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Die Wahrheit · 1926-02-05 · Heft 6 (5.2.1926) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 6 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Xr. f> , ______ _______ ÖI£_WAHjRHEl'l^ ___________________Seite 11 | Theater, Kunst u. Literatur Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien hielt am 23. Jänner Frau Dr. Martha Hof mann einen Vortrag über die jüdische Aufklärungsbewegung in Deutschland und wußte diesem immer interessanten, aber viel bearbeiteten Thema einige neue Lichter ihrer Zeitkritik aufzusetzen. Es ist gut aind notwendig, heute daran zu erinnern, daß man damals in der christlichen Welt geradezu das Bedürfnis hatte, seine Toleranz zu betonen, und daß es Mode war, sich philosemitisch zu zeigen, seitdem Mendelsohn imd sein Kreis bewiesen, daß wir Juden in erstaunlich kurzer Zeit alle Bildungsmöglichkelten der deutschen Kultur uns zu Nutze zu machen vermögen. Auch daß die französische Nationalversammlung dem Synhedrion in Paris nur Fragen vorgelegt hat, die ihre Juden als Franzosen und Menschen, nicht als eine 'eigene Nation sich zu bekennen veranlassen konnten, erscheint wichtig, weil damit eine geistige und politische Befreiung vom Ghetto mit Beibehaltung der Religionsgemeinschaft allein erzielt worden war. Fein psychologisch erörterte die Vortragende das Verhältnis von Börne und iieine zu Henriette Herz, resp. zu Rahiel und zum Judentum. Etwas gezwungen scheint uns die Bezeichnung Gabriel Riessersalz, eines Deutsdmationalen. Hat doch auch er die Deutschen nur an ihre Menschenpflichten uns gegenüber erinnert, wenn sie schon ihre Christenpflichten versäumen. Auch Moses Hess war anfangs noch der Ansicht, die von Rhuß verteidigt wurde, daß wir kem Volk sind. Erst später bekennt er in „Rom und Jerus a 1 e m" in dem Konflikt, seine Nationalität aufgeben zu sollen, daß er lieber auf die Emanzipation verzichte und kann in diesem Sinne als Vorläufer der Nationaljuden gelten, obwohl er eigentlich wie L a s s a 11 e und Marx mehr in der Arbeiterbewegung gestanden. Zu seiner Zeit war die Aufklärungsepoche, wie Frau Dr. H. richtig sagte, bereits vorüber. Seine Auffassung paßt auch nicht mehr in die romantische und Weltschmerz verstehende Zeit, sondern in die materialistische und individualistische, die darauf folgte. Med.-Rat Dr. H. Haase. Grete Bach. Die bekannte junge Vortragskünstlerin, Tochter des Herrn Rabbiners Dr. J. M. Bach, die ihre große Kunst wiederholt in den Dienst der jüdisch-humanitären Sache stellte, rezitierte vor kurzem auf Einladung des Bundes jüdischer Frauen Ungarns, „Omige", auf einem von diesem veranstalteten Vortragsabend in Budapest. Ueber ihren großen Erfolg schreibt der „Pester Lloyd" folgendes: Fräulein Grete Bach, eSne bekannte Wiener Vortragskünstlerin. debütierte fcier mit dem Vortrag einiger Bibelstellen und Gedichte von Morris Rosenfeld und Edgar Ellen Poe. Mit klarer, durchdringender Intelligenz erfaßte sie Sinn und Seele der Gedichte; ihr kräftiges, ausgeglichenes Organ und ihre vorzüglich geschulte Sprachtechnik sind den mannigfaltigsten künstlerischen Forderungen gewachsen, und in ihrem Vortrag vibriert ein mitfühlendes, tief empfindendes Gemüt. Fräulein Bach hatte einen echten, großen, warmen Erfolg. Die Vorsitzende begrüßte sowohl den lieben Gast wie auch den österreichischen Gesandten Grafen C a 1 i c e, der das Debüt seiner Landsmännin mit seinem Erscheinen beehrte. Im jüdisch-akademischen Philosophen-Verein sprach in einem Hörsaal der philosophischen Fakultät der Universitäi Herr Rabb. Dr. Armand Kaminka über „Marcus Aurelius,Betrachtungen und die Ethik der Psalmen". Redner führte zunächst aus, daß der Kaiser wie der König in ihrem Werke zu sich selbst sprechen, daß beide ihrer Vereinsamung inmitten einer feindseligen und verständnislosen Umgebung Ausdruck verleihen, aber trotz aller Leiden die Herrlichkeit der Welt und ihre weise Leitung durch einen machtvollen Gott zu bewundern nicht müde werden, in der der Mensch einem Wanderer gleich seine Zeit vollendet: beide erkennen die Nichtigkeit des Lebens, in dem nur Treue und sittliches Wohlverhalten von Wert sind und die Gleichheit aller vor dem Tode. Eine Beeinflussung der römischen Gedankenwelt durch die jüdische ist ebenso ausgeschlossen wie umgekehrt:. Aber der menschliche Geist kommt in seinem Streben nach Wahrheit zu ähnlichen Zielen. Es bestehen anderseits grundsätzliche Unterschiede: Marc Aurel sagte hypothetisch: „wenn ein Gott ist, wird er mich nicht verlassen." Für den Psalmisten besteht darüber, daß Gott ist, kein Zweifel. Der Philosoph betont seine Gleichgültigkeit gegen die