Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 7 (12.2.1926)
- Date
- 1926-02-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAÜRtiErr Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" Ht^I Wien IX. Berggasse4 Postsparkassen - Konto Nr. 9464 Telephon Nr. 19-2-77 ■•■■■■■aBBaaai Dr. Ismar Freund. Dienstag, den 16. Februar 1926, halb 8 Uhr abends wird über unsere Einladung Herr Dr. Ismar Freund aus Berlin im Festsaale des Bezirksrates für den ersten Bezirk, I., Wipplingerstraße 8 (Altes Rathaus), einen Vortrag über den „Kulturwert des Judentums" halten. In den weitesten Kreisen sieht man diesem Vortrage mit Spannung «entgegen, nicht nur wegen der Wahl des Themas, sondern in erster Reihe mit Rücksicht auf die hervorragende Bedeutung des vornehmen Gastes, der durch seine Leistungen sich weit über den Rahmen des Deutschen Reiches hinaus einen gefeierten Namen erworben hat. Die „Union" besonders begrüßt mit Freude den Besuch Dr. Ismar Freunds, der zu den leitenden Persönlichkeiten unserer Berliner Schwestervereinigung, des „C e ntralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zählt, mit dem wir in steter, die gemeinsamen jüdischen Interessen fördernder Verbindung stehen. Die Persönlichkeit des Vortragenden ist in unserer Zeitschrift wiederholt, und zwar im Zusammenhange mit der Gründung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden behandelt worden. Diese Gründung darf man als sein ureigenstes Werk bezeichnen. Berge von Schwierigkeiten waren zu überwinden, ehe man dieses Ziel erreichen konnte. Dr. Ismar Freund hat aber m aufreibenden Kämpfen, über die nicht nur die jüdische Presse Deutschlands, sondern auch die Tagesblätter wiederholt und ausfünrlicli berichteten, den Sieg über alle Widerstände errungen und, was ein Novum in der Geschichte Preußens darstellt, die staatliche Anerkennung dieses Bundes sowie eine Subvention aus der Staatskasse durchgesetzt Dr. Ismar Freund hat diesen Kampf Schulter an Schulter mit den Vertretern der protestantischen und der katholischen Kirche geführt, die ihan dafür Dank wissen, daß er durch seine Diplomatie alle Seiten des Abgeordnetenhauses für diese Beisteuer zu Zwecken des Kultus aller dreier Konfessionen zu gewinnen verstanden hat. Daß dieser preußische Landesverband jetzt, wie bereits berichtet, zu einem Reichsverband der Juden ganz Deutschlands erweitert werden soll, kann Dr. Ismar Freund, der auch an dieser Neugründung hervorragend beteiligt ist, zur Ehre gereichen. Auch als Vorstandsmitglied des „Centra 1- Vereine s" ist Dr. Ismar Freund hervorragend tätig, sowohl als Schriftsteller wie als Redner. In ersterer Hinsicht ist neben vielen anderen seiner Schriften insbesondere die im P h i 1 o - V e r 1 a g, Berlin, erschienene Broschüre „Der J u denhaß" bekannt; als Redner in Versammlungen zur Bekämpfung des Judenhasses!, d. h. zur Aufklärung über das Judentum), vor Juden und nichtjüdischem, ja ausgesprochen judenfeindlichem Publikum hat sich Dr. Ismar Freund wiederholt glänzend bewährt. In seiner doppelten Eigenschaft als absolvierter Theologe und Jurist, in langer Tätigkeit, als Syndikus eines Gemeindewesens wie der Berliner Gemeinde, beherrscht er die einschlägigen Fragen theoretisch sowie aui Grund prakischer Erfahrung. Die überzeugende Kraft seiner streng sachlichen Ausführungen hat wiederholt den Erfolg gezeitigt, daß in Hauptherden des Antisemitismus, wo Dr. Freund als Versammlungsredner bis in den Vortragssaal polizeilicher Schutz beigestellt werden mußte, die Zwischenrufer verstummten und nach Schluß des Vortrages antisemitische Größen Gelegenheit suchten, unter dem mächtigen Eindrucke der Rede von Dr. Ismar Freund persönlich weitere Aufklärungen zu erhalten. ■ Ein solch ganzer Mann ist Dr. Ismar Freund und deshalb freut sich die „Union deutschösterreichischer Juden" herzlichst seines Besuches und erhofft von ihren Mitgliedern und Freunden eine recht zahlreiche Beteiligung bei diesem sicherlich auch durch das glücklich gewählte Thema interessanten Vortrag. O. Ii. Versteckter Antisemitismus. Wie schwer die Wiener Juden durch die wirtschaftliche Not ihres Vaterlandes betroffen werden, äußert sich m vielfacher Beziehung1. Ein nur allzu treues und allzu trauriges Spiegelbild dieser furchtbaren) Lage gewinnt die „Union" durch die, man kann sagen, allwöchentlich steigende Zahl der schriftlich und mündlich einlangenden Bittgesuche von den verschiedensten Berufen angehörenden Personen. Wir hören da erschütternde Klagen von Familienvätern, die aus einer bescheidenen, aber immerhin (gesicherten Existenz hinausgeschleudert, aufs neue den Kampf ums Dasein beginnen müssen, vernehmen Hilferufe junger Menschen, die voll Arbeitsfreude vor der Unmöglichkeit stehen, inmitten der riesig steigenden Arbeitslosigkeit ihre Fähigkeit zur Geltung zu bringen1, ihr Existenzminimum zu gewinnen. Wie erschütternd ist es angesichts solcher Klagen (gegen die Abhilfe zu schaffen, nicht in den Wirkungskreis der „Union" fällt, die bekanntlich statutenmäßig ganz andere Aufgaben zu erfüllen hat), immer wieder die Erfahrung zu machen, daß die Juden zweifache Märtyrer der entsetzlichen Verhältnisse sind, als Zeitgenossen und als Juden. Ein besonders krasser Fall — er ist leider nicht vereinzelt — ist den folgende, den dieser Tage ein stellungsiuchender Optiker, dessen Namen und Adresse uns bekannt ist, bei uns zu Protokoll gegeben hat. In diesem Protokoll heiBt es unter anderem: „Die Firma Anton Kleemann, Wien, nimmt grundsätzlich und aus Tradition keine jüdischen Angestellten. Dieselbe hat mehrere Filialen in Wien und ist besonders der Betrieb Taborstraße auf jüdisches Geld und jüdischen Kundenzustrom zugeschnitten. Als Fachoptiker mit ersten Referenzen und Zeugnissen bewarb ich mich bei der Firma persönlich um eine Stellung, obzwar ich wiederholt wußte, daß dieselbe Juden nicht nimmt. Dem eisernen Drucke der Zeit und der Verhältnisse gehorchend, ging ich dennoch hin, und sprach vor. Meine Adresse wurde notiert und mein mündliches Offert mit Interesse zur Kenntnis genommen. Als ich zuletzt sagte, daß ich Jude bin, schlug Herr Kleemann jr. die Hände zusammen und sagte: „Gott, Pech, ich kann Sie als Jude nicht nehmen, weil Sie Jude sind." Er verschanzte sich hinter die Ausrede, daß jüdische Angestellte in seinem Hause unter der arischen Kollegenschaft zu leiden hätten. Der Vorstand der Optikergehilfen. Herr Hofhans sagte mir, das sei unwahr und hänge nur von or Firma ab. Und auch er wisse ein Beispiel von einer „Judenbehandlung" als Stellenbewerber." Der betreffende Herr beruft