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Die Wahrheit · 1926-02-12 · Heft 7 (12.2.1926) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 7 (12.2.1926)
Date
1926-02-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Österreichische Wochenschrift ihr tonische Interessen Ml« dem Beiblatt; YerOttentlkhongen der ..Union dentschöstenreldilsther Joden _Redaktton und Administration; Wien MM.« Bcincitraflc - Fernruf 42-2-16 XLII. Jahrgang Wien, 12. Februar 1926 Nummer 7 Judentum und Politik. Die politische Einstellung ist im allgemeinen die Resultierende aus drei Komponenten: Weltanschauung, Zweckmäßigkeit und Milieu. In dem einen Falle unterstützen sich diese drei Elemente gegenseitig, und führen zu einer geschlossenen und abgerundeten Einstellung, die sich auch im Laufe der Zeit kaum wesentlich verschiebt, in dem anderen Falle entringt sich die politische Einstellung dem schweren Kampfe der drei widerstreitenden Komponenten untereinander; in diesem Falle ist die politische Einstellung ein kompliziertes seelisches Gebilde, das sich nur schwer und bloß in Ermangelung einer anderen Ausdrucksmöglichkeit in den engen Rahmen der Ideologie einer bestimmten politischen Partei fügt. Diese Art Einstellung findet sich bei den meisten Juden, die politisch interessiert sind, und ist auch ein Grund für die so verschiedenen, oft gehässigen Anschauungen über die politische Tätigkeit der Juden. Die Ursachen für diese eigentümliche Art der Einstellung zu politischen Fragen dürften in folgendem gelegen sein. Die Weltanschauung nimmt im politischen Denken des Juden den denkbar größten Raum ein; mag er nun ein radikaler oder konservativer Politiker sein, nie ist seine politische Einstellung eine bloß oberflächliche, utilitarische, sondern stets weltanschauungsgemäß fundiert. In der Tat bietet die Weltanschaung des Judentums die breiteste Grundlage für eine den modernsten Anschauungen vom Wesen des Staates und der Gesellschaft gerecht werdende politische Ideologie. Denn das Judentum ist revolutionär und konservativ zugleich: Die erste Tat, mit welcher die Juden in die Weltgeschichte eingetreten sind, war eine revolutionäre, es war das Abwerfen des ägyptischen Sklavenjoches, das erste Gebot, das er den Juden am Sinai verkündet hat, zeigt uns Gott als den Hüter der ewigen Menschenrechte, „der Israel herausgeführt hat aus dem Lande der Knechtschaft". Anderseits liegt in dem unerschütterlichen Festhalten an dem einig-einzigen Gotte und an seiner Lehre, in der entschiedenen Ablehnung jeglicher Veräußerung oder Materialisierung des Gottesbegriffes oder der göttlichen Offenbarung ein Konservativismus, dem nichts ähnliches in der Geschichte der Menschheit an die Seite gestellt werden kann. Dieser Konservativismus im edelsien Sinne spiegelt sich auch im jüdischen Milieu wieder, im Leben der Familie und Gemeinschaft, und bildet das Band, das Vater mit Söhnen, Großväter mit Enkeln seit Jahrtausenden verbunden hat und noch immer verbindet. Der Geist des Milieus bildet nun das zweite Element der politischen Einstellung; denn es ist klar, daß ein Mensch, dem eine religiöse Erziehung zuteil geworden, der in einem an altehrwürdigen Sitten und Gebräuchen festhaltenden Familienkreise aufgewachsen ist, auch wenn er sich später aus irgendwelchen Gründer, einer radikalen politischen Partei anschließen sollte, niemals den Radikalismus um jeden Preis gutheißen oder gar zu gewaltsamen Mitteln hinneigen wird. Nur haltlose und entwurzelte Existenzen, Männer, die nie jüdisch gefühlt haben oder längst innerlich vom Judentum abgefallen sind, Menschen vom Typus Bela Kuns oder Szamuelys, können zu Aposteln der Gewalttätigkeit werden und es kann daher nicht genug scharf zurückgewiesen werden, wenn das Treiben solcher Politiker mit ihrer jüdischen Herkunft irgendwie in Zusammenhang gebracht wird. Das dritte Element, auf welchem die politische Einstellung beruht, ist die Zweckmäßigkeit. Erwägungen der Zweckmäßigkeit spielen natürlich auch in der Politik der Juden die größte Rolle, besonders dort, wo die Juden nicht allein ihre wirtschaftlichen Interessen zu verteidigen haben, sondern auch gegen gewaltige antisemitische Mächte ankämpfen müssen. Der Kampf , gegen den offenen oder versteckten Judenhaß, den die Juden Mittel- und Osteuropas ununterbrochen führen müssen, hat gewisse Verschiebungen der politischen Mentalität der Juden mit sich gebracht, zumal in jenen Ländern, in denen nicht eine, sondern gleich mehrere Parteien durch eine wüste Judenhetze das politische Leben vergiften. Hier kann der Jude nicht so wie in England und Frankreich eine rein weltanschauungsgemäße Politik betreiben, sondern er wird nur die Wahl haben, sich einer jener Parteien anzuschließen, welche nicht antisemitisch orientiert sind. Mit dieser Frage beschäftigt sich auch der vornehme, von wahrhaft „aristokratischem" Geiste beseelte Politiker Hellmut von G e r 1 a c h, ein mutiger Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Juden, in einem „Juden als Politiker" betitelten leitenden Artikel der „Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 29. Jänner. Hellmut von Gerlach, der am 2. Februar seinen ()0. Geburtstag feierte, hat sich die größten Verdienste um die kulturelle Höherentwicklung Deutschlands erworben und war speziell den deutschen Juden gegenüber ein werktätiger Freund und Förderer.*) *) Hellmut von G e r 1 a c h wurde am 2. Februar 1866 in Mönchmotschellnitz in Schlesien geboren und wurde durch den bekannten antisemitischen Hotprediger S t ö c k e r in die deutsche Politik eingeführt. Er mußte jedoch bald die Unrichtigkeit der antisemitischen Gedankengänge erkennen und wandte sich hierauf vollständig. von der Stöckerschen Partei ab und dem Liberalismus zu. Als Reichstagsabgeordneter sowie als Schriftsteller hat er sodann die antisemitische Bewegung aufs schärfste bekämpft und ist für die vollständige Gleichberechtigung der Juden eingetreten. L'eberzeugungstreue und Gerechtigkeitsgefühl sind die hervorstechendsten Eigenschaften dieses hervorragenden Politikers.

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