Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 6 (5.2.1926)
- Date
- 1926-02-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 6 das war mir aber zu jüdisch, da habe üdh mich Lew1 genann/t." Der Bruder soll nicht sehr erbaut von der Aufklärung gewesen, sein. Entraßt. Unsere „Völkischen" haben diel Gabe anmutender Wortbildungen^ In der „Weihnachtsnummer" eines •ihrer Kampfblätter findet sich folgender von Aufklärung und Nächstenliebe strotzender Satz: „Ein deutsches Mädchen, das je einem Fremdrassigen, einem Neger, Mongolen oder Juden zu eigen war, ist e n t r a ß t." Herbert Eulenberg und die Juden. Anläßlich des 50. Geburtstages des Dichters Herbert Eulenberg, der kürzlich von aälen IJteraturfreunidein gefeiert wurde, sei auf die Stellung des Poeten zur Judenifrage hingewiesen. Sie ist im der Schrift: „Deutscher Geist und Judenhaß" 1920, formuliert und lautet wörtlich: „Der Judenhaß ist überall häßlich und verwerflich. Besonders aber bei uns in Deutschland. Wir sind den Juden zum größten Dank verpflichtet. Ich persönlich als Künstler muß bekennen, daß ich ohne die Juden in Deutschland längst verhungert ware." ~ Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Dies gilt auch für Rassenschützler, mögen sie sich auch noch so wütend gebärdet haben. Der Fall des ungarischen Schriftstellers Desider Szabo, der bis vor kurzem noch ein erbitterter Rassenschützler war, äst ein schlagender Beweis dafür. Genannter Schriftsteller, ein aufstrebendes und bereits anerkanntes Talent, hatte nämlich die Schändlichkeit der ganzen Rassenschützlerei erkannt und sich, angeekelt durch das Treiben seiner Gesinnungsgenossen, von diesen abgewendet. Es handelt sich aiso hier, wie man sieht, nicht bloß um eine Besserung, sondern um eine volle Umkehr. Doch Herr Szabo wäre ein schlechter Literat, würde er nicht seine bei den Rassenschützlern gemachten Erfahrungen auch schriftstellerisch verwerten. So schrieb er denn einen Roman,, der den bezeichnenden Titel „Hilfe!" führt und in welchem er eine Anzahl rassenschützlerischer Größen samt ihrem Anhange „verherrlicht". Der Roman spielt zwar an einem ganz anderen Orte und auch die „Helden" des Romanes haben andere Namen erhalten. Dennoch aber erkanntem sich die Betroffenen und lösten mit dem Autor des Romanes alle Verbindungen. In diesem Falle führte jedoch die Selbsterkenntnis nicht zur Besserung. Auch hierfür können wir einen schlagenden Beweis erbringen, schlagend im wahrsten Sinne des Wortes. Der Vorfall, von dem wir sprechen wollen, spielte sich im Caf6 Philadelphia in Ofen, einem bekannten ungarischen Künstlercafö, ab und erregte in Budapest und Umgebung einiges Aufsehen. Schriftsteller Desider Szabo saß nämlich ahnungslos mit einigen Freunden bei seinem Schwarzen. Da schritt der rassenschützlerische Journalist Aladar Bodor, der in genanntem Romane in einer Weise verherrlicht worden war, daß ganz Ungarn über ihn lachte, auf Szabo zu, grüßte nicht und sprach: „Ich bin gekommen, um dich für deinen neuesten Roman zu ohrfeigen. Hier hast du für den ersten Band die erste Ohrfeige." Gesagt, getan! Im nächsten Augenblick saß bereits die angekündigte Ohrfeige. Der zu Tode erschrockene Szabo schrie aus Leibeskräften: „Hilfe, Hilfe!" Diesen gellenden Ruf stieß der arme Szabo aber nicht etwa deswegen aus, weil er die übrigen Cafeliausgäste auf den Titel seines neuesten literarischen Produktes aufmerksam machen wollte, sondern, weil sich der rasende Rassenschützler anschickte, ihm für die demnächst erscheinenden Bände der Romanfolge einen Vorschuß zu erteilen. In diesem Beginnen wurde jedoch Bodor von dem rasch herbeieilenden Kellner gestört, der ihm in den Arm fiel und so der ungewöhnlichen literarischen Auseinandersetzung ein Ende bereitete. Bodor erklärte jedoch, daß er Szabo bei nächster Gelegenheit die noch ausstehenden Ohrfeigen für den zweiten und dritten Band der Romanfolge erteilen werde. Die ungarischen Blätter, die von diesem Vorfall eine ausführliche Schilderung bringen, berichten nicht, ob die Angelegenheit ein gerichtliches Nachspiel haben wird; doch glauben wir, wenn es zu einem solchen kommen sollte, wird man es dem Beschuldigten als mildernden Umstand anrechnen müssen, daß er „in patriotischer Aufwallung" gehandelt habe. Jedenfalls können wir bei der Art der Rassenschützler, sich geistig auseinanderzusetzen, die ungarischen Literaten nicht eindringlich genug warnen, künftighin in der Auswahl der Personen ihrer Dramen, Lustspiele, Romane etc. und in deren Charakterisierung sehr vorsichtig zu sein. Sonst könnte sich nämlich vielleicht irgend ein Rassenschützler oder „Erwachender" getrQffen fühlen und es erginge dem unvorsichtigen Autor genau so wie dem armen Desider Szabo. Denn böse Beispiele verderben