Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 6 (5.2.1926)
- Date
- 1926-02-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S DiB WAIflg^t Nr. 6 paar Tage auf die Jagd gehen. Ein Abgeordneter, der fleißig Goethe liest erinnerte sich bei dieser Gelegenheit an das Wort: „Man glaubt zu schieben und wird geschoben!", das er dann passend variierte. * * * Der ungarische Unterrichtsminister Graf Kuno Klebelsberg, der, seitdem er als Vertreter des Numerus clausus in Genf fungierte, der gefeierte Liebling der Rassenschützler ist, war kürzlich in Gefahr, von ihnen als schändlicher Verräter gebrandmarkt zu werden. Was war geschehen? Gömbös hatte erfahren, der Unterrichtsminister wolle durch eine Verordnung einer die gesetzliche Quote übersteigenden Zahl von Hörern des Rabbinerseminars den Eintritt in die philosophische Fakultät gestatten. Rassenschützler können, wenn es ihnen paßt, Notenfälschung, Raub und Mord usw. usw. billigen, aber ein Gesetz ist ihnen heilig: Der Numerus clausus. Wehe dem Minister, der dieses Gesetz verletzt! Gömbös schwur einen heiligen Eid, Klebelsberg müsse aus dem Kabinett hinaus und kein einziger Jude dürfe in einen Lehrsaal hinein! Der Graf war so glücklich, seine Verordnung durch den Hinweis auf eine Gesetzesbestimmung entschuldigen zu dürfen, die die philosophische Ausbildung der Hörer des Rabbinerseminars ausschließlich im Lande fordert. Die Rassenschützler haben sich damit beruhigt. Vielleicht haben sie auch eingesehen, daß im Grunde genommen die paar jüdischen Studenten, um die es sich in diesem Falle handelt, auch nach der Erlangung einer Rabbinerstelle keinem Rassenschützler einen Platz wegnehmen werden. * * * Höhnisch hat der Führer der ungarischen Antisemiten von Vaszonyi als dem!, „ewigen Juden" gesprochen. Nun, Vaszonyi, der überzeugungstreu für Recht und Wahrheit eintritt und den Mut hatte, selbst dem Thronkaodidaten der Rassenschützler zuzurufen, es sei kein rühmliches Unternehmen, „das Erbe von Waisen in die Tasche stecken m\ wollen", dieser Vaszonyi ist kein schlechter Repräsentant des jüdischen Volkes, das seine Mission darin erblickt, im Geiste seiner Propheten die höchsten Ideale der Menschheit zu verkünden. Das jüdische Volk, dieser „ewige Jude", wird auch die Zeiten überdauern, in denen falsche Diener der Religion den Haß predigen und treulose Diener der Gerechtigkeit Verbrechen schützen durften. Ego. Eine Sommerreise durch Nordfrankreich. Vortrag, gehalten von David Herzog. (Fortsetzung.) Doch zurück jetzt zu unserem Abteil! Obwohl die Juden, die dort saßen, eine Ahnung davon hatten, auf welch jüdisch historischem Boden wir uns in dem hinter uns liegenden Vesoul (vgl. Morey M„ in Revue des Etudes juifs, Band VII, S. 1; Loeb I., ebenfalls dort VIII—IX, namentlich Chaim b. Jakob) in Langres, in Bar-sur-Aube (vgl. a. a. 0. 111, S. 214) und jetzt in Troyes, welches wir nach lieberquerung der Seine schon gesehen hatten, befinden. Troyes, eine gallische Stadt, die Augusfrbona der Römer, im Mittelalter dfie Capitale der Champagne genannt, jetzt Häuptort des Departements Aube, an der Seine gelegen, ist jetzt von seinen Spinnereien, Strumpf- Wirkerelen und seiner Eisenindustrie bekannt. Die vielen alten. noch aus Holz gebauten Häuser sind eine Sehenswürdigkeit. Uns Juden aber ist die Stadt darum teuer, weil hier im Jahre 1040 Salamo ben Isaak, gewöhnlich Raschi genannt, geboren worden ist, der dann später als Rabbiner und Lehrer bis an sein Lebensende hier gewirkt hat. Hier und in der Umgebung ist jeder Zoll Erde getränkt von jüdischer Geschichte. Hier wirkten die Tossaphisten, die berühmten Erklärer des Talmud, hier lebten die beiden Schwiegersöhne Raschis, R. Mair ben Samuel; Jehudah ben Nathan, (Riban); hier die Enkel Raschis: Isaak ben Meir (Ribham); Samuel