Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-02-19 · Heft 8 (19.2.1926) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063981--14355-3081909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 DIE W AHRHEIT Seite 9 Sätzen ihrer Vereinigung unterwirft: „Die Vereinigung kämpft", wie es in der am Schlüsse der Konferenz gefaßten Resolution heißt »gegen die in den letzten Jahren zur Herrschaft gelangte Tendenz der Einstellung des Zionismus auf rein wirtschaftliche Tätigkeit." Sie kämpft also gegen die einzig mögliche, die einzig vernünftige Form des Wiederaufbaues des Heiligen Landes. „Die Vereinigung kämpft ferner gegen die Politik der Verständigung mit den Nichtzionisten um jeden Preis." Sie will also den Kampf innerhalb der Judenschaft und nicht die Verständigung und stellt folgerichtig auch die „endgültige Lioaiidation des gegenwärtigen Projektes der Erweiterung der Jewish Agency durch Einbeziehung nichtzionistischer Elemente" als Forderung auf. Durch die Erfüllung dieser Forderung würde natürlich das Aufbauwerk in Palästina aufs schwerste gefährdet werden. „Die Vereinigung fordert die Führung einer entschlossenen und aktiven Politik innerhalb und außerhalb des jüdischen Lebens". Das bedeutet soviel, als daß die radikalen Zionisten. welche auch ..die Aufnahme des Kampfes gegen die Assimilation in allen Ländern' auf ihre Fahne gsechrieben haben. Mchtoolitik nicht allein in Erez Jisroel, sondern auch in allen übrigen Ländern im Sinne des entschiedensten Nationalismus betreiben wollen, ungeachtet der Folgen, die dies für das gesamte Judentum in- und außerhalb Palästinas haben könnte. Hier aber wird ihnen von allen ihrer Verantwortung bewußten und um die Zukunft des Judentums besorgten Juden ein mächtiges ..Halt!" entgegengerufen werden. Eine einzige vernünftige Forderung befindet sich in diesem Programm und diese wird durch die Politik gerade der radikalen Zionisten vollkommen illusorisch gemacht. Die Vereinigung fordert nämlich „die Ausgestaltung der Beziehungen der jüdischen Bevölkerung Palästinas zu der arabischen als beste Voraussetzung für die Anbahnung einer politischen Verständigung". In welchem Maße die Feindschaft und der Haß der arabischen Bevölkerung Palästinas gerade durch die Politik des jüdischen Nationalismus mutwillig heraufbeschworen wurde, hat Dr. Karl Löwenstein aus Aachen in seinem in der vorletzten Nummer der „Wahrheit" veröffentlichten Artikel ..Jüdischer Nationalismus und Judenhaß" in überzeugender Weise dar getan. Schließlich verlangt die Resolution ..die Schaffun g der Bedingungen für die gesicherte Entwicklung der freiheitlichen und weltlichen Lebens- und Kulturformen des palästinensischen Judentums". Dies bedeutet die Heranbildung eines areligiösen und gottlosen Geschlechtes im Heiligen Lande, die Preisgabe der heiligsten Güter des Judentums. Mit dieser Forderung werdendie radikalen Zionisten wohl selbst im zionistischen Lager nicht durchdringen können, es wäre denn, daß der Zionismus sich selbst untreu geworden ist.. Die Mehrheit der Juden, die treu am Glauben der Väter festhält, wird die Entweihung des Heiligen Landes mit aller Entschiedenheit zu verhindern trachten und es sich wohl überlesen, derartige Tendenzen durch finanzielle Zuwendungen für Palästinazwecke zu unterstützen. Mögen die Forderungen der radikalen Zionisten auch denen die Augen öffnen, die den Ausgeburten rohesten Nationalismus bisher gleichgültig gegenübergestanden sind, und sie erkennen lassen, daß wier hier an einem gefährlichen Abgrunde stehen. * Das Judentum steht auf dem Spiel! Kunze-Logik. Richard Kunzes Wochenblättchen bringt eine „historische Notiz", um zu beweisen, daß die Juden immer auf der Seite der Feinde Deutschlands waren. Zu diesem Zweck beschäftigt sich das Blatt mit der Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683. wo ungarisch-jüdische Handelsleute in das Türkenlager vor Wien gezogen waren, um im Falle der Einnahme der Stadt die Wiener Beute aufzukaufen. Daraus erlaubt sich das Blatt den Schluß auf eine deutschfeindliche Einstellung der Juden im Weltkrieg. Mit noch größerer Berechtigung mußte eine solche Logik auf einen Deutschenhaß der Bayern, die 1809 auf Seite Napoleons stritten, schließen! Hochschulterror. Mit keinem anderen Worte kann das Beginnen einer Gruppe deutschvölkischer Studenten bezeichnet werden, die xinlängst an der Handelshochschule trotz des Verbotes des Rektors einen Hörsaal mit Gewalt besetzt haben, um dort eine Protestversammlung abzuhalten, kein anderes Wort paßt für das Verhalten der Grazer deutschradikalen Studentenschaft die durch Drohung mit Gewalttätigkeiten die Absage des dortigen Juristenballes erzwungen haben, weil der Protektor dieses von der staatswissenschaftlichen Vereinigung der Grazer Hochschule veranstalteten Balles, der Dekan der juridischen