Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-02-12 · Heft 7 (12.2.1926) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 7 (12.2.1926)
Date
1926-02-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063980--14334-3081887
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 1 __________________Dl£jVAHRH£iT ___________________ __________ Seite 5 zum angeborenen Erbteil einer bestimmten Rasse oder Nation den Rassenglauben abgetan. Von vielen anderen Gelehrten, macht." Mit vernichtender Schärfe hat Friedrich Nietzsche die die Rassentheoriieoi entschieden zurückweisen, seien noch der größte Soziologe unserer Zeit, Max Weber, und die Historiker Eduard Meyer und Ludwig Rieß erwähnt.14) Auch die intuitive Kraft der großen Dichter hat längst die Einheit der Menscheiinatur erschaut und oft klingt es wie ein vorahnender Protest gegen Kastenstolz und Rassenwahn aus ihren Schöpfungen. So heißt es bei Shakespeare (Ende gut, alles gut, II. 3): „Seltsam ist's, daß unser Blut. Vermischte man's, an Farbe, Wärme, Schwere, Den Unterschied verneint und doch so mächtig Sich trennt durch Vorurteil." Herder, Goethe, Schiller, Lessing u. a. haben deu nationalen Fanatismus, der dem Rassenwahn sehr verwandt ist, gänzlich abgewiesen und ihr Bekenntnis zur Menschheit kundgetan. Diesen Zeugnissen ließen sich noch viele andere anfügen. Insbesondere eine Teilerscheinung des Rassenglaubens, der Antisemitismus, ist von den größten der modernen Kultur verurteilt worden.15) Glossen. Herr v. Millenkovieh, an dessen Tätigkeit als vorübergehender Theaterdirektor und als dauernder Sittlichkeitsapostel sich so hübsche Erinnerungen knüpfen, ist mit einer Klage vor die Oeffentlichkeit getreten. Mit Erbitterung klagt er darüber, daß der Autor des jetzt viel gespielten Brucknerstückes „Der Musikant Gottes" den genialen Bruckner einmal sagen läßt: „Die Herren Israeliten sind die einzigen, die noch was tun für die christliche Kunst." Du lieber Himmel, es ist wirklich empörend, daß die Juden, sicherlich nur um die Antisemiten zu ärgern, in Fragen der Kunst keine konfessionellen Vorurteile kennen und zu ihrer Förderung selbst ihr „jüdisches" Geld opfern. Es ist traurig, daß ein Schriftsteller wie Eulenberg offen bekennt, daß in Deutschland die Kunst den Juden viel zu danken hat, daß er selbst hätte verhungern müssen, wenn nicht die Juden gewesen wären. Einen ähnlichen Vorwurf hat Fontane den reichen deutschen Aristokraten ins Gesicht geschleudert und noch überdies betont, daß sie sich vor den Juden schämen sollen. Und da muß gerade jetzt ein bisher unbekannter Brief Richard Wagners an den Juden Meyerbeer aus dem Jahre 1840 in die Oeffentlichkeit gelangen, in welchem dieser in momentanem überströmendem ") Vergl. Max Weber in den Verhandlungen des zweiten deutschen Soziologentages, 1912, S. 74, 188, 190; ferner M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 1922; L. Rieß, Historik, 1912, Bd. I, S. 71—82; vergL ferner die Charakterisierung der Rassentheorien als „mehr oder weniger zweifelhaft© Hypothesen" im Lehrbuch der historischen Methode und der Geschichtsphilosophie, 1903, S. 594, und Eduard Mayer, Geschichte des Altertums, 3 Aufl. 1910, Bd. I. 1. S. 77 ff., der sagt: „Erst unsere Zeit hat dem äußeren Gegensatz eine innere Bedeutung beigelegt, und manche ins Absurde überspannte Theorien haben dem Rassefaktor eine Bedeutung zugeschrieben, die ihm niemals zugekommen ist und aller geschichtlichen Erfahrung ins Gesicht schlägt." Auch Oswald Spengler lehnt die übliche Rassentheorie ab. Vergl. 