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Die Wahrheit · 1926-02-19 · Heft 8 (19.2.1926) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Ht. 8 nähme einer Anleihe in der Höhe von eineinhalb Millionen Mark für Anlage eines neuen Friedhofes und andere Aufgaben erteilt worden. Der „Völkische Beobachter" regt sich über diese Angelegenheit unter obiger Ueberschrift mit folgenden Sätzen: „Freilich, für großartige jüdische Kultuszwecke haben die Regierungen der Novemberdemokratie immer offene Arme und — Beutel, für verzweifelnde hungernde Massen von Arbeitslosen im Notfalle höchstens — blaue Bohnen! Alles der Segen des „Sieges auf der ganzen Linie" am 9. November 1918!" — Das Münchener Hitler-Blatt hat unlängst, wie wir erzählten, den Zusatz „Tableau" zu einer Meldung für einen französischen Rabbinernainen gehalten, man kann diesen „Schriftleitern" also schon allerhand ,.Geistesschärfe" zutrauen. Für so minderbegabt, daß er nicht wüßte, wer in diesem Falle den Beutel zieht, kann man selbst einen Hitler-Redakteur nicht halten. Bleiben zwei Möglichkeiten: entweder der intelligente Merker war nicht ganz nüchtern (was in derartigen Redaktionsstuben keine seltene. Erscheinung ist) oder es handelt sich um ein unsagbar plumpes Fälscherkunststück, das einem für idiotisch gehaltenen Leserpublikum ohne eine Spur von Scham vorgesetzt wird. Nach der Losung: „Dafür gibt es immer — Lesevieh." Das billige Mandat. Auf Einladung von zionisticher Seite sprach in Berlin Sir Wyndham Deedes. der erste Staatssekretär der palästinensischen Regierung, über die Entwicklung. Palästinas unter dem Protektorat Englands. Unter den Anwesenden bemerkte man Prof. Albert Einstein sowie Vertreter von Reichs- und Staatsbehörden, ebenso namhafte Vertreter von Wissenschaft, Literatur und Presse. Der Gast sprach englisch. Er schilderte die Entwicklung des jüdischen Aufbaues in Palästina, den er drei Jahre lang als Chef der Zivilverwaltung miterlebt hat Es leben jetzt in Palästina 650.000 Mohammedaner, 80.000 Christen und 136.000 Juden. Die mohammedanisch-christliche Allianz gegen die Balfour- Deklaration ist schwach, weil sie nur negativ eingestellt ist. Die große Majorität der Araber lebt noch heute auf Pachtboden, dessen Besitzer die reichen Grundherren sind. So ist es leicht, den Fellachen einzureden, daß die Juden den Boden wegnehmen wollen. Wird den arabischen Bauern diese Furcht genommen, so wird auch seine Einstellung zu dem jüdischen Aufbauwerk eine ganz andere sein. Tatsache ist, daß in Palästina heute nur ein Drittel des Gesamtbodens bearbeitet ist Durch Urbarmachung kann noch sehr viel Boden gewonnen werden. Sir Wyndham Deedes ist überzeugt, daß die Juden imstande sind, das durchzuführen und so auch ein Menschheitsziel erreichen zu helfen. Damit kam der Redner auf den springenden Punkt: England kann die Sache nur fördern, die Geldmittel herbeizuschaffen sei Pflicht der Juden der ganzen Welt Mit einem Appell, diese Pflicht zu erfüllen, schloß der Vortrag. Prof Einstein fragte, ob das Aufbauwerk auch nach dem Aufhören einer Alimentierung von außen von selbst bestehen könne. Sir Wyndham Deedes antwortete, wenn Palästina aufgebaut ist, so sei durchaus sicher, daß das Land aus sich heraus seine Entwicklung nehmen wird. , . . Keine Amnestie für republikanische Publizisten in Deutschland? Aus Hamburg wird uns geschrieben: Im Oktober 1924 hatte der republikanische Publizist Walther Funder in einer Hamburger Wahlversammlung erklärt, der Hamburger Antisemitenführer Alfred Jacobsen (der Verteidiger Theodor Fritsch' im Warburg-Prozeß) habe vor vielen Jahren in einem Ostseebad ein tete-ä-tete mit einer reichen Jüdin gehabt und nach der Perfektion des später pleitegegangenen Planes einem Verwandten nach Berlin telegraphiert „Goldfisch gefangen", eine Methode, die Jacobsen bei einem hundertprozentigen Juden als ostjüdisch bezeichne. In dem späteren von Jacobsen angestrengten Beleidigungsprozeß wurde Funder unter Verzichtleistung der Beweisanträge Funders seitens des Gerichtes wegen formeller Beleidigung zu einem Monat Gefängnis, respektive entsprechender Geldstrafe verurteilt Jetzt teilt die Hamburger Senatskommission für die Justizverwaltung dem bekannten