Fakultät Professor Doktor Ehren zweig; ein Jude ist. Diese beiden Vorfälle, sind leider keine Ausnahmen, sondern nur zwei besonders krasse Fälle. Man kann ohne Uebertreibung behaupten, daß die österreichischen Hochschulen unter dem Terror der deutschradikalen, d. h. hakenkreuz- 1 e rischen Studenten stehen. Trotzdem diese nur eine Minorität unter der Studentenschaft darstellen, terrorisieren sie die Hochschulbehörden und die übrige Studentenschaft. Wo man sich diesem Terror nicht willenlos fügen will, da wird eben, wie obige Fälle zeigen, der Wille der hakenkreuzlerischen Studenten mit Drohungen oder nackter Gewalt durchgesetzt. Die Wiener Alma mater scheint allerdings bereits dem von genannter Seite ausgeübten Terror erlegen zu sein. Hier hat es die völkische Studentenschaft nicht notwendig, Hörsäle zu „erobern" oder widerrechtlich zu besetzen, da sie ihr von den Hochschuibehörden bereitwilligst zur Verfügung gestellt werden. Besonders bezeichnend ist die Tatsache, daß der berüchtigte Einpeitscher der hakenkreuzlerischen Studentenschaft K ö r b e r wenige Tage, nachdem er vom Rektor Gruntzel einen Verweis erhalten hatte, in einem Hörsaal der Universität abermals einen Lichtbildervortrag „Uebcr den Numerus clausus" halten durfte, der in einer beispiellosen Hetze gegen die jüdische Studentenschaft und das Rektorat der Handelshochschule bestand. Wir wissen nicht, ob der Rektor der Handelshochschule bei der eben stattgehabten Rektorenkonferenz seinen Kollegen von der Universität diesbezüglich interpelliert hat, immerhin ist die gegensätzliche Auffassung der beiden Herren von dem Zweck der Autonomie der Hochschulen bemerkenswert. Charakteristisch ist es auch, daß zu dem Lichtbildervortrag nur ..deutscharische" Gäste Zutritt hatten, was ein bei einer akademischen Veranstaltung in den Räumen der Hochschule ganz ungehöriges Verhalten ist. Ein weiterer Beweis für unsere Behauotung, daß die Wiener Hochschule dem hakenkreuzlerischen Terror erlegen ist, scheint das Verhalten zu sein, daß sie anläßlich der Wahlen in die ..Deutsche Studentenkammer" an den Tag legt. Diese „Deutsche Studentenkammer" ist ebensowenig eine Kammer der deutschen Studenten^ als die Hochschulautonomie noch eine Hochschulaiutonomie ist. Erstere könnte nur mehr als „Kammer der deutschvölkischen und deutschkatholischen Studentenschaft" bezeichnet werden, während letztere richtiger „Hochschulheteronomie" genannt werden müßte. An allen Ecken und Enden der Hochschule sind Aufrufe der völkisch-sozialen Blocks angeschlagen, die Hochschule wird mit Flugzetteln überschwemmt, welche die Studenten zur Abgabe ihrer Stimme für genannten Block auffordern. Unter den zehn Punkten, die das Programm der Hakenkreuzler bilden, ist der zweite von besonderem Interesse, weil er sich nicht mit hochschulpolitischen, sondern mit staatspolitischen Fragen beschäftigt. Dieser Programmpunkt lautet: „Staatsbürger kann nur sein, wer deutscharischer Abstammung ist." Dafür treten ein die Studenten: Wokrina, Kohaut (deutsch: Hahn). Bombsky, C z a d e k usw. Diese echten Hermannssöhne und ihre Ge^ nossen werden somit, wenn sie gewählt sind, den Hochschuibehörden gegenüber die „deutsche" Studentenschaft vertreten, obwohl ein Großteil der deutschen Studenten, nämlich alle freiheitlichen, demokratischen und sozialdemokratischen Hochschüler sowie sämtliche nichtvölkischen und nichtklerikalen Studenten diese Studentenkammer entschieden ablehnen. Trotzdem wird sich der Rektor mit dieser weder allgemein anerkannten noch gesetzlich fundierten Studentenvertretung an einen Tisch setzen und über Fragen, die alle deutschen Studenten angehen, verhandeln. Hierdurch ist ein Vorrecht zweier ganz bestimmter Studentengrunpen vor allen übrigen studentischen Vereinigungen und sämtlichen nichtorganisierten Studenten geschaffen, hierdurch hat die vollständig ungerechtfertigte Vormachtstellung der hakenkreuzlerischen Studentenschaft einen offiziellen Anstrich erhalten. Wir wiederholen nochmals, was wir bereits gesagt haben, um es allen, denen das Wohl und Wehe unserer Hochschulen am Herzen liegt, so stark wie möglich ein?uprägen: Die österreichischen Hochschulen stehen unter dem Terror einer Minorität der Studentenschaft, nämlich der deutschvölkischen Studenten. Manche, wie z. B. die Wiener Universität sind ihm bereits erlegen, andere bäumen sich noch dagegen auf. wie z. B. die Hochschule für Welthandel. Mit welchem Erfolg, das zeigt die widerrechtliche Abhaltung der hakenkreuzlerischen Versammlung in den Räumen dieser Hochschule. Ist es schon so weit gekommen, daß ein Herr Körber an den österreichischen Hochschulen eine Diktatur ausüben kann? „Dafür gibt eis immer Geld!** Der jüdischen Gemeinde in Frankfurt a. M. ist die Regierungsgenehmigung zur Auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.