gute Sitten. Jüdische Weltkonferenzen. Wir erhalten von unserem geschätzten Mitarbeiter Herrn Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann, Trier, folgende Zuschrift: „Die Notiz in Nr. 3 Ihrer .Wahrheit' mit dem obigen Titel veranlaßt mich, die nachfolgenden Zeilen an Sie zu richten. Ich habe in Nr. 12 der , Wahrheit' vom Jahre 1923 einen Artikel mit dem Titel ,Kongreßfieber" veröffentlicht und darin die Idee eines jüdischen Weltkongresses vom gesetzestreuen Standpunkt aus beleuchtet und nach jeder Richtung hin begründet. Der Artikel ist auch im .Israelitischen Familienblatt', Hamburg, in etwas kürzerer Form erschienen. Die Gedankengänge des Kollegen Dr. Dienemann haben also schon in meinen Ausführungen von damals ihre Vorläufer gehabt, nur daß ich die Sache vom Grund aus faßte und von einem alten biblischen Gebet ausging. Dr. Dienemanns und meine Weltanschauung stimmen, im Punkte der religiösen Auffassung zwar nicht überein. aber auch mir erschien schon damals ein Kongreß aller positiv jüdisch orientierten Schattierungen über den engen Rahmen der Palästinafrage hinaus als eine brennende Notwendigkeit in mannigfacher Hinsicht. Auch für die Frage des ,Wie' gab ich damals manche Anregung." Anklageerhebung gegen Walter Gattermayer. Seitdem Walter Gattermayer von seiner eigenen Partei abgesägt worden ist, hat man keinen Anlaß gehabt, sich mit diesem antisemitischen Hetzapostel weiter zu befassen. Durch die Anklage, welche die Staatsanwaltschaft gegen ihn erhoben hat, ist er, wenn auch unfreiwillig, in das Licht der Oeffentlichkeit getreten. Gegenstand der Anklage sind die bekannten Presseausschreitungen des ehemaligen Hakenkreuzführers anläßlich des Wiener Zionistenkongresses. Er wurde „wegen Herabwürdigung einer anerkannten Religion, wegen Schmähung der Regierung und Aufreizung zu Haß und Verachtung" angeklagt und wird sich wegen aller genannten Delikte in der nächsten Zeit vor dem Schwurgericht zu verantworten haben. Der Salzburger „Grobian" vom 28. v. M. ergreift selbstverständlich offen für den Angeklagten Partei und erklärt die Anklage natürlich für eine „Judenmache". Offenbar haben die Juden den Staatsanwalt bestochen, damit er diese Anklage erhebe. Genanntes Blatt fordert den Staatsanwalt auf, „den Talmud, die Bücher Mosis, das Purimfest, die Schächterbräuche (Ritualmord?), das scheußliche Kolnidregebet zu studieren", da er dann zur Ueberzeugung gelangen werde, „daß diese Jahwesatzungen nicht Religion genannt werden können". Wir glauben nicht, daß der Staatsanwalt dieser freundlichen Aufforderung nachkommen wird, sondern sind eher der Meinung, daß sich der Anwalt des Staates, falls er selbst ein frommer Mann sein sollte, des Dekalogs, der Psalmen sowie überhaupt aller jener von tiefster Ethik erfüllten Stellen des alten Testamentes erinnern wird, die später von der Tochterreligion nahezu unverändert übernommen wurden. „Der Grobian" fordert schließlich seine Leser auf, „die Streitaxt zu begraben, alle kleinlichen Gegensätze zur Seite zu stellen und geschlossen hinter Gattermayer zu stehen." Wir glauben nicht, daß diese Aufforderung zur Einigkeit von Erfolg begleitet sein wird und halten es nach all dem. was sich inzwischen innerhalb der nationalsozialistischen Partei ereignet hat, für unwahrscheinlich, daß sich die einst so begeisterten Anhänger Gattermayers „geschlossen" hinter ihren angeklagten Führer stellen werden. Wir hoffen vielmehr, daß durch eine Verurteilung der Fall Gattermayer endgültig erledigt sein wird. "Jüdische Gemeinde". Wir werden um Aufnahme folgender Zeilen ersucht: In Nummer 19 der „Jüdischen Gemeinde" wird im Leitartikel „Der Auflösungsprozeß der Wiener Kultusgemeinde" einer destruktiven Kultusgemeinde-Politik das Wort geredet, welches ein Angestellter der Kultusgemeinde, er mag sogar in gewerkschaftlichen Fragen radikaler Anschauung sein, niemals billigen kann. Dies veranlaßt den Gefertigten, um jedem Mißverständnisse vorzubeugen, zu erklären, daß er seit vielen Monaten weder dem Redaktionskomitee der genannten Zeitung angehört, noch irgendwelchen Einfluß auf Publikationen in dieser Zeitung nimmt. Dr. G. Freudmann, Beamter deT israelitischen Kultusgemeinde Wien (Kültusamt). General Freudenberg. Der bekannte junge Flieger Freudenberg wurde zum General dler französischen Armee ernannt. Dieser jüdische Gelehrte, der aus dem Elsaß stammt, hat vieles auf dem Gebiete der Physik und Mathematik geschaffen, aber besonders hat er sich als Flieger an der marokkanischen Front ausgezeichniet; dort hat er 'die ganze Luftflotte befehligt. Diese Auszdchnungen haben nicht nur bei dien Juden Begeisterung hervorgerufen, soiDcLem auch die ganze franzöische Presse hat dem jungen Manne große, und warme Artikel gewidmet