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Die Wahrheit · 1926-02-05 · Heft 6 (5.2.1926) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 6 (5.2.1926)
Date
1926-02-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 6 tm WAJflffiEIT Seite 9 Wahrheiten vom Tage Hochschulnachrichten. An den Hochschulen herrschte in den letzten Monaten ziemliche Ruhe und der Studienbetrieb konnte, von keinen hakenkreuzlerischen Exzessen. Raufereien und Gewalttätigkeiten gestört, seinen Fortgangnehmen. Im Stillen dauerte natürlich die antisemitische Hetze weiter an und die svsteinatische Verseuchung unserer Hochschuljugend mit dem Gifte des Rassenhasses machte weitere Fortschritte. Nun aber hat es den Anschein, als ob die radikalen Studenten« gruppen wieder etwas aktiver werden sollten. Anfang Februar finden die Wahlen zur „Deutschen Studentenschaft" statt und der „völkisch-soziale Block" betreibt eifrige Propaganda für seine Einheitsliste. In der Aula der Universität hängen an eigenen Ständern auffallende Plakate, in denen die national fühlenden deutschen Studenten in — fast möchte man sagen — befehlender Form aufgefordert werden, nur für die hakenkreuzlerische Liste zu stimmen. In einem umfangreichen Aufruf werden dann die Großtaten der hakenkreuzlerischen Studentenvertretung geschildert und besonders die hervorragende Tätigkeit des unseren Lesern bereits zur Genüge bekannten „Kulturamtes" hervorgehoben. In dem Aufrufe befindet sich auch folgender Satz: „Unsere Universität muß eine Stätte deutscher Wissenschaft und Forschung bleiben; daher kämpfen wir seit Jahren für den gesetzmäßig festgelegten Schutz vor jüdischer Ueberfremdung." Dagegen wäre nun einzuwenden, daß es natürlich keine deutsche Wissenschaft geben kann, ebensowenig wie eine französische, englische oder italienische, sondern daß die Wissenschaft nur international sein kann. Was aber die „jüdische Ueberfremdung" betrifft, so ist .dies ein Wahngebilde ohne irgendeinen Tealen Hintergrund.* Denn gerade das Gegenteil ist der Fall. Bei der Ernennung von Professoren, Dozenten und Assistenten werden Juden kaum mehr berücksichtigt und die ungleichmäßige Behandlung von Juden und Nichtjuden durch die Universitätsbehörden wurde von uns oftmals gegeißelt. Gezeichnet ist der Aufruf unter anderen von dem sattsam bekannten Herrn Koerber. dem Führer der hakenkreuzlerischen Studentenschaft. Diesem Herrn stellte das Rektorat bereitwilligst einen. Hörsaal zur Verfügung, damit er dort seine aufreizenden, von maßlosem Haß erfüllten Reden halten kann. Das Thema seiner letzten, am 27. v. M. gehaltenen Rede lautete: „Der Numerus clausus — eine Existenzfrage". Die oberste Universitätsbehörde unterstützt also die Propaganda für eine den österreichischen Staatsgrundgesetzen widersprechende, gegen die Angehörigen einer bestimmten Religionsgemeinschaft gerichtete Einrichtung und da wagt man es noch, von einer „jüdischen Ueberfremdung" zu sprechen. Der gleiche Herr Körber ist auch der Urheber der Krawalle, die vor kurzem von den hakenkreuzlerischen Studenten an der Handelshochschule hervorgrufen wurden. Die Hakenkreuzler demonstrierten gegen den Rektor dieser Hochschule Hofrat Dr. Gruntzel in überaus stürmischer Weise, weil dieser seinerzeit eine hakenkreuzlerische Versammlung verboten hat. und nicht gestatten will, daß In den Anschlagekästen aufreizende Aufrufe etc. angebracht werden. Ein bezeichnendes Licht auf die Manieren und die gute Erziehung des Vorkämpfers des „nationalen Gedankens", nämlich des Herrn Körber, wirft folgender Vorfall, der sich am 26. v. M. in der Vorlesung des Hofrates Gruntzel abgespielt hat. Als der Rektor seine Vorlesung begann, nahmen alle Hörer Platz, nur Körber blieb stehen und las demonstrativ eine antisemitische Zeitung, wahrscheinlich, um dem Vortragenden auf diese Weise seine Mißachtung zu beweisen. Hofrat Gruntzei forderte Körber auf, sich den in einem Kolleg geltenden Sitten anzupassen oder sich in den Studiensaal zu begeben, wo das Zeitunglesen gestattet sei. Als Körber diese Aufforderung unbeachtet ließ, erteilte ihm Hofrat Gruntzel einen Verweis und setzte seine Vorlesung fort. Am Schlüsse der Vorlesung veranstaltete er unter den 150 Hörern eine Abstimmung über das Benehmen Körbers, worauf sich bloß fünf Hörer für diesen erklärten. Nach der Vorlesung fand auf dem Korridor eine ziemlich scharfe Kontroverse zwischen Körber und dem sein Auftreten mißbilligenden Teil der deutschen Studentenschaft statt, die sich auch in den Hörsaal fortsetzte.» Mittlerweile hatte die demostrierende Gruppe Zuzug von außen erhalten. Man hielt harranguier ende Reden und begab sich in die