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Die Wahrheit · 1926-02-12 · Heft 7 (12.2.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 7 (12.2.1926)
Date
1926-02-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 „Die landesübliche Meinung", sagt Hellmut von Gerlach in seinem ungemein interessanten Aufsätze, „ist meistens die, daß die Jude neinpolitisch besonders radikales Element seien. Besonders in Deutschland und einigen anderen Staaten Mittel- und Osteuropas ist die irrige Anschauung verbreitet, „daß der politische Linksradikalismus gewissermaßen eine Art Rasseneigentümlichkeit der Juden s e i." Hellmut von Gerlach zeigt an einer ganzen Reihe von treffenden Beispielen, wie falsch die Anschauung vorn Linksradikalismus der Juden ist. „Das Judentum enthält — als Mann der Linken kann man es bedauern — mindestens ebensoviel konservative wie fortschrittliche Element e." Besonders deutlich zeigt sich das in jenen Ländern, in denen die Juden volle und nicht bloß papierene Gleichberechtigung besitzen. „In Eng- 1 a n d, wo man im allgemeinen sich überhaupt nicht um die Konfession der Männer dies öffentlichen Lebens kümmert, wurde einmal vor dem Kriege eine Statistik über das Religionsbekenntnis der Abgeordneten aufgemacht. Es ergab sich, daß die Juden ungefähr in gleichem Prozentsatz bei den drei Parteien (Konservative, Liberale, Arbeiterpartei) parlamentarisch vertreten waren. Wahrscheinlich hätte eine statistische Erhebung unter den Wählern ein ähnliches Ergebnis gezeitigt." Ebensowenig kann man in Frankreich von einem Vorwiegen radikaler Neigungen bei den Juden sprechen, vielmehr verteilen sich diese ziemlich gleichmäßig auf die beiden großen politischen Machtgruppen: Cartell Gauche und Bk>c national. Von besonderem Interesse für österreichische Leser dürfte das sein, was Hellmut von Gerlach über die politische Einstellung der Juden in der österreichischen Republik sagt: „Vor einiger Zeit sprach ich einmal mit einem besonders intelligenten Mitglied der Wiener jüdischen Groß-Bourgeoisie über die österreichischen Parteiverhältnisse. Bekanntlich gibt es in Oesterreich nur drei Parteien: die Sozialdemokratie, die rein antisemitische großdeutsche Partei und die katholisch-klerikalen, gemäßigt antisemitischen Christlichsozialen. Ich sagte meinem Be^ kannten, daß ich mich schon oft gefragt hätte, wie eigentlich die so zahlreichen Leser der großen liberalen Organe, der „Neuen Freien Presse' und des „Neuen Wiener Tagblattes", insbesondere die Juden unter ihnen, sich bei den Wahlen verhielten. Er erwiderte: Die wählen fast ausnahmslos christlich sozial. Sie sehen in den Christlichsozialen den einzigen Schutz gegen die überaus staTke Sozialdemokratie. Das kapitalistische Interesse ist für sie ausschlaggebend. Den Antisemitismus der Partei nehmen sie um so eher in Kauf, als ihnen bekannt ist, daß der Hauptberater der Christlichsozialen ein jüdischer Akademiker ist. Auch an dem Namen der Partei stoßen sie sich nicht weiter. Man nimmt' diese Dinge bei uns nicht so genau wie in Norddeutschland. Nach meiner Kenntnis der österreichischen Verhältnisse entspricht diese Auskunft genau dej^. Tatsachen. Was aber folgt daraus? Die jüdische Bourgeoisie von Wien enthält eine Fülle kulturell hochstehender, intelligenter und wirtschaftlich besonders aktiver Elemente. Alle diese Menschen schalten sich infolge ihres politischen Quietismus als politischer Faktor völlig aus. Statut den Grundstock einer bürgerlich-liberalen oder bürgerlich-demokratischen Partei zu bilden, beschränken sie sich auf die Rolle passiver Mitläufer einer katholisch-antisemitischen Partei, nur weil sie in ihr einen Damm gegen die rote Flut erblicken. Ihre eigene politische Kraft liegt brach. In dem großen Ringen zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen sind sie eine quantite negligeable. Durch eigene Schuld!" Wenn auch die Auskunft, die Hellmut von Gerlach von seinem Wiener Gewährsmann erhalten