Erhaltung und Dauer des Lebens, und gestattet sogar ein freiwilliges Scheiden aus demselben, ein Gedanke, der vom Dichter der Psalmen zurückgewiesen wird. Auch die Gemütsruhe der Stoiker, die eher in den Evangelien nachklingt, ist dem Psalmisten unbekannt, ebenso wie ihre Passvität und Resignation; er wünscht sich in einer Mission zu betätigen. Solche wesentlichen Verschiedenheiten der ethischen Anschauungen führten natürlicherweise zu verschiedenen Wirkungen. Der Stoizismus hat einzelne große Persönlichkeiten hervorbringen können; die Ethik der Psalmisten war imstande, die Massen und Völker zu befruchten, und wird fortfahren, auf die Menschheit erhebend zu wirken. — Die zahlreiche Zuhörerschaft spendete dem Vortragenden verdienten Beifall. MecL-Rat Dr. H. H a a s e. Aus Salzburg wird uns geschrieben : Am Salzburger Stadttheater wirkt zur Zeit Fräulein Edith Schüller, die Tochter eines Wiener jüdischen Advokaten. Die junge Dame hat durch ihre große schauspielerische Kunst und seltene Schönheit in allen Salzburger Kreisen besonderes Aufsehen erregt. In den Zeitungen werden ihr die besten; Kritiken gespendet, sogar „Der Eiserne Besen" rühmt ihr hervorragendes Können. Ein Beweis, daß dieses Hakenkreuzhlatt auch anders kann und sich bei der Beurteilung wahrer Kunst manchmal — aber leider allzu selten — doch nicht von judenfeimdlichen Motiven leiten läßt. Der jungen Künstlerin wird überall eine große Zukunft vorausgesagt. Verein der Kinderfreunde zur Bekleidung armer Schulkinder für den XVI. und XVII. Bezirk in Wien XVI., Hubergasse 8. In den letzten Wochen hat dieser Verein 150 arme jüdische Schulkinder mit Schuhen, Kleidung und Wäsche vorzüglicher Qualität versorgt. Die enormen Kosten, welche diese fortgesetzte Aktion verursacht, hat unsere Kassen geleert. Doch noch immer hält der Ansturm der Bittsteller an. Nicht ungehört dürfen die Hilferufe verhallen! Deshalb veranstaltet die Vereinsleitung am 17. Februar 1926, in Gschwandners Saallokalitäten, XVII., Hernalser Hauptstraße 41, wie alljährlich., eine Wohltätigkeits-Masken-Redoute. Musik der Regimentskapelle des Infanterie-Regimentes Nr. 2 unter persönlicher Leitung des Herrn Kapellmeisters M. Thann. Die Vorverkaufskarten zu S 2.50 sind beim Obmann Herrn Rüdolf Urbach, XVI., Veronikagasse 5, Fernruf 29-0-52, beim Obmannstellvertreter Herrn Gottlieb D r a b, XVIII., Martinstraße 7, Fernruf 22-9-56, beim Kassier Herrn Max Werter, XVI., Ottakringerstraße 17. Fernruf 21-501, im Cafe Neue Welt, XVII., Hernalser Hauptstraße 38, Fernruf 23-4-56 und bei allen Vorstandsmitgliedern erhältlich. Seit 45 Jahren entfalten die Kinderfreunde ihre segensreiche, charitative Tätigkeit. Fördern Sie unsere Aktion, damit es in unseren Bezirken kein frierendes jüdisches Schulkind gibt! Wer die Kinder schützt der schütztsichselbst! S.S. Gesangs- und Vortragsabend. Die zahlreichen, den besten jüdischen Kreisen angehörenden Besucher, welche dem Montag, den 1. Februar 1926, stattgehabten Vortragsabend des Herrn Oberkantors Emanuel F r ä n k 1 beiwohnten, hatten einen wirklich großen Genuß. Denn die Darbietungen dieses Abends waren geradezu erstklassig und erweckten wahre Begeisterung für den Veranstalter des Abends sowie für die vorzüglichen Mitwirkenden, die sich uneigennützig in den Dienst der Kunst und Wohltätigkeit gestellt hatten. Es war jüdische Kunst im wahrsten Sinne des Wortes, was da geboten wurde. Die Arien und Lieder des Herrn Oberkantors I. K a t z aus Margareten, die vortrefflichen Rezitationen des Fräulein Margarete Bach sowie die Gesangsvorträge des Herrn Opernsängers Andre, der moderne Opern mit hebräischem Texte zum Vortrage brachte, erweckten wahre Beifallsstürme. Das „Halleluja"', „Emes Weemuno" und JVleloch" des Herrn Oberkantors F r ä n k 1 waren meisterhafte Leistungen der jüdischen Liturgie. Der vortrefflich geschulte Chor rief Bewunderung hervor und das Duett, das von den beiden Soloknaben desselben, Ehrenkranz und H a a g e r, gesungen wurde, gefiel ganz besonders gut. Auch Oberkantor P o s t o 1 o w zeigte durch seine erstklassigen Darbietungen, daß er zu den Besten seines Faches zählt. Die Klaviervorträge des kleinem Fräulein Berti L e w i n, einer Tochter des Mariahilf er Oberkantors, zeigten von großem Talent und viel musikalischer Begabung. Einer der gelungensten Punkte des abwechslungsreichen Programms war der Vortrag Professor Nasches, der die Darbietungen in gewohnter Weise trefflich — aber nicht allzu ungnädig — kritisierte. Alle, die Gelegenheit hatten, dem schönen Abende beizuwohnen, werden die Erinnerungen an denselben noch lange Zeit bewahren.

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