchschnittlich nur mit Ueberschreitung des 6. Gebotes möglich ist usw. Der Verfasser kennt die Bibel gut und seine Ausführungen sind lesenswert. R- Jack London: „Der Ruf der Wildnis" (See-Verlag, Konstanz). Ein Dichter vermag hier aus der Geschichte eines Wolfshundes ein Epos in Prosa zu schaffen, das den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile mitreißt. London wird Kipling als ebenbürtig an die Seite gestellt werden müssen, wenn man ihm gerecht werden will. Jascha Heiietz' musikalische Sendung. Jascha Heifetz, der Sohn eines armen Ostjuden, der die die Grundbegriffe der musikalischen Bildung von seinem ungebildeten Vater erhielt, ist heute einer der vollendetsten Interpreten der klassischen und modernen Musik. Heifetz, der erst vor kurzem itt Wien große Erfolge gefeiert hat. begnügt sich aber nicht damit, mit seinem wirtuosen Geigenspiel Ruhm und Reichtum zu erwerben, sondern bemüht sich auch um die Schaffung von Instituten zur musikalischen Erziehung der jüdischen Jugend. Unter seiner Leitung und unter Mitwirkung des bekannten jüdischen Musikers Godow s k y wurde in New York unter dem Namen „The jewish memorial conservatory in Palestine" ein Verein ins Leben gerufen, der sich den Aufbau und die Erhaltung eines hebräischen Konservatoriums in Jerusalem zum Ziel gesetzt hat. Der Verein verfügt bereits über die ansehnliche Summe von 2 Millionen Dollar und es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß das amerikanische Judentum, bei dem das Projekt großen Anklang gefunden hat, auch weiterhin die erfolgreichen Mittel beistellen wird. Heifetz betont ausdrücklich, daß er sich dabei nicht von zionistischen Prinzipien, sondern ausschließlich von musikalischem Interese leiten ließ. Nach Absolvierung einer europäischen Konzertreise durch England, Frankreich, Belgien, Deutschland, Holland, Italien, Ungarn usw. will er gegen Mitte April zusammen mit Godowsky in Palästina eintreffen, um die letzten Vorbereitungen zur Grundsteinlegung zu treffen.

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