hat, einigermaßen übertrieben sein dürfte, die traurige Tatsache bleibt bestehen, daß die ungesunden politischen Verhältnisse unserer Republik, insbesonders das „demokratische" und doch so undemokratische Wahlsystem zu einer Zersplitterung der politischen Energien der österreichischen Judenschaft geführt haben. Wenn man bedenkt, daß es in Oesterreich Feuilleton Der Kiddngch. „Sechs Tage tue deine Werke, aber am siebenten ruhe . . . ." II, 23, 12 Alles, was der Mensch zu seinem Lebensunterhalte braucht, wird ihm von Gott in der Zeit von Rosch-haschana bis Jörn kippur bestimmt, ausgenommen, was er für die Feier des Sabbates und den Unterricht seiner Kinder in der Religion aufwendet. Ist er in diesen Ausgaben karg und engherzig, so wird ihm auch von Gott karg zugemessen; ist er aber freigebig und weitherzig, so bestimmt ihm Gott ein reiches Teil. Dieser Ausspruch des Talmud ist die Erklärung und Begründung für das Verhalten des Juden hinsichtlich seines Sabbates, den er freigebig mit den Genüssen des irdischen Lebens ausstattet, an dem er alle Sparsamkeit und Genügsamkeit seines sonstigen Lebens vergibt und sich sogar über seine Verhältnisse dem irdischen Genüsse hingibt. Der „Sabbatgenuß" ist ein von den Tagen der Propheten bis heute im Judentume wohlgekannter Begriff, dessen Wunderkraft sogar ein deutscher Dichter schilderte, der den Juden am Sabbat wie einen aus der Verwünschung zur Herrlichkeit wieder auferstandenen Prinzen ansieht. Das ist eine wunderliche Frömmigkeit — dürfte mancher sagen —, die . die Erhebung der Seele, die Weihe des Denkens und Fühlens mit dem irdischen Vergnügen an Speise und Trank verbindet Das scheint eine Frömmigkeit zu sein, die begehrlich nach dem Himmel und ebenso begehrlich mach der Erde blickt. Doch niemand soll darum unser Judentum schelten, denn „sechs Tage sollst du arbeiten, am siebenten ruhen, damit sich Körper und Seele erhole. Weihe und Genuß, Seelenadel und Körperfreude. Ruhe für den müden Leib, Erhebung für die Seele, das sind jeweils Forderungen, die sich nicht leicht harmonisch zusammenfinden und noch schwerer glücklich vereinen. Das Verdienst des Sabbatgebotes ist, daß es Israel zu diesem Ziele geführt hat und den Juden dazu erzogen hat, den Ruhetag Gottes und des Menschen würdig zu halten. Das Symbol dafür ist der Kiddusch, der Segen, der an jedem Sabbat, Festtage uad bei festlichen Gelegenheiten über den Wein gesprochen wird. Wie der Name Kiddusch besagt, ist es eine Weihe und Heiligung, die dem Weine und dem Festtage gilt. Im Talmud wird die Frage aufgeworfen: „Warum wird gerade über den Wein ein besonderes Loblied Gottes angestimmt?" Diese Frage hat eine gewisse Berechtigung, da gerade der Wein die Eigenschaft besitzt, daß er ebenso Freuden wie Leiden schafft. Er heißt „jajin", sagt der Talmud, weil er „Wehklagen" bringt, heißt „tirosch", weil er den, der sich ihm ergibt, zum Bettler macht. Als sich Noah anschickte, den Weinstock zu pflanzen, kam der Satan zu ihm und fragte, was er da vorhabe. Als Noah antwortete, daß er Wein pflanzen wolle, dessen Früchte süß seien und aus denen man den Trank bereiten könne, der die Herzen erfreut, erbot sich der Satan zu helfen. Er brachte zunächst ein Lamm herbei, das er schlachtete, dann einen Löwen und schließlich ein Schwein, die er tötete, deren Blut er vermischte und damit den Boden düngte. Die Kräfte dieses Blutes sind in den Wein übergegangen. Trinkt der Mensch ein Glas, so bleibt seine Natur ruhig wie die des "Lammes, trinkt er mehr, so fühlt er Mut, wird kühn und wild, trinkt er über das Maß, so verliert er seine Menschenwürde und gleicht dem Schweine. Die Macht, die der Satan einst in den Weinberg hineingedüngt hat, ist dem Weine geblieben und niemand ist imstande zu sagen, wieviel Freud und Leid gerade der Wein den Menschen verursacht hat. Darum ist der Wein das richtige Symbol für die Freude, die auch ein richtiges Maß

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