Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 7 (12.2.1926)
- Date
- 1926-02-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1 tend, unmöglich, denn nie ließe sich der geistige Kontakt zwischen Lehrer und Schüler, der eine unbedingte Voraussetzung, für die Erteilung eines ersprießlichen Unterrichtes bildet, herstellen. Ich habe unseren Jubilar nie anders als mit silberweißem Haupte gesehen, aber ich habe ihn auch nie anders als jung gesehen, nicht nur jung in körperlicher und geistiger Frische, sondern jung auch in seinen Anschauungen als Mann, der trotz seines Forschen» in alten Folianten stets vorwärts blickt, der nicht nur speziell in seinem Wissensfache, sondern in jeder Beziehung dem Fortschritt huldigt. Diese rege Anteilnahme an den Ereignissen der Gegenwart, diese Stellungnahme zu allen Fragen, die das Leben heute an uns stellt, ist es, die ein harmonisches Zusammenarbeiten zwischen Professor Krauss und seinen Schülern zur Folge hat; und wenn es wieder rückwirkend die stete enge Verbindung mit der Jugend ist, die dem älteren Manne sein Interesse an allem Aktuellen bewahrt und erhält, so finden die Hörer reichen Gewinn, sowohl in den in meisterhafter Weise vermittelten Kenntnissen als auch in der freundschaftlichen persönlichen Zuneigung, die^Professor Krauss jedem, der seine Pflicht erfüllt, zuteil werden läßt. , Was man Samuel Krauss zu seinem Jubelfeste wünschen soll? Daß er zum Segen für seine Hörer, zum Heil für die Wissenschaft des Judentums fortarbeiten möge, das in Wunschform auszusprechen, ist überflüssig, denn unser Jubilar wird auch ohne das weiter schaffen. Aber daß er dieses Schaffen noch lange, lange in voller Kraft fortsetzen möge, besonders aber, daß er seine segensreiche Tätigkeit stets kummer- und sorgenfrei ausüben, endlich, daß seiner rastlosen Arbeit immer die gebührende allgemeine Anerkennung gezollt werde, das sind die Wünsche, die ich, und ich glaube im Namen aller seiner ehemaligen Schüler sprechen zu können, Samuel Krauss zu seinem 60. Wiegenfeste darbringen möchte. Was Samuel Krauss für die jüdische Wissenschaft geleistet, was dieser vielseitige unermüdliche Gelehrte der Literatur unseres Volkes geschenkt, darauf einzugehen, sei Reiferen, Erfahreneren an geeignetem Orte überlassen. Mir war es nur ein Bedürfnis, denjenigen meiner Lehrer, für den ich die höchste Verehrung empfinde, an seinem Jubeltage als solchen zu feiern, und diese Zeilen mögen nur das Unrecht verhüten, das unbedingt begangen würde, wollte man über dem Gelehrten, über dem fruchtbaren vielseitigen Literaten den Menschen, den Lehrer Samuel Krauss vergessen. Rabb. Dr. Manfred Papo, Salzburg. Eine Sommerreise durch Nordfrankreich. Vortrag, gehalten von David Herzog. (Fortsetzung.) Wie ich bereits seinerzeit meinem lieben Freunde Rat B. geschrieben habe, weil ich wußte, daß ihm dies Freude machen wird, versammelt sich in Trouville Kol Jisrael aus Paris undi zwar das ganze jüdische Paris von heute: eingeborene Pariser, Elsässer und ganz besonders während des Krieges nach Paris eingewanderte russische Juden, die vielfach zu großem Vermögen gekommen sind. Namentlich die letzteren überschwemmen den Strand und es ist keine Seltenheit, daß, wenn der kleine Maurice in französischer Sprache, die alle Russen perfekt und fast ohne Akzent sprechen, nicht gehorcht, die Mutter im Affekte schreit: „Mauschele, wenn de aheim kimmst, kriegst de Petsch von a rechts und a links", und das wirkt in den meisten Fällen. Wir sind dann eben wieder daheim! Und trotzdem von den 12.000 jährlichen Gästen der überwiegende Teil Juden sind, Juden aus östlichen Ländern und ein Jude, Herr K. in diesem Jahre alle geselligen Veranstaltungen, die ein Kapitel für sich bilden, arrangiert hat, existiert dort weder ein Gotteshaus, noch ein rituelles Speisehaus und das war für mich der einzige dunkle Punkt in dem sonst sonnendurchglühten Orte. Wohl der fashionabelste Kurort neben Biarritz. St. Jean de Luz und Nizza ist die Schwesterstadt Trouvilles: Deauville. Man darf sagen, hier hat der Reichtum, das Hochstaplertum und das Dirnenwesen der ganzen Welt sein Stelldichein. Wer sich ein Bild vom Reichtum und der Eleganz der Welt machen will, muß zu einem der Gala-Abende, wie solche jeden Samstag im Kasino veranstaltet werden, gehen und er wird gewiß auf seine Kosten kommen. Neben herrlichen Frauen und bildhübschen Mädchen, natürlich auch häßlichen, eine Farbenpracht an Toiletten und ein Berg von Geschmeiden und kostbarstem Schmuck, wie er nicht blendender gedacht werden kann. Was die Kunst der