Aula, wo Kampflieder gesungen wurden. Es kam nun auch zu sehr lebhaften Demonstrationen gegen Hofrat Gruntzel. Plötzlich setzte sich die ziemlich angewachsene Gruppe in Bewegung und traf Anstalten, das gesperrte Institutslokal gewaltsam zu öffnen. Nur dem Eingreifen des Kanzleidirektors Dr. Wiedermann, der die Studenten auf die rechtlichen Folgen ihres Schrittes aufmerksam machte, gelang es, sie von diesem Terror abzuhalten. Die Oeffentlichkeit, die ein eminentes Interesse an der Ruhe und Ordnung an unseren Hochschulen» hat, kann dem unverschämten Treiben der hakenkreuzlerischen, nationalsozialistischen oder völkisch blockierten Studenten auf die Dauer nicht ruhig zusehen und insbesondere wäre es an der Zeit, daß man dem Herrn Körber, dem ewigen Unfriedenstifter, einmal gründlich das Handwerk legt und ihn sowie seinen Anhängern deutlich in Erinnerung bringt, daß die Hochschulen zum Studium da sind, aber nicht zum Krawallisieren. In einer auf dem schwarzen Brette der Hochschule für Welthandel angeschlagenen Kundmachung hat der Rektor Hofrat Professor Dr. Gruntzel zu den betrübenden Vorkommnissen an dieser Hochschule Stellung genommen. In dieser Kundmachung steht u. a. folgendes: „Beanstandet wurden: 1. Emilie Klepeta aus Penzing, Nichtstudentin, wurde der Polizei angezeigt. 2. Adolf Botkowski, Hörer des ersten Semesters aus Borenceni (Rumänien). 3. Edgar Peyersfeld aus Szuczawa (Rumänien), derzeit nicht inskripiert. 4. Robert Körb e r, 30 Jahre alt. Student im elften Semester, inskribiert in dem Handelslehrkurs." Wer also waren die wackeren Recken, die für den deutschen Charakter der Welthandelsschule eingetreten sind? Zwei Rumänen, ein Teilnehmer des Handelslehrkurses im 11. (!) Semester und eine Nichtstudentin. Das Feuer, das vor einigen Tagen in einem Teile des Universitätsgebäudes ausgebrochen war , hätte unsere höchste Bildungsstätte zu einem Raub der Flammen gemacht, wenn es nicht der aufopfernden Arbeit der Feuerwehr gelungen wäre, den Brand zu lokalisieren. Das Feuer, das der Furor teutonicus an allen Ecken und Enden unserer Hochschule legt, kann sich desgleichen zu einem gefährlichen Brande entwickeln, wenn dem Treiben der Brandstifter nicht Einhalt geboten wird. Die friedfertigen Hakenkreuzler. Abg. Stöhr von der deutschen Völkischen Freiheitspartei lehnte im Rahmen seiner letzten Reichtstagsrede für sich und seine Parteifreunde jeden Mord, auch jeden politischen Mord, aus moralischen, religiösen und politischen Vernunftgründen ab. Damit aber nicht etwa jemand glaubt, die forschen Antisemiten hätten sich zu dem Juden-Gebot: „Du sollst rtfcht töten!" bekehrt, fügte Rednier gleich die wirkliche Begründung dieser überraschenden Stellungnahme hinzu: „Weil gewöhnlich nichts Besseres nachkommt, wie man bei der Nachfolgerschaft von Rathenau durch Stresemann gesehen hat". Prinz Windischgrätz und der Rabbi. Vor einigen. Monaten wurde, wie erinnerlich, der greise Rabbi von Olaszliska (Ungarn) verhaftet, weil gegen ihn der Verdacht ausgesprochen wurde, daß er an Geldfälschungen eines seiner Söhne mitbeteiligt war. Mehrere Würdenträger des Ortes, unter ihnen der katholische Priester, die von der Lauterkeit des greisen Rabbi überzeugt waren, pilgerten nach Budapest und sprachen bei einflußreichen Persönlichkeiten vor, um die Enthaftung des Greises zu erwirken. So kamen sie auch zum Prinzen Winddschgrätz. Dieser aber schrie die Deputanten. an, sie mögen sich schämen, daß sie einen jüdischen Falschmünzer in Schutz nehmen. — In Olaszliska erinnert man sich jetzt mit Lächeln an diesen Empfang und fragt sich, wer nun der wirkliche Falschmünzer war: der Rabbi oder der Prinz? Morarescu Pogrom-Agitator. Oberleutnant Morarescu, cfer bekanntlich wegen Ermordung und Beraubung von mehr als 30 jüdischen Pogromflüchtigen, sowie wegen Unterschlagung und Dokumentenfälscmmff angeklagt, vom rumänischen MilStärgericht aber freigesprochen! wurde, betätigt sich jetzt als antisemitischer Agitator im Dienste Cuzas. Im Dorfe Valea Lunca hielt er vor den Bauern eine antisemitische Brandrede und erregte sich so sehr, daß ihm Schaum vor den Mund trat. Von dort reiste er in andere Dörfer. Der jüdische Name. Der Kapellmeister Hermann Levi, der erste Bayreuth er „Parsif al"-Dirlgent, besaß einen weniger berühmten Bruder, der sich taufen lassen und dabei den Namen Lindegg angenommen hatte. Als die beiden in einer Gesellschaft als Brüder vorgestellt wurden, wunderte sSch ein Herr über die Verschiedenheit ihrer Namen. Worauf ihn Hermann Levi folgendermaßen aufklärte: „Wissen Sie, mein Herr, ich hieß früher auch Lindegg,

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