b. Meir (Raschbam) und hier auch eine Zeitlang Jakob ben Meir, gewöhnlich Jakob Tarn oder auch Rabbenu Tarn genannt, der dann später in dem nahegelegenen Ramerupt (Rameru) lebte; hier lebten Josef ben Simon Kara, Schemaja b. Abraham, Juda b. Abraham, Josef b. Mosche, Isaak b. Hoschaja halevi, Simson, Eliezer hanadibh und noch viele andere für die jüdische Wissenschaft bedeutende Männer. Hier fanden auch die großen Judenmetzeleien während der Kreuzzüge statt. Von all diesem ist in der Stadt nichts mehr in Erinnerung. Nur eine Rue des juifes, die aber gewiß nicht das ehemalige Quartier der Juden war, dürfte besagen, daß in der Stadt einst eine bedeutende jüdische Siedelung gewesen ist Die jetzt dort wohnenden, aus dem Elsaß vor nicht langer Zeit sich dort angesiedelten 50 jüdischen Familien besitzen nunmehr nur eine leise Erinnerung an die große Vergangenheit ihrer Gemeinde. Doch lassen wir jetzt wieder die Vergangenheit und rollen wir weiter über die flache Ebene, die uns über La Fernere führt, wo sich das herrliche Schloß der Rotschilds befindet und das ja bekanntlich im Jahre 1870 das deutsche Hauptquartier war, und die uns nach Paris nicht verläßt Paris: Gare de l'Est! Ein Bienenschwarm ist ein Spiel gegenüber diesem Lärm und Treiben. Auto auf Auto, Straßenbahnwagen, Omnibusse, Menschen, alles durcheinander. Hupen und Craxons machen einen ohrenbetäubenden Lärm. Anfangs fürchtet man die Straßen zu durchqueren. Fremdet, die zum erstenmal das sehen, schreien, weinen, bis nicht ein wohlwollender Mann sie an die Hand nimmt und sie an die andere Ecke der Straße bringt. Gar manchem merkt man an, er möchte am liebsten Gomelbenschen. Da ich mich jetzt auf meiner Fahrt nach Trouville nur einen Tag in Paris aufhalten wollte und mir ein alter Freund, ein berühmter Rechtsanwalt, sagen ließ, daß er morgen schon nach Vichy verreise und ich ihn darum noch heute besuchen müsse, tat ich dies und lernte wieder ein vornehmes jüdisches Haus in seiner Innenkuitur kennen. Bei den herrlichen Noten* einbänden und dem prächtigen Notenschranke, mußte ich mich unwillkürlich an die prachtvolle Notensammlung unseres lieben Dr. S. erinnern. Ich will hoffen, daß ich ihm dadurch kein Ohrensausen verursacht habe. Nächsten '(ag ging es mit dem Rapid, einem eigens nur zwischen Paris und Trouville rollenden, ideal schönen Wagen II. Klasse nach dem Gestade des Atlantischen Ozeans, nach dem von mir schon lange mit Sehnsucht erstrebten Trouville, dort, wo einst der berühmte Maler Mozin und Alexander Dumas die schönsten Tage ihres Lebens verbracht haben. Trouville und1 Deauville. die zwei Schwesterstädte, nur durch einen schmalen Wasserarm voneinander getrennt, haben ihren Ruhm geteilt. Trouville birgt das gut bürgerliche Paris. Deauville den Reichtum der ganzen Weit. Und doch •unvergleichlich reizender Trouville, dessen Strand der Franzose mit Recht: la Reine des Plages nennt. Ich habe viele Strande gesehen, ich war am Atlantischen Ozean, am Mittelländischen Meere, am Adriatischen Meere, an der Nord- und Ostsee und auch ich kann vom Strande in Trouville, der bis zu den Roche noir von einem herrlichen Hügelkranz, in den herrliche Villen und Hotels eingebaut sind, die von einer 1500 m langen prächtigen Promenade umsäumt sind, sagen: Ia plus belle des Plages. Aber nicht nur der Strand ist schön, auch der Sand, der feinste, den man sich denken kann und das Wasser, namentlich zur Zeit 'der Flut, weil nur da meistens gebadet wird, geradezu ein Labsal für den Körper. Dabei in jedem Hotel eine vorzügliche Küche und im Kasino ist für Tanz, Theater und Spiel gesorgt. Wer viel verspielen will, hat im Bakkaratsaale, zu dem man ein besonderes Entree zahlen muß, reiche aussichtsvolle Gelegenheit. , (Fortsetzung lolgi.) &cUqs IDOTGA5SE-1 IIIUIII