Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-02-19 · Heft 8 (19.2.1926) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 8 (19.2.1926)
Date
1926-02-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063981--14353-3081907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr, 8___DIE WAHRHEIT Seite 7 desselben wenigstens vor der Welt dadurch abzuschwächen, daß er behauptete, Yazsonyi habe die gräfliche Hand geführt. Allsogleich aber folgte der zweite Streich, zu dessen Placierung sich die noch härtere Hand des Markgrafen Pallavicini sozusagen die linke Backe des Ministerpräsidenten erkoren hat. Der Markgraf richtet an den Grafen Hadliik, dier sich darüber verwundert stellt, weshalb sich jetzt nicht aillle anständigen Menschen in Ungarn hinter Bethlen stellen, einige Fragen. Unter anderem: Warum er sich nicht dlarüber wundere, daß Graf Bethlen vor seiner Genfer Reise nicht einen Stellvertreter über die Fälscheraffärte aufgeklärt hat. Weshalb er nicht dien Sektüonschef Pronay frage, wie der Wortlaut der Weisung war, die ihm Bethlen vor seiner Abreise erteilte? Warum er nicht frage, wann Graf Bethlen erfahren, womit sich die gesellschaftliche Vereinigung „Vaterlandsliebe" befasse? Die Fragen des Markgrafen Pallavicini sind dunkel, enthalten nur geheimnisvolle Anspielungen, aber klar geht aus ihnen hervor, daß sie furchtbare Anklagen und Beschuldigungen gegen Bethlen schleudern, für die dieser genügend Verständnis haben dürfte. Pallavicini meint schließlich, Graf Hadik würde, wenn er auf diese Fragen eine aufrichtige Antwort von Bethlen erhielte, diese zwar keineswegs für die Oerfentlichkeit geeignet erachten, aber dann begreifen, weshalb nicht alle anständigen Menschen hinter Bethlen stehen. Bethlen wird nicht ein zweitesmal das Spiel versuchen, auch hinter diesen Anspielungen Vazsonyis Hand erkennen zu wollen. In Ungarn gibt es viele jüdische Pächter aristokratischer Güter. Aber schließlich hat Vazsony nicht allein das Privilegium gepachtet, gegen die verbrecherischen Fälscher und ihren aufrichtigen Schützer aufzutreten. Zu den letzteren gehören übrigens auch einige, die zum Scheine die Rolle der Verfolger übernehmen mußten. Freunde von Recht und Gerechtigkeit werden in den letzten Tagen Gelegenheit gehabt haben, an zwei Verhandlungen zu erkennen, wie ungarische Richter dem hohen Ideale nachstreben, gesetzliche Strenge mit zarter Milde zu vereinen. In Budapest hatte sich ein freisinniger Journalist für die Behauptungzu verantworten, es sei eine Naivität, an die Unabhängigkeit ungarischer Gerichte zu glauben. Der Mann wurde wegen des Mangels an dieser Naivität zu — drei Jahren Kerker verurteilt. Eine besondere Milde leuchtet aus diesem Urteil! wohl nicht. Aber hören wir dias zweite. In Szegedin stand der vi'elbe währte antisemitische Journalist Lehel Kad'ar vor dem Richter, angeklagt der Aufreizung gegen eine gesetzlich anerkannte Konfession. Er hatte seiner Ueberzeugung in einer dieser Sprache angepaßten Sprache Ausdruck verliehen, daß man im Kampfe gegen die Juden von allen gesetzlichen, aber auch allen ungesetzlichen Mitteln Gebrauch machen müsse. Der Gute war wegen dieser Ueberzeugung schon fünfmal vor Gericht behelligt worden und wurde, da die Wiederholung eines Deliktes als Erschwerungsgrund gilt, diesmal zu — einem Monat Arrest verurteilt. Man wird dieses Urteil nicht allzu streng finden. Aus der Gegenüberstellung der beiden Strafen kann vielmehr jeder sehen, was Strenge und was Milde ist. Ego. Wahrheiten vom Tage Die Prügelknaben. Es war eine sehr stürmische Sitzung der Wiener Arbeiterkammer. Denn zur Verhandlung stand ein sehr kritischer Punkt, die Mietenfrage. Es kam zu heftigen Zusammenstößen zwischen der sozialdemokratischen Mehrheit und den Vertretern der christlichen Gewerkschaften, an denen auch die Galerie teilnahm. Die Galerie, die anwesende sowohl als auch die nichtanwesende, scheint ja überhaupt derjenige Faktor gewesen zu sein, um derentwillen das herzerhebende Schauspiel in den Räumen der Arbeiterkammer — man möchte fast sagen — arrangiert worden ist Man ist es ja in Oesterreich gewöhnt, daß ernste wirtschaftliche Probleme — und die Mietenfrage ist sicher ein solches — nicht vom Standpunkte der Sachlichkeit, sondern von dem der Parteidemagogie behandelt werden. Nicht ernste ökonomische Erwägungen, sondern für den Wählerfang geeignete Schlagworte bilden dann den Inhalt der auf möglichst tiefem Niveau stehenden Debatten; man spricht zum Jhenster hinaus, damit auch die entferntere Galerie es hören kann. Nun weiß jeder gelernte Oesterreicher, daß es hierzulande kein wirksameres Schlagwort gibt als „dar Jud'\ welcher bekanntlich an allen schuld ist. Deshalb haben sich beide Parteien dieses Schlagwort gegenseitig an den Kopf geworfen, wobei sie sich gegenseitig in antisemitischer Gesinnung übertrumpfen wollten. Kammerreferent Dr. Mein dl, der Sprecher der Sozialdemokraten, bezeichnete Dr. Seipel als den Anwalt der Hausherren von Tarnopol und Drohobycz. Doktor He mala, der Redner der Christlichsozialen, replizierte prompt auf den sozialdemokratischen Angriff, indem er der sozialistischen Gemeindieratsmehrheit zum Vorwurf machte, sie habe Tausenden von Bürgern aus T a r n o p q 1 und Drohobycz das Heimatrecht verliehen. In diesem Tone ging die Debatte lustig weiter und nach dem bewährten Grundsatze: „Haust du meinen Juden, hau' ich deinen Juden!", suchten die Redner beider Parteien sich gegenseitig zu beschimpfen. Wer ist der Leidtragende in diesem Parteikampfe? Es ist derselbe, der auch in einem viel größeren Kampfe, nämlich dem zwischen Oesterreich und Rußland zuerst zum Handkuß gekommen ist, es ist gerade jener ostgalizische Jude, der vor den russischen Kosakenhorden nach Wien geflüchtet ist und nach dem Verluste all seines Hab und Gutes sich eine neue Existenz zu erringen trachtete. Die „Hausherren von Tarnopol und Drohobycz" sind demnach nicht die Besitzer jener armseligen, oft von Granaten zerschossenen Hütten in diesen beiden galdzischen Kleinstädten, sondern die „reichen Besitzer der Ringstraßenpalais und Cottagevillen*'. Das möchte man nämlich gerne dem Volke einreden und vergißt dabei ganz an die vielen christlichen Hausbesitzer, die nur auf den Moment warten, um frei von jedem gesetzlichen Zwange ihre christliche Nächstenliebe den Parteien ihres Hauses voll und ganz beweisen zu können. Tarnopol und Drohobycz sind — das ist bezeichnend für das tiefe Niveau unseres politischen Lebens — zu den Schlagwarten geworden, mit denen man in Oesterreich Politik betreibt, und keine der beiden großen Parteien, die das politische Leben in unserer Republik lenken, glaubt auf diese so wirksamen Kampfmittel verzichten zu können. Das Traurige an der Sache ist, daß es noch immer Juden gibt, die diesen so offen die Judenhetze betreibenden Parteien Gefolgschaft leisten. Dies gehört ebenso zu den österreichischen Unbegreiflichkeiten wie de Rolle, die die Städte Tarnopol und Drohobycz in der Mietenfrage zu spielen haben.** Der innere Kampf im amerikanischen Judentum dürfte auch für die Aufbauarbeit in Palästina nicht ohne schwerwiegende Folgen sein, was um so bedeutsamer ist, als die amerikanische Judenschaft als die finanziell stärkste, derzeit die wichtigste Geldquelle für den Wiederaufbau bildet. Das Auftreten des Führers der amerikanischen Zionisten Rabbiners Stephan Wise, die religionsfeindliche Strömung gewisser jüdischnationaler Kreise und nicht zuletzt einige bedauerliche Voikommnisse im Heiligen Lande selbst, haben in den breiten Massen des amerikanischen Judentums, das in seiner überwiegenden Mehrheit religiös denkt und fühlt, gewaltige Verstimmung hervorgerufen. Die einen wenden sich ganz von der Palästinasache ab und richten ihr Augenmerk auf die Siedlungspläne in Sowjetrußland, die anderen hingegen halten weiter am Palästinaaufbau fest, wollen aber ihr Geld nur jenen Institutionen zur Verfügung stellen, die den Wiederaufbau im Geiste der Thora und der Ueberlieferung in die Weg©

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.