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Die Wahrheit · 1926-02-12 · Heft 7 (12.2.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 7 (12.2.1926)
Date
1926-02-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 7 mos I, 382).. Der größte vergleichende Anthropologe Rudolf Virchow meinte, wenn er die gesamte Geschichte der Menschheit übersehe, so könne er sich nicht der Vorstellung enthalten, daß wir wirklich Brüder und Schwestern seien. — Der geniale Naturforscher Baer kennzeichnete treffend die Behauptung von der tiefen Minderwertigkeit der Neger und anderer Rassen als Gewissensberuhigung brutaler Sklavenhälter und sagte: „Ernste und kenntnisreiche Männer haben sich oft £egen sie mit allen soziologischen Gründen ausgesprochen, sie wird aber dennoch nicht so bald sich ganz verlieren, weil soziologische Gründe nicht auf alle Personen wirken, die in solchen Sachen eine Meinung haben zu können vermeinen." Zum selben Ergebnis kommen die führenden Forscher auf den verschiedensten Gebieten der Geisteswissenschaften. In Frankreich hob schon Helvetius hervor, daß die Nationen aus Eitelkeit die Charakterzüge, die bloß ihrer Regierungsform entspringen, als angeborene Rassentugenden betrachten, und er fügt hinzu, jedes Volk bewundere seine Fehler und verachte die gegenteiligen Eigenschaften. Um in einem Lande Erfolg zu haben, müsse man den Buckel der betreffenden Nation aufweisen können3). Der feinste und universellste Kenner der Menschenseele, J. G. Herder, hat die Annahme großer Verschiedenheiten zwischen den Menschen in seinem großartigen Gemälde der Kulturentwicklung, das sich auf tiefe Studien stützt, entschieden bekämpft, und selbst die Anwendung des unedlen Wortes „Rasse" auf das menschliche Geschlecht verursacht ihm lebhafte Bedenken4). Der berühmte Kulturhistoriker H F. Buckle bemerkt5): „Ich unterschreibe mit Vergnügen die Bemerkung eines der größten Denker unserer Zeit (J. St. Mill), der über die Annahme des Rassenunterschiedes sagte: „Von allen Arten gemeiner Ausflüchte, womit man sich der Betrachtung entzieht, welche Wirkung soziale und sittliche Einflüsse auf den Geist des Menschen haben, ist die gemeinste jene, daß man die Verschiedenheiten im Betragen und Charakter innewohnenden natürlichen Unterschieden zuschreibt." Die Begründer der indogermanischen Sprachvergleichung und Kulturforschung, ein Aug. Friedr. Pott, Max Müller, O. Schräder, haben den wissenschaftlichen Nimbus der Arierschwärmerei gründlich zerstört6). Im selben Sinn hat sich der geistvolle Jurist R. von Ihering ausgesprochen7). Von großem Gewicht ist das Wort des Geographen Elysee Reclus, dessen in zwanzig gewaltigen Bänden vorliegende Nouvelle Geographie Universelle man nur mit staunender Bewunderung betrachten kann. In der Einleitung betont er, wie sehr man sich vor Rassenüberhebung hüten müsse. Selbst die kleinsten und zurückgebliebensten Stämme halten sich für die vollkommensten Vertreter des Menschengeschlechtes und ihre Heimat für den Mittelpunkt der Welt. Die Fremden werden als Stumme, Taube, Stotterer, Schmutzige, Idioten, Ungeheuer und Dämonen bezeichnet. Die derzeitige Ueberiegenheit Europas sei nicht der: Rassenanlage, sondern den glücklichen geographischen Bedingungen zu danken, allmählich aber wird sich der Vorsprung ausgleichen. — Sein berühmter Landsmann A. de Quatefages sagt, man erkenne leicht, daß alle Menschen nahezu die gleichen moralischen Anlagen besitzen, im Guten wie im Bösen, nur daß leider die Uebereinstimmung im Bösen noch stärker ausgeprägt zu sein pflegt. Der hervorragende Geograph und Ethnologe C. Peschel meint, man könne wenigstens in bezug auf das Denkvermögen die Einheit und Gleichheit der Menschenart nicht bezweifeln8). In ganz überwältigender Weise 3) Helvetius, De l'esprit, II, 21, 22, Oeuvres comoles, 1777. S. 171, 175. *) Vergl. Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, herausgegeben von Düntzer. Bd. IX, S. 155. 158; Bd. X, S. 39, 42 ff. 5) Vergl. H. F. Buckle, Geschichte der Zivilisation in England, übersetzt von Rüge, 1860, Bd. I, 1, S. 36. 6) Fr. A. Pott schrieb ein Buch gegen Gobineau. Vergl. Pott, Die Ungleichheit menschlicher Rassen hauptsächlich vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt, 1856. Max Müller und O. Schräder lehnen die Annahme einer indogermanischen Rasseneinhieit entschieden ab. 7) R. von Ihering, Vorgeschichte der Indoeuropäer, 1894. S. 97. 98. 