Hamburger Rechtsanwalt Dr. Urias, dem Verteidiger Funders, ohne Begründung mit, daß Funder nicht unter die sogenannte Hindenburg-Amnestie falle. — Die Art der Behandlung des Falles Funder hat in den republikanischen Kreisen Hamburgs eine große Erbitterung hervorgerufen. Werbet und verbreitet die „Wahrheit14! In letzter Stunde. „Union deutscliosterreichisctaer Juden." Der Vortrag, den Dr. Ismar Freund am 16. d. M. im Rahmen der Vortragsreihe der „Union deutschösterreichischer Juden" im Festsaale des alten Rathauses gehalten hat, war ein Ereignis von großeT Bedeutung für das Wiener Judentum. Dokumentierte sich doch darin d'ie innige Zusammengehörigkeit zwischen dler österreichischen und reichsdeutschen Judenschaft im allgemeinen, sowie zwischen den beiden hervorragendsten Organisationen derselben, der „Union deutschösterreichischer Juden" und dem „Zentralverein. deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". zu dessen hervorragendsten! Mitgliedern der Vortragende zählt. Wir könmen knapp vor Drucklegung unseres Blattes nur kurz über den gewaltigen Eindruck berichten, welchen der Vortrag wie nicht minder die geschätzte Person des Vortragenden auf alle Anwesenden gemacht hat. und behalten uns vor, eingehend auf den Inhadt des Vortrages zurückzukommen, da wir diesen für wert erachten, der breiten jüdischen OeffentlichkeSt bekanntgegeben zu werden. An den Vortrag schloß sich ein Abendessen im Restaurant T on el 1 o. welches die führenden Persönlichkeiten der Wiener Judensohaft an der Spitze der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Prof. Dr. A. Pick samt Gemahlin, sowie die Mitglieder des Vertreterkollegiums OberbauratWilhelmK empl er und Rechtsanwalt Dr. Josef T i c h o mit ihren Damen u. v. a. vereinigte. Auf eine Regrüßun'gsansprache des Präsidenten der ..Union". r> Jakob Ornsteün. sowie auf einen mit Geist und Humor gewürzten Toast des Herrn Rabbiner Dr. Max G r u nw a 1 d erwiderte der allseits gefeierte Ehrengast Dr. Ismar Freund in einer überaus geistvollen Rede, in der er nicht nur die Gemeinstmkeüten. die das deutschösterreichische und das reichpneiitsche Judentum miteinander verbinden, sondern auch die Ziele aufwies, die dem österreichischen Judentum im besonderen als Glied der Judienschaft deutscher Zuge gesteckt sind. Der Gesamteindruck des Vortrages sowie der anschließenden Feier war kurz zusammengefaßt der folgende: Mögen uns auch politische Grenzen von unseren reichsdeutschen Brüdern trennen, möge auch d!e derzeitige' Weltlage eine Vereinigung unseres Landes mit dem großen deutseihen' Reiche verhindern, im Geiste gehören wir zusammen, gemeinsame Gefahren, gemefosame Aufgaben vereinigen uns zu einer ideellen Gemeinschaft, welche keine staatliche Grenzen kennt. Das Attentat auf Wilhelm Vazsonyi. Der Anschlag, der am 16. d. M. auf den ungarischen Abgeordneten Wilhelm Vazsonyi verübt worden ist. wirft ein grelles Licht auf die Zustände, die; noch immer in Ungarn herrschen. Eine vor keiner Gewalttat zurückschreckende Horde menschlicher Bestien, dße schon viel unschuldiges Blut vergossen hat. darf dort noch ammer die Öffentlichkeit mit ihren schauderhaften Ausschreitungen Sin Angst und Schrecken, halten und das Ansehen des Landes vor dler ganzen gesitteten Weit in den Kot zerren. Während seilbst die Regierung diesen organisierten Mord^esellen machtlos gegenüber zu stehen scheint, hat einer den Mut besessen, offen und furchtlos diesen Schädlingen seines .Vaterlandes entgegenzutreten. Er hat vor aller Welt auf das eiternde Geschwür im Körper Unigarns hingewiesem und' sich weder durch Drohungen noch durch offene Gewalt davor zurückhalten lassen, das zu tun, was ihm seine Pflicht' gebot: Dies ist Dr. Wilhelm Vazsonyi. Was ist natürlicher, als daß gerade d.'eser Mann allen jenen unterirdischen, verhängnisvollen Riementen ein Dorn im Auge ist und daß sie förmlich einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt haben. Jetzt wird es sich erweisen, ob dfte Entrüstung Bethüens, die er im Abgeordnetenhaus gezeigt hat, echt war oder erheuchelt jetzt witrd es klar werden, ob Ungarn zu den gesitteten Staaten zählen darf oder nicht &cltes |. DOTC A 1

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