0. Spengler, Untergang des Abendlandes, II. Band, 1922, S. 121, 132 ff., 148 ff.. 392. 15) Vergl. besonders die Aeußerungen Theodor Mommsens in Hermann Bahr, Der Antisemitismus, 1894, S. 26 ff. (Von uns letzthin zitiert. D. Red.) Andere Zeugnisse finden sich zusammengestellt in den sehr inhaltsreichen Sammlungen .Antisemitenspiegel" (3. Aufl. 1922), Schrattenholz, Antisemitenhämmer, eine Anthologie aus der Weltliteratur, 1894, und „Deutscher Geist und Judenhaß", 1920. Dankgefühl u. a. schreibt:......damals als ich Ihren Brief erhielt, mein angebeteter Gönner, als ich in einem Nu vollkommen erkannte, was Sie für mich taten, als Sie, anstatt des kleinen Fingers, mir zwei volle Hände reichten..... usw.'4 Es ist ja wahr, daß diese Dankesschuld Wagner nicht hinderte, bald darauf auch mit vollen Händen den Kot nicht nur auf seinen „angebeteten Gönner", sondern das ganze Judentum zu schleudern. Aber man wird es doch begreiflich finden, wenn solche Erinnerungen ein edles Antisemitenherz bedrücken. Es stört ja doch ein wenig in der Judenhetze. * Herr Karl Werkmann, der letzte Sekretär Kaiser Karls, erinnert den plötzlich als Rassenantisemit erwachenden Monarchistenführer Schager daran, daß die österreichischen Legitimisten, an deren Spitze er gestanden, früher alles eher als antisemitisch waren. Beweis dafür: es wurde auch beim Anwerben von Mitglieds- und Unterstützungsbeiträgen nachweisbar kein Unterschied zwischen Christen- und Judengeld gemacht. Man muß zugeben, daß Herr v. Schager diesen Beweis — wenn er der einzige wäre und nicht vielmehr nur einer von vielen — zum Teile leicht entkräften könnte. Wenn es sich um das Geldnehmen handelte, haben die Antisemiten oft nicht nur keine Abneigung, sondern sogar eine gewisse Vorliebe für „jüdisches" Geld bekundet. Werkmann erklärt sich Schagers Bekehrung zum Rassenantisemitismus aus der Infektion, die er sich gelegentlich seines Verkehres mit dem Rassenschützler Gömbös zugezogen. Gömbös, der auf seinen gekrönten König Karl schießen ließ, und für die Thronkandidatur Albrechts agitiert, ist also der Mentor Schagers geworden. Wer wird jetzt noch den Mut haben, Herrn v. Schager den Verrat am — Freisinn zum Vorwurf zu machen? * * * Der ungarische Ministerpräsident hat, schwer getroffen von dem Keulenhieb des Grafen Emmerich Karolyi, den Kampf bis aufs Messer — Vaszonyi angekündigt. Graf Bethlen, der sich nach seiner eigenen Behauptung während seiner fünfjährigen Ministerherrlichkeit immer durch gewissenhafte, offene, ehrliche, jede Zweideutigkeit hassende Politik ausgezeichnet hat, kann es nicht fassen, daß ihm ein Graf Karolyi Versäumnisse in der Francsfälscheraffäre zum Vorwurf macht. O, Bethlen behauptet, er habe noch mehr getan, als seine Pflicht gewesen wäre. Er hat ja den Polizeichef Nadossy beauftragt, sofort die Untersuchung gegen Windischgrätz einzuleiten! Der edle Graf findet es überflüssig, zu bemerken, daß erst wenige Tage vorher Stephan Friedrich, ein früherer Minister, erklärt hatte, dem Grafen Bethlen sei es bekannt gewesen, daß dieser Nadossy schon im Jahre 1922 bei Sokolfäischungen beteiligt gewesen. Sollte Graf Bethlen gerade darin Nadossys besondere Legitimation als Fachmann in Fälscbumgssachen erblickt haben, die Untersuchung gegen den Prinzen Windischgrätz zu führen? Aber der Ministerpräsident erinnert mit einer giftgetränkten Pointe daran, daß Nadossy, der allerdings erst unter dem Regime Bethlens Polizeichef wurde, einst auch, als Vaszonyi Justizminister war, dessen Vertrauen genoß. Warum hat Bethlen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.