188 ff. 8) Die Aeußerungen von Virchow, Baer, Reclus, Quatrefages, Peschel sind nach Achelis „Moderne Völkerkunde", 1894, zitiert, wo man noch weitere Auszüge aus anderen Forschem findet. Eine Anzahl interessanter Aeußerungen zu Gobineaus Rassentheorie, so von Humboldt, Trocqueville, Quatrefages u. a. findet man in dem Werk von Ludwig Schemann, Gobineaus Rasse werk, 1910. haben vor allem die verwandten Wissenschaften der Ethnologie, Anthropogeographie, Völkerpsychologie und Soziologie festgestellt, daß die Entwicklung der Völker bei gleichen äußeren Bedingungen und Gleichheit des zeitlichen Faktors überall in so gleichen Bahnen verläuft, daß für einen wesentlichen Einfluß der Rasse kaum mehr! Spielraum bleibt. Dies ergibt sich z. B. aus den Monumentalwerken von Forschern ersten Ranges, wie J. C. Prichard, Th. Waitz und Gerland, A. Bastian, Herbert Spencer, Fr. Ratzel, Westermarck, P. W. Schmidt, E. von Luschan und aus vielen. Spezialschriften9). Friedrich Ratzel weist in seiner „Völkerkunde" und seiner „Anthropogeographie" immer wieder auf die großen geistigen und kulturellen Uebereinstimmungen zwischen allen Rassen der Welt hin. Er faßt seinen Standpunkt in den Sätzen zusammen: „Es gibt nur eine einzige Menschenart, deren Abwandlungen zahlreich sind, aber nicht tief gehen." „In der Tat ist die Kluft des Kulturunterschiedes zweier Gruppen der Menschheit nach Breite und Tiefe völlig unabhängig von der Größe des Unterschiedes ihrer Begabung." „Die Rasse hat mit dem Kulturbesitz an sich nichts zu tun." Ganz übereinstimmend sagt zusammenfassend Felix von Luschan10) u. a.: „Es gibt keine „wilden" Völker, es gibt nur Völker mit einer anderen Kultur als die unsere. Die trennenden Eigenschaften der sogenannten Rassen sind im wesentlichen durch klimatische, soziale und andere Faktoren der Umwelt entstanden. Es gibt keine an sich minderwertigen Rassen. — Der Unterschied zwischen den verschiedenen Rassen ist, besonders was die moralischen Eigenschaften und die Intelligenz angeht, nicht entfernt so groß als der zwischen einzelnen Individuen ein und derselben Rasse." — Aehnlich urteilte Ferdinand von Andrian. — P. W. Schmidt, ein Hauptvertreter der Kulturkreislehre, bezeichnet die Annahme der gleichen Grundveranlagung der menschlichen Psyche durch alle Rassen der ganzen Welt hin als sicher begründete Errungenschaft der modernen Ethnologie. Den Ethnologen schließen wir noch einige Philosophen und Soziologen an. Wilhelm Wundt, den man seines alle Gebiete umspannenden Wissens wegen den modernen. Aristoteles genannt hat, erklärt sich durchaus gegen die Ansicht, daß die sittlichen Ideen auf einige Kulturvölker beschränkt seien. Er fügt hinzu: „Kein Unbefangener kann sich der Ueberzeugung verschließen, daß die Unterschiede hier (auf sittlichem Gebiet) schließlich nicht größer sind als auf intellektuellem Gebiet, wo trotz aller Mannigfaltigkeit der Anschauung und Denkrichtungen doch die Allgemeingültigkeit der Denkgesetze feststeht"11). Und in seiner Völkerpsychologie führt er aus: „Wenn es etwas gibt, was die Anthropologie als feststehende Tatasache erwiesen hat, so ist es in der Tat dies, daß die Eigenschaften der menschlichen Phantasie und daß die Gefühle und Affekte, die das Wirken der Phantasie beeinflussen, bei den Menschen aller Zonen und Länder in den wesentlichsten Zügen übereinstimmen." Sehr treffend charakterisiert der Philosoph Münsterberg12) die Rassentheorie, indem er sagt: „Alle die Rassenkunde, die Geschichte sein will, und all die „Hirnfaltenlehre", die uns vorschreiben will, was wir tun sollen, ist doch nur eine andere Spielart des Materialismus, nur ein dürftiges Surrogat einer Weltanschauung, die letzt© Konsequenz eines antiphilosophi- ^schen Zeitalters." Friedrich Jodl13). der feinsinnige Philosoph, sagt: „Kein verhängnisvollerer Wahn ist denkbar und keinen haben wir entschiedener zu bekämpfen als denjenigen, welcher die sittliche Tüchtigkeit oder die moralische Schlechtigkeit 9) J. C. Prichard, Naturgeschichte der Menschheit (zu erst 1813), deutsche Ausgabe von R. Wagner, 4 Bände. 1840; Waitz und Gerland, Anthropologie der Naturvölker. 6 Bde., 1859. Bastians Werke füllen zahllose Bände. Leider sind die späteren Schriften dieses tiefgründigen Forschers sprachlich ' schwer genießbar. Vergl. ferner H. Westermarck. The origin and development of the moral ideas, 1906. 2 Bde. Schmidt und Koppers, Völker und Kulturen, I. Band 1924. Von bedeutenden lebenden Forschern möchte ich noch Fr. Birkner, G. Buschan, J. Kohlbrugge, R. Tburnwald, Fr. Oppenheimer, Rob. Michels nennen, die einen ähnlichen Stand;punkt einnehmen. 10) In der ausgezeichneten Schrift: Felix von Luschan, Völker. Rassen, Sprachen. 1922. S.*187. ") W. Wundt, Ethik, 4. Aufl. 1912, I. Band, S. 40. — Vergl. auch II. Band, S. 281, die Ablehnung def angeborenen moralischen Ideen. 12) Vergl. Münsterberg, Die Amerikaner, 1904, Band I, Seite 3. 13) Friedr. Jodl, Wesen und Ziele der ethischen Bewegung. S. 22.

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