Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 7 (12.2.1926)
- Date
- 1926-02-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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§eite ö pifi Wahrheit bei dieser souveränen oder Zumindestens gräflichen Mißachtung der Logik es sich versagt, darauf anzuspielen, daß der Justizminister Vaszonyi seinerzeit nicht das geringste gegen die gerichtlichen Funktionäre unternommen, die sich später als die unerschrockensten Schützer der Rassenschützler, als die milden, verständnisvollen Gönner der Judenmörder, der Bombenschleuderer usw. bewährten? Hätte das nicht prachtvoll gewirkt? Vaszonyi als Züchter und Beförderer der Mörder! Die Beschuldigung wäre nicht um ein Gramm weniger berechtigt gewesen als das Bedauern, daß Nadossy nicht schon vom Justizminister Vaszonyi als d!er kommende Spießgesell der für echte Rassie und falsche Francs schwärmenden Verbrecher erkannt worden war. Graf Bethlen kündigt Vaszonyi den Kampf bis aufs Messer an und seine Presse hat schon vorher dafür gesorgt, daß die ganze rassenschützlerische Gesellschaft, die ihm bereits im Parlamente zugejubelt hat, in Vaszonyi den Repräsentanten der ganzen ungarischen Judenheit erblicke. Der ungarische Ministerpräsident zitiert zur Kennzeichnung des Karolyischen Artikels den Satz aus der Bibel: „Die Stimme ist die Stimme Jakobs, aber die Hand ist die Esaus", aber wahrlich kein französischer Franc kann falscher sein als die Anwendung dieses Satzes. Vom Bischof Zadrawetz, der als Theologe das alte Testament gründlich studiert hat, könnte sich Graf Bethlen vielleicht die echte, unverfälschte Belehrung über den Vorfall erbitten, der den Patriarchen Isaak zu diesem Ausspruche anregte. Isaak hatte ganz richtig Jakobs Stimme erkannt, aber sich getäuscht, als er die Hand des milden, menschenfreundlichen Sohnes für die des wilden, für die Jagd schwärmenden Esau hielt. Graf Bethlen, der während seiner fünfjährigen Ministerherrlichkeit so oft Gelegenheit hatte, vielfache Mörder der Begnadigung zu empfehlen, weiß es übrigens ganz genau, wer die Esauhände hat, die in Ungarn unschuldige Opfer zu fühlen bekamen. Ego. Nach Psalm 124. So der Herr nicht mit uns gewesen, Gelungen wär' der Rache Tat. Und ohn' Erbarmen, ohn' Erlösen Aufblühte der Verleumdung Saat. Doch, der den Strömen halt gebietet Und reicht Verirrten seine Hand, Er hat auch uns mit Schutz umfriedet Und seinen Trost uns zugesandt. Laßt preisen uns den Allgeliebten! Des Frevlers Fallstrick er zerreißt, Der den Verlass'nen und Betrübten Sich gnadenvoll und mild erweist. Im Jubellied wir Ihn erhöhen. Verherrlicht sei sein Name laut. Es kann der Mensch nicht untergehen, Der seinem Gott wahrhaft vertraut. Beate Baumgarte 11. Meinem Lehrer. Prof. Dr. Samuel Krauss zu seinem 60. Geburtstage. Zahlreich sind bei anderen Völkern die Wege, die zur Größe, zur Berühmtheit führen, doch im Judentum gibt es derer vorwiegend zwei, der eine ist mit Gold gepflastert, er führt zum Ruhme durch Reichtum und Besitz; er ist der leichtere, aber unsichere, da das schimmernde Pflaster schlüpfrig ist und den Ausgleitenden erbarmungslos in die Tiefe reißt. Der zweite, weniger gefahrvoll, ist die Laufbahn des Lehrers und Gelehrten; wie viel beschwerlicher jedoch dieser letzere Pfad ist, beweisen die zahlreichen Sprachen und Nationen eigenen Sprichwörter, die die Schwierigkeit, die Undankbarkeit des Lehramtes im allgemeinen betonen. Und erst gar im Judentum, dessen kritischer Geist gleich einem Hammer gegen das Wort des Lehrers, gegen das Werk des Gelehrten schlägt, meist, aber nicht immer sine; ira prüfend, ein lückenhaftes Fleckchen sucht, um dann mit wuchtigem Schlag gegen diese Stelle die ganze mühevolle Arbeit zu