Juweliere nur an Kostbarkeiten und Schönheiten erfinden konnte, schmückt hier die Ohren, die Hälse, die Hände und die Leiber der Frauen. Hunderte von Autos führen allabendlich Massen von diesen Menschen dorthin, um zu tanzen und zu spielen. Hier hat mancher steinreiche Mensch als Verarmter, als Selbstmörder oder gar als Verbrecher geendet. Hier aber wird auch dem Reichtum alles geboten, was er sich nur wünschen kann! Die kostbarsten Toiletten, der gediegenste Schmuck. Theater, Tennis, Polo und nicht zuletzt die berühmten Rennen, bei welchen auch mein Junge nur 50 Francs gewonnen hat. Wenn ich sage „nur", will ich erzähle», wie das kam. Es war beim letzten Rennen eines berühmten Renntages, da setzte auch er, weil es angeblich sonst nicht interessant ist. auf das Pferd Nr. 13, das ihm, weil er von Pferden nichts versteht, wärmstens anempfohlen wurde. Diese Empfehlung galt als eine ganz besonders große Protektion, weil Spieler wohl Menschen, aber niemals ihre Pferde gerne verraten.. So setzte er denn tatsächlich auf Nr. 13, als im letzten Augenblick mein älterer Junge, weil ihm wieder im Vertrauen ein anderes Pferd als vertrauenswürdiger geschildert worden ist, sich entschlossen hat, auf Nr. 15 zu setzen. Zögernd und lange nachsinnend, als ob es sich um die Lösung einer schweren Talmudstelle handeln würde, einigten sie sich endlich auf 15 und haben auch prompt verloren. Auf 13 hätten sie 180 Francs gewonnen. Nicht mit Unrecht machte hernach der Jüngere dem Aelteren darüber Vorwürfe, indem er den alten Witz machte, er hätte doch wissen müssen, daß 13 gewinnen müsse, weil es als jüdisches Pferd sich unbedingt vordrängen werde. Tatsächlich gehörte auch das Pferd Rotschild und ob sein Jockey, der den Namen Stern führte, nicht auch ein Glaubensgenosse ist, weiß ich nicht. Soviel aber weiß ich, beim nächsten Rennen setzen die Jungen nur auf jüdisohe Pferde, die lassen eben auf ihre Juden nichts kommen. Allerdings würde ihnen die Wahl von jüdischen Pferden dort schwer fallen, denn mit Ausnahme des Rothschildschen Rennstalles dürfte dort kein anderer Jude seine Pferde laufen lassen. Wie denn überhaupt unsere Antisemiten staunen würden, wie wenig die Juden an dem dort in Deauville sich breit machenden Reichtum beteiligt sind und wie erlogen es ist, immer wieder von den unzählbaren Reichtümern der Juden zu sprechen. Man steht in Deauville alle Völker mehr als uns Juden vertreten. Es ist selbstredend, daß, wer Trouville und Deauville kennt, Sehnsucht hat, auch die anderen am La Manche gelegenen Orte kennen zu lernen. Doch meine Sehnsucht rückte weiter, bis nach dem im Golfe von St. Malo gelegenen Monte St. Michel, den ich der Beschreibung nach ja schon kannte und den endlich sehen zu können, meinen heißen Wunsch bildete. Die Gelegenheit, diese Sehnsucht endlich in die Wirklichkeit umsetzen zu können, bot sich dadurch, daß wöchentlich dreimal von Deauville aus ein Autocar (Auto Cars Rouge) nach dem Monte St. Michel fährt, welche Reise hin und zurück volle zwei Tage in Aspruch nimmt. Die Reise geht über die weltberühmten Kurorte VUlers sur Mer, Houlgate. Cabourg, verläßt dann den Rand des Meeres, biegt dann nach der industriereichen Stadt Caen ab, wo eine große Spitzen-, Textilwaren-, Handschuh- und Schiifsbauindustrie sich entwickelt und die auch berühmt ist durch die Kirche St. Pierre mit ihrem hohen Turm (der richtige Typus der Kirchtürme in der Normandie) und origineller Apsis. Diese Stadt besaß im Mittelalter eine große jüdische Gemeinde und bedeutende Gelehrte, wie Samuel de Falaise und Josef Porat, die hier lebten, wäh- , rend heute die Gemeinde nur wenige Juden zählt. Aufgefallen ist mir bei der Einfahrt in die äußerst belebte Stadt, trotzdem sie bloß 60.000 Einwohner zählt, eine rötliche Erde, die auf Eisengehalt schließen läßt und die namentlich den zahlreichen Porzellan- und Fayencefabriken, die sich dort in der Umgebung befinden und Weltruf haben, das Material liefert. In dieser Gegend wird vom kleinsten Steinguttöpfchen bis zur kostbarsten Statue aus der für diese Dinge vorzüglich geeigneten Erde viel hergestellt. Ich bedauere nur, keine Zeit gehabt zu haben, mir manches Stück zu kaufen. Als wir dort waren, wai eben Jahrmarkt, und man kann sich gar nicht ein schöneres und bunteres Bild vorstellen, als die Hunderte und abermals Hunderte von Karriolen (zweirädrige Wagen) mit den herrlichsten Gemüse- und Obstarten und verschiedenen anderen Dingen. (Fortsetzung folgt) Werbet und verbreitet die ..Wahrheit" ___— — — — — — — — — ——~. ~. ~. ~. ~. ~. ~. ^.^^.^^A^^A^r