vernichten. Trotz allem hat die Lebenskraft des Judentums Männer hervorgebracht und erhalten, die erhaben über alle Widerwärtigkeiten, in rastloser hingebungsvoller Arbeit diesen schweren Weg gehen, und die nur darum glücklich vorwärtskommen, weil sie weder rechts noch links blickend, nur ihr erhabenes Ziel vor sich sehen: Das jüdische Wissen, die jüdische Wissenschaft, im Kreise ihrer Schüler, im Kreise der gesamten jüdischen Welt zu verbreiten. Einem solchen Manne sehen wir uns gegenüber, wenn wir das Studierzimmer Samuel Krauss' betreten. Man mag zu ihm kommen zu welcher Tageszeit immer, er sitzt am Schreibtisch, von aufgeschlagenen Büchern umgeben, studierend, kritisierend, neue Bücher schaffend. Aber nicht um der Bücher willen sind wir gekommen — ihr Wert spricht für sich selbst — sondern zu dem Manne, zu Samuel Krauss, der am 18. Februar sein 60. Lebensjahr vollendet. Groß ist die Zahl derjenigen, die Krauss aus seinen Werken kennen, aber nur diejenigen, vor deren Blick die starren Buchstaben des Gelehrten Leben gewinnen und die Erinnerung an die Persönlichkeit, an die selbstvernommenen Worte des Lehrers wachrufen, nur diese dürfen die Behauptung wagen, daß sie diesen bedeutenden jüdischen Literaten näher zu kennen glauben. Und der Kreis derer, die das Glück haben, in Samuel Krauss ihren Lehrer zu verehren, ist natürlich erheblich geringer. Professor Krauss stellt an den lieueintretenden Schüler eine hohe Anforderung, nicht etwa an Kenntnissen, da steht er auf dem Standpunkt, daß das Fehlende durch Fleiß erarbeitet werden kann, die gestellte Anforderung hängt mit dem Grundzuge seines Charakters zusammen. Schmeichelnde Liebenswürdigkeit ist Krauss fremd; er empfängt die Hörer sachlich und verlangt" so von dem jungen Akademiker in seiner Unerfahrenheit und mangelnden Menschenkenntnis das Verständnis, daß diese schlichte Art würdiger ist und von mehr Wohlwollen zeugt als unaufrichtige Phrasen. In einer Zeit, in der die moderne Pädagogik mit dem Verzärteln der Schüler in der Volksschule beginnt und in der Mittelschule fortsetzt, ist es kein Wunder, daß ein solcher Lehrer oft anfangs mißverstanden und falsch eingeschätzt wird, bis es dem Hörer zum Bewußtsein kommt, daß diese Aufrichtigkeit einen Wesenszug von Professor Krauss in sich schließt, der ihn der höchsten Wertschätzung würdig macht. Lob oder Tadel, in kurze Worte gefaßt, verfehlen auch nie ihren nachhaltigen Eindruck auf den Hörer, weil dieser die Ueberzeugung hat, daß ein ehrliches, autoritatives Urteil über seine Fähigkeiten oder Fehler ausgesprochen wird, in der edlen Absicht, ihm den rechten Weg zu weisen. Dies ist der einzige Zug, der an dem Lehrer Samuel Krauss als „Strenge" mißdeutet werden könnte, wiewohl er allen Gründl hätte, auch seimei wissenschaftlichen Forderungen bis aufs höchste anzuspannen. Denn wäre Professor Krauss in dieser Hinsicht gegen seine Schüler nur halb so streng als gegen sich selbst, so könnte keiner vor ihm bestehen. Diese für die eigene Person verlangte Ausdauer bei der Arbeit grenzt fast an Rücksichtslosigkeit; den ganzen Tag zu arbeiten und oft — wie ich es selbst zu sehen Gelegenheit hatte — wenn es nicht reicht, einige Stunden der Nacht zu opfern, ohne an seine Gesundheit zu denken, das ist mehr als Strenge. Was aber Samuel Krauss neben vorbUdlichem Fleiß und Geradheit des Charakters besonders auszeichnet, ist das Verständnis für die Bestrebungen und Intentionen der Hochschuljugend. Häufig verlieren Männer, die sich größtenteils mit den Geisteserzeugnissen vergangener Zeiten beschäftigen, das Interesse für die Gegenwart, oder sie beurteilen die Geschehnisse des Tages mit voreingenommenem Blick. Für das Lehramt wäre ein solcher Gelehrter, sei er an sich noch so bedeu-